Full text : Band 10 (102)

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„Es  IST  IMMER  DIESELBE  MELANGE“
Auf  eine  genaue  Kopie  des  meisterhaft  aus  einem  monolithen  Stück  Bergkristalls ­
  geschnittenen  Kreuzes  samt  Korpus  musste  Weininger  freilich
verzichten.  So  wurde  auf  den  originalen  Sockel  ein  glattes  Kreuz  gesetzt,
an  das  ein  emaillierter  Gekreuzigter  aus  gegossenem  Silber  montiert  wurde.
Dieser  gleicht  nun  bis  in  kleinste  Details  einem  Kruzifixus  der  Geistlichen
Schatzkammer,  der  nicht  vor  dem  1.  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  entstanden ­
  sein  dürfte  (Inv.-Nr.  E  44,  Abb.  57) 151 .  Darauf  weisen  der  technische ­
  und  stilistische  Befund  sowie  die  erstmalige  Erwähnung  des  Stückes ­
  in  den  Inventaren  der  Geistlichen  Schatzkammer  des  19.  Jahrhunderts ­
  hin.  Ob  der  Korpus  am  New  Yorker  Standkreuz  nach  der  emaillierten ­
  Christusfigur  der  Geistlichen  Schatzkammer  gefertigt  wurde  oder  ob
Weininger  auf  einen  Fundus  solcher  Figuren  zurückgreifen  konnte,  muss
hier  offen  bleiben.
Unweigerlich  drängt  sich  in  Zusammenhang  mit  diesen  Christusfiguren
aber  die  Erinnerung  an  die  Aussage  Georg  Kuthmayers  auf,  der  in  der
Gerichtsverhandlung  von  1877  Folgendes  zu  Protokoll  gegeben  hat:  Eine
ihm  übergebene  gegossene  Christusfigur  sei  „auf  das  Kreuz  [gekommen],
auf  welchem  das  Original  früher  war,  und  das  Original  kam  auf  ein  neues
Kreuz“.  Diese  Aussage  gewinnt  noch  an  Brisanz,  wenn  man  bedenkt,  dass
der  Emailkorpus  der  Geistlichen  Schatzkammer  nicht  für  jenes  Holzkreuz
angefertigt  worden  sein  kann,  an  dem  er  sich  heute  befindet.  Darauf  deutet ­
  der  Umstand  hin,  dass  am  Kreuzesstamm  eine  Auskerbung  für  das
Gesäß  des  Gekreuzigten  gemacht  werden  musste,  damit  die  Befestigungspunkte ­
  an  Händen  und  Füßen  auf  einer  Ebene  zu  liegen  kommen  konnten ­
  und  nicht  etwa  ein  Arm  nach  vorne  abstehen  würde.  Die  Indizien  reichen ­
  aber  nicht  aus,  um  im  Kruzifixus  des  New  Yorker  Standkreuzes  eine
Gemeinschaftsarbeit  der  Gebrüder  Kuthmayer  zu  sehen.  Der  kopierte
Bergkristallsockel  mit  den  minutiösen  Intagli  stammt  jedoch  wohl  vom
gleichen  Kunsthandwerker,  dessen  Name  bereits  im  Zusammenhang  mit
der  Anfertigung  der  Kristallteile  an  der  kleinen  Kassette  Inv.-Nr.  D  92
{Abb.  28)  in  Betracht  gezogen  wurde,  nämlich  Josef  Pelda  oder  Franz
Schadek;  möglicherweise  handelt  es  sich  hier  aber  auch  um  ein  Werk  von
beiden.

Kassette  mit  Monatsdarstellungen

51  Stefan  Krenn  datierte  dieses  Kruzifix  noch  fälschlich
in  die  Zeit  um  1600.  Vgl.  dazu:  Bildführer  1987  (zit.
Anm.  113),  320,  Nr.  161.
52  Führer  1909  (zit.  Anm.  126),  38,  Nr.  76.
53  Nachlass  Krenn  1989,  474-477,  Wien,  Kunsthistorisches ­
  Museum,  Kunstkammer.

In  scharfem  Kontrast  zur  Qualität  dieser  zuletzt  behandelten  Werke  steht
ein  weiteres  Reliquienkästchen  (Inv.-Nr.  D  51,  Abb.  32),  das  früh  als  Fälschung ­
  erkannt  wurde.  Es  ist  größer  als  das  vorher  besprochene,  setzt  sich
aus  Glasplatten  in  vergoldeter  Silberfassung  zusammen  und  enthält  ein
Silberlamekissen  mit  einer  Reliquie.  Die  Glasplatten  an  den  Kassettenseiten ­
  zeigen  mehrfigurige  Darstellungen  der  Vier  Jahreszeiten,  während  die
Platte  am  Deckel  die  von  den  Tierkreiszeichen  umgebene  Sonne  darstellt.
Allerdings  sind  die  einzelnen  Sternbilder  nicht  in  der  richtigen  Reihenfolge ­
  wiedergegeben:  So  befindet  sich  zum  Beispiel  das  Sternzeichen  des
Wassermanns  zwischen  Widder  und  Waage.  Stilistisch  ist  die  Kassette  so
weit  von  einem  Erzeugnis  des  17.  Jahrhunderts  entfernt,  dass  sie  bereits
im  Schatzkammerführer  von  1909  in  das  19.  Jahrhundert,  die  Reliquienfassung ­
  aber  richtig  in  das  17.  Jahrhundert  datiert  wurde 1  52 .
Die  Ehre,  das  Original  in  einer  mailändischen  Kassette  der  Wallace  Collection ­
  in  London  (Inv.-Nr.  I  A  37,  Abb.  33)  erkannt  zu  haben,  gebührt
Stefan  Krenn 153 .  Allerdings  stimmt  dieses  Objekt  nur  in  der  Gesamtan-
            
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