Full text : Band 10 (102)

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Paulus  Rainer
sehen  Schachfigurensatz,  der  in  die  2.  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  bzw.  in
das  18.  Jahrhundert  datiert  werden  kann  und  wohl  im  Zentrum  der
russischen  Elfenbeinschnitzerei,  in  Kholmogory,  entstanden  ist 97 .  Der
Figurensatz  gehört  heute  zum  Bestand  der  Kunstkammer  des  Kunsthistorischen ­
  Museums  (Inv.-Nrn.  KK  8028-8059).  Die  beiden  Parteien  des
Schachspieles  sind  bei  diesem  Satz  nicht  durch  ihre  Farbe  definiert,  sondern ­
  dadurch,  dass  die  Figuren  der  einen  Partei  von  Orientalen,  diejenigen ­
  der  anderen  von  Römern  gebildet  werden.  Bisher  konnte  noch  keine
Imitation  dieses  Figurensatzes  ausfindig  gemacht  werden;  es  bleibt  auch
die  Möglichkeit  bestehen,  dass  Weiningers  Handwerker  infolge  der  Verhaftung ­
  ihres  Auftraggebers  kein  Plagiat  mehr  ausführen  konnten.  Der
Figurensatz  befand  sich  jedoch  mit  Sicherheit  deshalb  in  Weiningers
Besitz,  weil  Kopien  der  Figuren  angefertigt  werden  sollten.  Die  Wahrscheinlichkeit, ­
  dass  zumindest  einzelne  Figuren  nach  den  originalen  russischen ­
  Schachfiguren  kopiert  wurden,  ist  sehr  groß.  Letztlich  zeigt  sich
hier  die  große  Bandbreite  des  Betätigungsfeldes  Weiningers,  die  sich  -  wie
bisher  dargelegt  —  vom  Porzellan  über  Goldschmiede-  und  Steinschneidearbeiten ­
  bis  hin  zu  Holz-,  Bronze-  und  Elfenbeinarbeiten  erstreckt.

Die  Fälschungen  in  der  Geistlichen  Schatzkammer
Eine  Reihe  von  Arbeiten,  deren  Entstehung  in  Weiningers  Umfeld  verbürgt ­
  ist,  kann  nun  benannt  werden.  Dies  schafft  die  Grundlage  dafür,
sich  mit  jenen  Fälschungen  auseinanderzusetzen,  als  deren  Urheber  Weininger
  bereits  vorgeschlagen  wurde  bzw.  nun  vorgeschlagen  werden  kann.
Es  handelt  sich  dabei  um  eine  Gruppe  von  sakralen  Goldschmiedearbeiten ­
  in  der  Geistlichen  Schatzkammer  in  Wien.  Der  Nachweis  eines  Engagements ­
  von  Weininger  scheint  in  diesem  Zusammenhang  weit  schwieriger, ­
  da  ein  solches  von  den  verantwortlichen  Stellen  zu  Weiningers
Lebzeiten  offensichtlich  unbemerkt  blieb.  Einer  der  Hauptgründe  dafür
lag  wohl  darin,  dass  die  Verwaltung  des  Bestandes  der  Geistlichen  Schatzkammer ­
  seit  1782  nicht  mehr  dem  kaiserlichen  Oberstkämmereramt,
sondern  dem  jeweiligen  Hofburgpfarrer  oblag 98 .  Nachdem  die  Geistliche
Schatzkammer  zusammen  mit  der  Weltlichen  Schatzkammer  im  17.  und
18.  Jahrhundert  zu  den  bekanntesten  Attraktionen  Wiens  gezählt  hatte
und  gegen  Bezahlung  eines  Trankgeldes  auch  öffentlich  zugänglich  war 99 ,
wurde  ihr  Bestand  nun  in  die  Sakristei  der  Hofburgkapelle  gebracht
und  war  somit  der  Öffentlichkeit  entzogen.  Es  oblag  dem  jeweiligen  Hofburgpfarrer ­
  zu  entscheiden,  ob  und  welche  Objekte  aus  dem  umfangreichen ­
  Bestand  der  Geistlichen  Schatzkammer  sich  für  eine  liturgische
Verwendung  eigneten.  Die  übrigen  Gegenstände  blieben  deponiert.
Zwischen  1862  und  1876  war  der  aus  Bosan  in  Mähren  gebürtige  Johann
Schwetz  Hof-  und  Burgpfarrer  und  somit  auch  für  die  Verwaltung  der
Geistlichen  Schatzkammer  zuständig.  Dass  für  den  Dogmatiker  Schwetz
theologische  Agenden  wichtiger  waren  als  die  Administration  eines  kunsthistorisch ­
  zwar  bedeutenden,  für  liturgische  Zwecke  aber  nur  bedingt
relevanten  Objektbestandes,  leuchtet  ein.  So  verwundert  es  auch  nicht,
dass  sich  im  betreffenden  Aktenbestand  keinerlei  Hinweise  auf  etwaige
Objektentnahmen,  Restaurierungsmaßnahmen  oder  Ähnliches  finden,
obwohl  es  an  Objekten  augenscheinlich  im  späten  19.  Jahrhundert  Veränderungen ­
  gab  bzw.  Objekte  überhaupt  ausgetauscht  wurden.  Man
müsste  annehmen,  dass  solche  Veränderungen  in  den  Inventaren  ver-97

  Vgl.  dazu  Ausstellungskatalog  Wilfried  Seipel  (Hg.),
Spielwelten  der  Kunst.  Kunstkammerspiele,  Wien  (Kunsthistorisches ­
  Museum)  1998,  247f.,  Kat.-Nr.  130.
98  Unter  Kaiser  Josef  II.  wurde  die  Geistliche  Schatzkammer ­
  von  der  Weltlichen  Schatzkammer  getrennt
und  unter  die  Aufsicht  des  Hofburgpfarrers  gestellt.
Am  27.  Juni  1782  wurden  die  Objekte  der  Geistlichen ­
  Schatzkammer  dem  Hofburgpfarrer  Kronberger ­
  übergeben,  „um  solche  in  der  Sacristey  zu  verwahren“; ­
  eine  Liste  der  übergebenen  Objekte  findet
sich  im  Schatzkammerakt  Nr.  31,  Wien,  Kunsthistorisches ­
  Museum,  Kunstkammer.
99  Das  „Trankgeld“  für  eine  Besichtigung  der  Schatzkammer ­
  betrug  25  Gulden;  vgl.  Johann  Basilius
Küchelbecker,  Allerneueste  Nachricht  vom  Römisch
Kayserlichen  Hofe  nebst  einer  ausführlichen  historischen
Beschreibung  der  Kayserlichen  Residentz-Stadt  Wien
und  der  umliegenden  Oerter,  Hannover  1730,  883.
            
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