SEITE 10
Kinder – einmal von Jahwe gefordert und im letzten
Moment verhindert, einmal von Jephta unvorsichtig Jahwe
versprochen und mit göttlicher Billigung durchgeführt –
und gelten in der christlichen Tradition als alttestamenta-
rische Präfigurationen einer anderen väterlich verhängten
Hinrichtung: des Opfertodes Jesu. Durch diese beiden
Grisailleszenen in der Architektur weist der Bilderfinder
daher auf die zukünftige Leidensgeschichte des kleinen
Kindes hin, das in der Hauptszene noch froh und munter
im Schoß seiner Mutter nach dem Apfel greift, den ein
freundlich lächelnder Engel ihm hinreicht und dazu wohl
erst kurz zuvor sein himmlisches Spiel auf der Streichlyra
unterbrochen hat. Als schmückende Draufgabe spannen
ebenfalls sehr lebendig wirkende, aber im Maßstab nicht
zu den Präfigurationen passende Grisailleputti schwere
und im Gegensatz zu ihnen bunte Blumen- und Frucht-
girlanden quer über den Thronbaldachin Marias.
Auch Basaitis Grisaillemänner agieren, auch sie sind
quasi lebendige »steinerne Gäste« an ihren Säulen. Ihre
Haare etwa sind sehr realistisch gemalt: Die schütteren
Strähnen mit durchscheinender Glatze des Rechten kann
kein Bildhauer aus Stein meißeln; dergleichen kann nur
die Malerei
zeigen.21
Durch die monochromen Weiß- und Grautöne wird
allerdings der Eindruck erweckt, es handle sich um Stein,
was assoziativ die Vorstellung von Dauerhaftigkeit, Be-
ständigkeit, Altertum befördert, ja geradezu die »Antike«
vergegenwärtigen kann: so etwa bei Mantegna, der in
seiner Malerei oft antike Skulpturen rezipierte. Auch ihm
bot die biblische Überlieferung Gelegenheit, die bleibende
Gültigkeit und Erhabenheit einer Szene zu betonen, indem
er sie als steinernes Relief malte, z.B. in seiner Opferung
Isaaks (Abb. 12). In diesem Fall erhält die Szene, in der
Abraham Gottes Geheiß gehorchen will, seinen Sohn zu
töten (Gen 22, 1–4), dadurch einen unerschütterlichen und
rigorosen, aber auch leidenschaftslosen Charakter, der ihr
als Präfiguration der Passion Jesu gut ansteht. Mit Man-
tegna sind wir in Italien angelangt, aber auch niederländi-
sche Grisaillemalereien waren in Venedig sicherlich be-
kannt, da Venedig als Handelsstadt und Kunstzentrum
viele nordeuropäische Künstler anzog.
21 Ein analoges Spiel mit gemalten Materialien zeigt Francesco del Cossas
um 1473 geschaffene Tafel mit Johannes dem Täufer (ursprünglich Teil
des Griffoni-Altars in San Petronio in Bologna, heute in Mailand,
Pinacoteca di Brera). Johannes hält darin seinen Eremitenstab, in den
unter dem bekrönenden Kreuz ein etwa kopfgroßer goldener Ring
eingefügt ist. Darin steht auf einer Querverstrebung ein völlig le-
bensecht gemaltes Lamm, das dem Betrachter das Hinterteil zukehrt:
offenbar der Agnus Dei, das traditionelle Attribut des Täufers. Irritie-
rend wirkt der Widerspruch zwischen Material und Maßstab, denn
für ein gedachtes lebendiges Lamm ist die Darstellung zu klein, wäh-
rend für eine gedachte Goldschmiedearbeit das wollige Fell zu natu-
ralistisch ist: Man würde Glanzlichter auf Metall oder Email erwarten.
Eine ausführliche Besprechung dieses Details und Vergleichsbeispiele
bietet Anna Degler, Parergon. Attribut, Material und Fragment in der
Bildästhetik des Quattrocento, Paderborn 2015, 148–153.
Um die möglichen Motivationen dieses ikonographi-
schen Kunstgriffes zusammenzufassen: Wenn Grisaillen
und normal farbig gemalte Personen in einem Gemälde
gemeinsam auftreten, dann kann das die Gegenwärtigkeit
von Vergangenem ausdrücken oder eine andere Reali-
tätsebene einführen, jedenfalls dem Betrachter eine
weitere Information zur Hauptdarstellung liefern.
Daraus ergibt sich die Frage, ob die beiden nackten
Grisaillemänner bei Basaiti vielleicht Figuren der alt-
testamentarischen Überlieferung sein könnten, die hier
in irgendeiner Weise als Informanten oder Allegorien
dienen. Adam ist uns in dieser Weise bei Rogier van der
Weyden begegnet: Er wird im Paradies meist unbekleidet
und nach der Vertreibung oft mit einem Feigenblatt oder
zumindest einer Hand vor den Genitalien dargestellt.
Die rechte Gestalt ließe sich daher als ein noch unver-
triebener Adam interpretieren. Aber links steht nicht eine
ebenso nackte oder kaum bedeckte Eva, sondern ein
zweiter Mann klammert sich eng an seine Säule: Sollte
das derselbe Adam NACH der Vertreibung sein, der sich
seiner Nacktheit schämt und sie durch die (phallische)
Säule zu verbergen sucht? Die beiden Männer sehen
einander allerdings nicht ähnlich, und der linke hat
dichtes gelocktes Haar, der rechte Glatze und Bart.
Abb. 12: Andrea Mantegna, Opferung Isaaks, 1490/95, Leinwand,
48,5 × 36 cm. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie,
Inv.-Nr. 1842