Full text: Der rückschauende Kopf. Basaitis Berufung der Söhne des Zebedäus und Platons Kugelmenschenmythos

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Kinder – einmal von Jahwe gefordert und im letzten 
Moment verhindert, einmal von Jephta unvorsichtig Jahwe 
versprochen und mit göttlicher Billigung durchgeführt – 
und gelten in der christlichen Tradition als alttestamenta- 
rische Präfigurationen einer anderen väterlich verhängten 
Hinrichtung: des Opfertodes Jesu. Durch diese beiden 
Grisailleszenen in der Architektur weist der Bilderfinder 
daher auf die zukünftige Leidensgeschichte des kleinen 
Kindes hin, das in der Hauptszene noch froh und munter 
im Schoß seiner Mutter nach dem Apfel greift, den ein 
freundlich lächelnder Engel ihm hinreicht und dazu wohl 
erst kurz zuvor sein himmlisches Spiel auf der Streichlyra 
unterbrochen hat. Als schmückende Draufgabe spannen 
ebenfalls sehr lebendig wirkende, aber im Maßstab nicht 
zu den Präfigurationen passende Grisailleputti schwere 
und im Gegensatz zu ihnen bunte Blumen- und Frucht- 
girlanden quer über den Thronbaldachin Marias. 
Auch Basaitis Grisaillemänner agieren, auch sie sind 
quasi lebendige »steinerne Gäste« an ihren Säulen. Ihre 
Haare etwa sind sehr realistisch gemalt: Die schütteren 
Strähnen mit durchscheinender Glatze des Rechten kann 
kein Bildhauer aus Stein meißeln; dergleichen kann nur 
die Malerei 
zeigen.21 
Durch die monochromen Weiß- und Grautöne wird 
allerdings der Eindruck erweckt, es handle sich um Stein, 
was assoziativ die Vorstellung von Dauerhaftigkeit, Be- 
ständigkeit, Altertum befördert, ja geradezu die »Antike« 
vergegenwärtigen kann: so etwa bei Mantegna, der in 
seiner Malerei oft antike Skulpturen rezipierte. Auch ihm 
bot die biblische Überlieferung Gelegenheit, die bleibende 
Gültigkeit und Erhabenheit einer Szene zu betonen, indem 
er sie als steinernes Relief malte, z.B. in seiner Opferung 
Isaaks (Abb. 12). In diesem Fall erhält die Szene, in der 
Abraham Gottes Geheiß gehorchen will, seinen Sohn zu 
töten (Gen 22, 1–4), dadurch einen unerschütterlichen und 
rigorosen, aber auch leidenschaftslosen Charakter, der ihr 
als Präfiguration der Passion Jesu gut ansteht. Mit Man- 
tegna sind wir in Italien angelangt, aber auch niederländi- 
sche Grisaillemalereien waren in Venedig sicherlich be- 
kannt, da Venedig als Handelsstadt und Kunstzentrum 
viele nordeuropäische Künstler anzog. 
21 Ein analoges Spiel mit gemalten Materialien zeigt Francesco del Cossas 
um 1473 geschaffene Tafel mit Johannes dem Täufer (ursprünglich Teil 
des Griffoni-Altars in San Petronio in Bologna, heute in Mailand, 
Pinacoteca di Brera). Johannes hält darin seinen Eremitenstab, in den 
unter dem bekrönenden Kreuz ein etwa kopfgroßer goldener Ring 
eingefügt ist. Darin steht auf einer Querverstrebung ein völlig le- 
bensecht gemaltes Lamm, das dem Betrachter das Hinterteil zukehrt: 
offenbar der Agnus Dei, das traditionelle Attribut des Täufers. Irritie- 
rend wirkt der Widerspruch zwischen Material und Maßstab, denn 
für ein gedachtes lebendiges Lamm ist die Darstellung zu klein, wäh- 
rend für eine gedachte Goldschmiedearbeit das wollige Fell zu natu- 
ralistisch ist: Man würde Glanzlichter auf Metall oder Email erwarten. 
Eine ausführliche Besprechung dieses Details und Vergleichsbeispiele 
bietet Anna Degler, Parergon. Attribut, Material und Fragment in der 
Bildästhetik des Quattrocento, Paderborn 2015, 148–153. 
Um die möglichen Motivationen dieses ikonographi- 
schen Kunstgriffes zusammenzufassen: Wenn Grisaillen 
und normal farbig gemalte Personen in einem Gemälde 
gemeinsam auftreten, dann kann das die Gegenwärtigkeit 
von Vergangenem ausdrücken oder eine andere Reali- 
tätsebene einführen, jedenfalls dem Betrachter eine 
weitere Information zur Hauptdarstellung liefern. 
Daraus ergibt sich die Frage, ob die beiden nackten 
Grisaillemänner bei Basaiti vielleicht Figuren der alt- 
testamentarischen Überlieferung sein könnten, die hier 
in irgendeiner Weise als Informanten oder Allegorien 
dienen. Adam ist uns in dieser Weise bei Rogier van der 
Weyden begegnet: Er wird im Paradies meist unbekleidet 
und nach der Vertreibung oft mit einem Feigenblatt oder 
zumindest einer Hand vor den Genitalien dargestellt. 
Die rechte Gestalt ließe sich daher als ein noch unver- 
triebener Adam interpretieren. Aber links steht nicht eine 
ebenso nackte oder kaum bedeckte Eva, sondern ein 
zweiter Mann klammert sich eng an seine Säule: Sollte 
das derselbe Adam NACH der Vertreibung sein, der sich 
seiner Nacktheit schämt und sie durch die (phallische) 
Säule zu verbergen sucht? Die beiden Männer sehen 
einander allerdings nicht ähnlich, und der linke hat 
dichtes gelocktes Haar, der rechte Glatze und Bart. 
Abb. 12: Andrea Mantegna, Opferung Isaaks, 1490/95, Leinwand,   
48,5 × 36 cm. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie,   
Inv.-Nr. 1842
	        
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