Full text: Sprechendes Metall? Die Rüstung als Objekt und Bedeutungsträger in Gesellschaft und Kunst des Spätmittellalters (16)

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Zuordnungen bestehen doch zu viele Ausnahmen, 
was er auch selbst 
einräumt.47 
Auf den grundlegenden Überlegungen Żygulskis 
aufbauend, lassen sich folgende vier Varianten der 
Darstellungen von Rüstungen in Kunstwerken des 
Spätmittelalters erkennen: 
1)  Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge­ 
stellt, die sehr genau den real existierenden 
entsprachen und das zeitgenössisch tech­ 
nisch und modisch aktuellste beziehungsweise 
gängige Erscheinungsbild wiedergeben. 
2)  Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge­ 
stellt, die zwar den real existierenden (weit­ 
gehend) entsprachen, aber zum Zeitpunkt der 
Entstehung des Kunstwerkes schon als altmo­ 
disch galten. 
3)  Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile anti­ 
kisierend dargestellt, mit Elementen die es in 
der Antike tatsächlich gab oder in der mittel­ 
alterlichen Bildtradition in Anlehnung an antike 
Vorbilder entstanden sind. 
4)  Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile sehr 
phantastisch, unabhängig von realen mittel­ 
alterlichen oder antiken Vorbildern dargestellt. 
Wahrscheinlich wären sie als exotisch oder 
orientalisierend zu bezeichnen. 
Die beiden ersten Varianten der Rüstungsdarstel­ 
lung bezogen sich auf real getragene Rüstungsteile. 
Daher ist es wahrscheinlich, dass sich mögliche 
zeichenhafte Bedeutungen realer Rüstungsteile auch 
innerhalb dieser beiden Darstellungsvarianten nieder­ 
schlugen. Ganz sicher sind die verschiedenen regio­ 
nalen (Herstellungs­)Moden, wie sie von den aus dem 
Spätmittelalter erhaltenen originalen Rüstungsteilen 
bekannt sind, in der Kunst dieser Epoche wiederzu­ 
finden. Daher sind beispielsweise Rüstungen, welche 
in Italien oder in Deutschland gefertigt wurden, auch 
in der Wiedergabe in der Kunst mitunter klar als 
solche erkennbar. 
Zunächst sind diese vier Varianten wertneutral 
aufzufassen. Sie sind dabei aus heutiger entwicklungs­ 
geschichtlich informierter Sichtweise zu ver stehen, 
weshalb es sich nicht unbedingt um spätmittelalterlich­ 
zeitgenössisch gedachte Darstellungsmöglichkeiten 
handeln muss. Auch wenn ein Unterschied zwischen 
altmodischen und antikisierenden Rüstungsteilen 
besteht, muss dieser Unterschied den spätmittelalter­ 
lichen Auftraggebern, Künstlern und Rezipienten 
nicht notwendigerweise bewusst gewesen sein. Eben­ 
falls ist die Grenze zwischen der Darstellung antiki­ 
sierender und phantastischer Rüstungsteile nur sehr 
schwer erkennbar und muss daher ebenfalls im Spät­ 
mittelalter nicht unbedingt auf einer klaren Trennung 
beruht haben. 
Eine Unterteilung der Rüstungsdarstellung in 
mögliche spätmittelalterlich zeitgenössische Kategorien 
könnte daher folgendermaßen gewesen sein: 
1)  Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge­ 
stellt, um die Figuren entweder in der Gegen­ 
wart zu verankern oder mit Bedeutungen zu 
versehen, die aus der zeitgenössischen Praxis der 
Nutzung von Rüstungsteilen hergeleitet wurden. 
(Die Rüstungen und Rüstungsteile entsprachen 
also sehr genau den zeitgenössisch genutzten 
realen Rüstungsteilen.) 
2)  Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge­ 
stellt, um die Figuren in einer Vergangenheit 
anzusiedeln beziehungsweise, um damit die 
ganze Handlung als vergangen zu charakteri­ 
sieren. (Rüstungen oder Rüstungsteile wurden 
dargestellt die zum Zeitpunkt der Entstehung 
des Kunstwerkes bereits als altmodisch galten 
oder auf antiken Vorbildern beruhten.) 
3)  Es wurden Rüstungen oder Rüstungsteile darge­ 
stellt, um die Figuren oder die Handlung in 
einer fremden, exotischen Region zu verorten. 
(Die Rüstungen oder Rüstungsteile wurden 
phantastisch, orientalisierend, möglicherweise 
auch antikisierend dargestellt. Mit einem zeit­ 
genössischen Adjektiv wären sie wahrscheinlich 
als 
heidnisch48 
beschrieben 
worden.)49 
47 Zu diesen Ausnahmen gehören neben den von ihm genannten häufigen Abbildungen beispielsweise der Soldaten bei der Kreuzi- 
gung sowie der Auferstehung Christi in der von ihm als Zeichen des „Saint-Knight“ zeitgenössischen Rüstung auch umgekehrt bei- 
spielsweise Abbildungen von Rüstungsteilen mit Schuppen auf Grabmalen, vor allem um 1400, die daher auch keine rein negative 
Symbolik des „Anti-Knight“ gewesen sein können. 
48 Vgl. HÖDL: Heiden, -ntum. 1989. 
49 Auch wenn die Varianten 2 und 3 (bzw. in der vorhergehenden Unterteilung die Varianten 3 und 4) sich in dieser Arbeit hauptsächlich 
auf Darstellungen in der Kunst beziehen, konnten beide möglicherweise mit den ihnen in der Kunst innewohnenden Bedeutungen 
auch als reale Objekte hergestellt werden, um beispielsweise als ,Kostüme‘ in geistlichen und weltlichen Spielen Verwendung zu 
finden (siehe auch Kapitel V.3. Die Rüstung als ,Kostüm‘, S. 175) oder aber um deren (dann zumeist positive) Bedeutungen dem 
Träger solcher Rüstungen zuzuschreiben (zu den Rüstungen all’antica bzw. alla romana siehe Kapitel VI.4. Die Darstellung antikisie- 
render Rüstungen oder Rüstungsteile, S. 281).
	        
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