Full text : Band 10 (102)

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143  Führer  1913  (zit.  Anm.  102),  63,  Nr.  187.
111  Hermann  Fillitz,  Katalog  der  Weltlichen  und  Geistlichen ­
  Schatzkammer,  Wien  1956,  67,  Nr.  61.
145  Schestag  1872  (zit.  Anm.  109),  Bd.  III,  32,  Nrn.  607f.
116  La  Collection  Spitzer.  Antiquite  Moyen  Age  —  Renais-^
  sance,  Bd.  5,  Paris  1892,  19,  Nr.  26.
14  Vgl.  Renaissance  Jewelry  in  the  Alsdorf  Collection  (The
Art  Institute  of  Chicago  Museum  Studies  Bd.  25,
Nr.  2),  Chicago  2000,  59  f.,  Nr.  24;  Ausstellungskatalog ­
  Renaissance  Decorative  Artsfrom  Chicago  Collections,
  Chicago  (The  Art  Institute  of  Chicago)  1987,
Nr.  67;  vormals  Collection  of  Mr.  &  Mrs.  James
W.  Alsdorf,  davor  Slg.  Arturo  Lopez-Willshaw,  auktioniert ­
  bei  Sotheby’s,  New  York,  13.  Oktober  1970.

„Es  IST  IMMER  DIESELBE  MELANGE“
Reliquienkassette  mit  Bergkristall-Intagli
Hinsichtlich  eines  weiteren  Objektes,  das  sich  wie  die  Kassette  aus  der
Sammlung  Olsen  ebenfalls  in  der  Sammlung  von  Arturo  Lopez-Willshaw
befunden  hatte,  konnte  der  Nachweis  der  Entwendung  aus  der  Wiener
Schatzkammer  durch  eine  Gegenüberstellung  von  Original  und  Nachbildung ­
  bereits  erbracht  werden.  Es  handelt  sich  bei  der  Fälschung  um  eine
kleine  Kassette  mit  teilweise  emaillierter  Goldrahmung,  in  deren  Seitenflächen ­
  geschnittene  Bergkristallplatten  eingelassen  sind  (Inv.-Nr.  D  92,
Abb.  28).  Die  kunsthandwerkliche  Qualität  ist  derart  hoch,  dass  man  das
Objekt  lange  Zeit  hindurch  als  Original  ansah,  obwohl  sich  bereits  im
Schatzkammerführer  von  1913  der  Hinweis  findet,  das  Stück  sei  „teilweise
erneuert“ 143 .  Wohl  um  die  Problematik  wissend,  verzichtete  Weixlgärtner
auf  eine  Aufnahme  des  Stücks  in  seinen  Sammlungsführer  von  1929.
Im  Laufe  der  Jahre  dürfte  dieses  Wissen  aber  verloren  gegangen  sein;  der
Materialbefund  -  es  wurden  für  die  Herstellung  durchwegs  echte  Materialien ­
  verwendet  -  und  die  hohe  technische  Qualität  werden  das  Ihre  dazu
beigetragen  haben,  dass  man  sich  für  die  Authentizität  des  Stückes  aussprach. ­
  So  nahm  Hermann  Fillitz  1956  die  Kassette  erneut  in  den  Schatzkammerführer ­
  auf  und  klassifizierte  sie  als  „Italienisch,  16.  Jhdt.“ 144 .
Zweifel  an  der  Echtheit  entstanden  erst  wieder  1970,  als  im  Kunsthandel
eine  gleichartige  Kassette  auffiel  (Abb.  27).  Diese  hatte  sich  zunächst  in
der  Sammlung  des  Barons  Anselm  von  Rothschild  befunden  und  wurde
auch  zusammen  mit  dem  Dornenreliquiar  in  den  Anhang  des  von  Franz
Schestag  1872  verfassten  Kataloges  der  Sammlung  Rothschild  aufgenommen ­
 145 .  Uber  diese  Sammlung  gelangte  sie  in  die  Sammlung  Spitzer,
in  deren  Katalog  von  1892  sie  ebenfalls  verzeichnet  ist 146 .  Von  hier  fand
sie  weiters  Eingang  in  die  Sammlung  Arturo  Lopez-Willshaw,  sie  wurde
1970  bei  Sotheby’s  New  York  auktioniert  und  gelangte  schließlich  über
die  Sammlung  Mr.  &  Mrs.  James  W.  Alsdorf  in  das  Art  Institute  of
Chicago  (Inv.-Nr.  1992.555) 147 .
Eine  Gegenüberstellung  dieser  Kassette  mit  jener  aus  der  Geistlichen
Schatzkammer  ergab  den  eindeutigen  Befund,  dass  es  sich  bei  der  heute
in  Chicago  befindlichen  Kassette  um  das  Original  handelt.  Der  augenfälligste ­
  Unterschied  zwischen  der  Originalkassette  und  ihrer  Kopie  besteht
in  den  Bergkristallintagli.  Während  sich  das  Original  sehr  stark  am  Vorbild ­
  Raffaels  -  den  Seitentafeln  der  Baglioni-Predella  aus  dem  Jahr  1507
(Pinacoteca  Vaticana,  Inv.-Nrn.  40330,  40331,  40332)  -  orientiert,  wurden ­
  bei  der  Wiener  Kopie  die  rahmenden  Tondi  und  Leisten  durch
schmale  Blattwerkranken  ersetzt.  Auch  in  der  Größe  unterscheiden  sich
die  beiden  Arbeiten  voneinander,  das  Original  ist  etwas  kleiner.  Dadurch
erklärt  sich  bei  der  Kopie  zugleich  der  durch  keine  Notwendigkeit  erklärbare ­
  Abstand  zwischen  den  Atlantenkapitellen  und  dem  Deckel.  Des
Weiteren  bestehen  geringe  Unterschiede  zwischen  der  jeweiligen  Farbgestaltung ­
  der  emaillierten  Partien,  etwa  des  Maureskenornaments  an  der
Unterseite.
Insgesamt  überraschen  bei  der  Kopie  aber  doch  die  Qualität  ihrer  Ausführung ­
  und  auch  die  Tatsache,  dass  die  teuren  Materialien  Gold  und
Bergkristall  verwendet  wurden.  Für  die  Ausführung  der  Goldschmiedearbeit ­
  und  des  Emails  der  vorliegenden  Kassette  kann  wieder  Simon  Grünwald ­
  oder  Karl  Bender  vorgeschlagen  werden,  deren  hohes  technisches
Können  wir  bereits  mit  der  Anfertigung  des  Dornenreliquiars  in  Verbindung ­
  gebracht  haben.
            
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