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Abb. 27: Kassette. Italien, 1. Hälfie 16. Jh.
The Art Institute of Chicago, Gift oftMarylinn
B. Alsdorf, Inv.-Nr. 1992.555.
„Es IST IMMER DIESELBE MELANGE“
Mit Josef Pelda und Franz Schadek haben wir in den Prozessakten von
1877 zwei Steinschneider kennen gelernt, die für Weininger tätig gewesen
waren. Möglicherweise wurde der Bergkristallschnitt von einem der
beiden ausgeführt; aufgrund mangelnder Vergleichsbeispiele kann eine
konkrete Zuschreibung derzeit aber nicht vorgenommen werden. Vergleichbare
Bergkristallplatten mit geschnittenen Groteskenornamenten,
die in Duktus, Stilistik und Oberflächenbeschaffenheit sehr nah mit der
Wiener Bergkristallkassette verwandt sind, weist eine Kassette des Metropolitan
Museum in New York auf 148 . Möglicherweise stammen auch die
Intagli dieser Kassette von Pelda oder Schadek. Dafür spräche neben der
Montierung mit emailliertem Rankendekor auch die Tatsache, dass den
Ecken der New Yorker Kassette gewundene Kristallsäulen vorgeblendet
sind. Wie oben bereits dargelegt, hatten Schadek und Pelda derartige
gedrehte Säulen angefertigt bzw. an Weininger geliefert (s. o.). Für beide
Kassetten kann ein Entstehungszeitraum um 1860/70 angenommen werden;
die Fälschung der Wiener Reliquienkassette muss aber jedenfalls zwischen
1863 und 1872 entstanden sein. Diese Daten ergeben sich aus dem
Jahr, in dem Weininger seine erste Fiaftstrafe abgebüßt hatte, und dem
Jahr, in dem die Kassette im Anhang zum Katalog der Sammlung Anselm
von Rothschild publiziert wird.
Standkreuz aus Bergkristall
Abb. 28: Reliquienkassette. Fälschung aus dem
Umkreis von Salomon Weininger. Wien, zwischen
1863 und 1872. Wien, Kunsthistorisches Museum,
Geistliche Schatzkammer, Inv.-Nr. D 92.
14s The Michael Friedsam Collection, 1931, Inv.-Nr.
32.100.247; für den Hinweis bedanke ich mich bei
Cläre Vincent, New York.
149 Bildführer 1987 (zit. Anm. 113), 274, Nr. 86 (Stefan
Krenn).
Ausstellungskatalog Rudolf Distelberger, Die Kunst
des Steinschnitts. Prunkgefäße, Kameen und Commessi
aus der Kunstkammer, Wien 2002, 200 f., Kat.-Nr. 114.
Im Großen und Ganzen können wir annehmen, dass in ebendiesem Zeitraum
auch die Kopie eines Standkreuzes aus Bergkristall entstand. Bei der
Fälschung dieses meisterhaften Stückes ging man wieder im Sinne des
„Weininger=Styls“, des Verbindens von originalen mit ergänzten Teilen,
vor. So befindet sich heute das originale Kreuz mit dem kopierten Sockel
in der Geistlichen Schatzkammer (Inv.-Nr. E 43, Abb. 29), während
der originale Sockel, ergänzt um ein Kreuz mit emaillierter Christusfigur,
im Metropolitan Museum in New York aufbewahrt wird (Inv.-Nr.
17.190.533, Gift of J. Pierpont Morgan, 1917, Abb. 30). Die kopierten
Teile sind auch hier auf einem derart hohen Niveau, dass sie nicht als Fälschungen
erkannt wurden. Noch im Bildführer der Weltlichen und Geistlichen
Schatzkammer von 1987 wird das Kreuz der Mailänder Werkstatt
der Saracchi zugewiesen und um 1600 datiert 149 .
Erst Rudolf Distelberger erkannte, dass der Sockel des Standkreuzes in
New York mit dem Kruzifix in Wien ursprünglich eine Einheit gebildet
hatte und aus einem Bergkristallkruzifix des 16. Jahrhunderts mithilfe
von Ergänzungen zwei Objekte geschaffen worden waren 150 . Weil der Sockel
des 19. Jahrhunderts, auf dem sich heute das originale Kruzifix erhebt,
eine sehr genaue, wenn auch seitenverkehrte Kopie des originalen Sockels
in New York ist, war es noch schwieriger gewesen, das Verhältnis zwischen
Kopie und Original zu erkennen.
Die Vorderseite zeigt die Anbetung der Hirten, auf der Rückseite ist Jesus
zu sehen, der unter dem Kreuz zusammenbricht. Der Stil der Figuren des
Originals entspricht demjenigen der Werkstätte der Saracchi; bei einer
oberflächlichen Betrachtung könnte man deren Autorschaft auch für die
Kopie vermuten. Erst der flache und unroutinierte Duktus des Schnittes
und die Spezifika der Oberflächenpolitur ergeben eine Entstehung des
Sockels im 19. Jahrhundert.