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Zuordnungen bestehen doch zu viele Ausnahmen,
was er auch selbst
einräumt.47
Auf den grundlegenden Überlegungen Żygulskis
aufbauend, lassen sich folgende vier Varianten der
Darstellungen von Rüstungen in Kunstwerken des
Spätmittelalters erkennen:
1) Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge
stellt, die sehr genau den real existierenden
entsprachen und das zeitgenössisch tech
nisch und modisch aktuellste beziehungsweise
gängige Erscheinungsbild wiedergeben.
2) Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge
stellt, die zwar den real existierenden (weit
gehend) entsprachen, aber zum Zeitpunkt der
Entstehung des Kunstwerkes schon als altmo
disch galten.
3) Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile anti
kisierend dargestellt, mit Elementen die es in
der Antike tatsächlich gab oder in der mittel
alterlichen Bildtradition in Anlehnung an antike
Vorbilder entstanden sind.
4) Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile sehr
phantastisch, unabhängig von realen mittel
alterlichen oder antiken Vorbildern dargestellt.
Wahrscheinlich wären sie als exotisch oder
orientalisierend zu bezeichnen.
Die beiden ersten Varianten der Rüstungsdarstel
lung bezogen sich auf real getragene Rüstungsteile.
Daher ist es wahrscheinlich, dass sich mögliche
zeichenhafte Bedeutungen realer Rüstungsteile auch
innerhalb dieser beiden Darstellungsvarianten nieder
schlugen. Ganz sicher sind die verschiedenen regio
nalen (Herstellungs)Moden, wie sie von den aus dem
Spätmittelalter erhaltenen originalen Rüstungsteilen
bekannt sind, in der Kunst dieser Epoche wiederzu
finden. Daher sind beispielsweise Rüstungen, welche
in Italien oder in Deutschland gefertigt wurden, auch
in der Wiedergabe in der Kunst mitunter klar als
solche erkennbar.
Zunächst sind diese vier Varianten wertneutral
aufzufassen. Sie sind dabei aus heutiger entwicklungs
geschichtlich informierter Sichtweise zu ver stehen,
weshalb es sich nicht unbedingt um spätmittelalterlich
zeitgenössisch gedachte Darstellungsmöglichkeiten
handeln muss. Auch wenn ein Unterschied zwischen
altmodischen und antikisierenden Rüstungsteilen
besteht, muss dieser Unterschied den spätmittelalter
lichen Auftraggebern, Künstlern und Rezipienten
nicht notwendigerweise bewusst gewesen sein. Eben
falls ist die Grenze zwischen der Darstellung antiki
sierender und phantastischer Rüstungsteile nur sehr
schwer erkennbar und muss daher ebenfalls im Spät
mittelalter nicht unbedingt auf einer klaren Trennung
beruht haben.
Eine Unterteilung der Rüstungsdarstellung in
mögliche spätmittelalterlich zeitgenössische Kategorien
könnte daher folgendermaßen gewesen sein:
1) Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge
stellt, um die Figuren entweder in der Gegen
wart zu verankern oder mit Bedeutungen zu
versehen, die aus der zeitgenössischen Praxis der
Nutzung von Rüstungsteilen hergeleitet wurden.
(Die Rüstungen und Rüstungsteile entsprachen
also sehr genau den zeitgenössisch genutzten
realen Rüstungsteilen.)
2) Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge
stellt, um die Figuren in einer Vergangenheit
anzusiedeln beziehungsweise, um damit die
ganze Handlung als vergangen zu charakteri
sieren. (Rüstungen oder Rüstungsteile wurden
dargestellt die zum Zeitpunkt der Entstehung
des Kunstwerkes bereits als altmodisch galten
oder auf antiken Vorbildern beruhten.)
3) Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge
stellt, um die Figuren oder die Handlung in
einer fremden, exotischen Region zu verorten.
(Die Rüstungen oder Rüstungsteile wurden
phantastisch, orientalisierend, möglicherweise
auch antikisierend dargestellt. Mit einem zeit
genössischen Adjektiv wären sie wahrscheinlich
als
heidnisch48
beschrieben
worden.)49
47 Zu diesen Ausnahmen gehören neben den von ihm genannten häufigen Abbildungen beispielsweise der Soldaten bei der Kreuzi-
gung sowie der Auferstehung Christi in der von ihm als Zeichen des „Saint-Knight“ zeitgenössischen Rüstung auch umgekehrt bei-
spielsweise Abbildungen von Rüstungsteilen mit Schuppen auf Grabmalen, vor allem um 1400, die daher auch keine rein negative
Symbolik des „Anti-Knight“ gewesen sein können.
48 Vgl. HÖDL: Heiden, -ntum. 1989.
49 Auch wenn die Varianten 2 und 3 (bzw. in der vorhergehenden Unterteilung die Varianten 3 und 4) sich in dieser Arbeit hauptsächlich
auf Darstellungen in der Kunst beziehen, konnten beide möglicherweise mit den ihnen in der Kunst innewohnenden Bedeutungen
auch als reale Objekte hergestellt werden, um beispielsweise als ,Kostüme‘ in geistlichen und weltlichen Spielen Verwendung zu
finden (siehe auch Kapitel V.3. Die Rüstung als ,Kostüm‘, S. 175) oder aber um deren (dann zumeist positive) Bedeutungen dem
Träger solcher Rüstungen zuzuschreiben (zu den Rüstungen all’antica bzw. alla romana siehe Kapitel VI.4. Die Darstellung antikisie-
render Rüstungen oder Rüstungsteile, S. 281).