Full text : Band 10 (102)

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„Es  IST  IMMER  DIESELBE  MELANGE“

46  Die  folgenden  Informationen  beruhen  auf  den  Angaben ­
  im  Tagebuch  über  die  bei  dem  k.  k.  Landesgerichte ­
  anhängige  Untersuchung  gegen  Salomon  Weininger,
  Franz  Discart,  Graf  Moritz  Grundemann,
Wiener  Stadt-  und  Landesarchiv,  LGSt  Wien,  All,
Vr,  2727/1877,  fol.  1-15v.
47  Über  den  Antiquitätenhändler  Murray  Marks  siehe:
Clive  Wainwright,  “A  gather  and  disposer  of  other
mens  stuffe”.  Murray  Marks,  connoisseur  and  curiosity
dealer,  in:  Journal  of  the  History  of  Collections  14,
Nr.  1,  2002,  161-176.
48  Gerichtsberichterstattung  in:  Neue  Freie  Presse,
7.  Februar  1877.
49  Tagebuch  (zit.  Anm.  46),  fol.  8v:  „26.9.  Bericht  der
Gefangenenhaus-Direction  über  Disciplinarbestrafung
  des  S.  Weininger“.
50  Wiener  Stadt-  und  Landesarchiv,  LGSt  Wien,  All,
Vr,  2727/1877,  fol.  122v.

Der  Strafprozess  von  1877
Auf  die  Verurteilung  Weiningers  folgten  Nichtigkeitsbeschwerden  und
Gnadengesuche  von  Simon  Grünwald  und  Eduard  Grünes,  die  aber  wirkungslos ­
  blieben.  Stattgegeben  wurde  hingegen  dem  Gesuch  auf  Haftentlassung ­
  gegen  Kaution 40 ,  und  so  wurde  Weininger  gegen  eine  Hinterlegung ­
  von  18.000  fl  auf  freien  Fuß  gesetzt.  Dieser  Zustand  währte
jedoch  nicht  lange.  Einen  knappen  Monat  später,  am  14.  Juli,  erstattete
der  Londoner  Antiquitätenhändler  Murray  Marks 47  Anzeige.  Er  fühlte
sich  von  Weininger  in  Bezug  auf  den  Ankauf  zweier  Altäre  betrogen.  Weininger ­
  und  sein  Sohn  Leopold  wurden  verhaftet,  die  Untersuchungen
wurden  wieder  aufgenommen  und  diesmal  offensichtlich  gründlicher
durchgeführt.  Weiningers  Wohnungen  in  Hütteldorf  und  Wien  wurden
durchsucht,  eine  Fülle  von  Zeugen  und  Verdächtigen  wurde  einvernommen ­
  und  das  Museum  im  Palais  Modena  wurde  einem  neuerlichen
Augenschein  durch  Sachverständige  unterzogen.  Dabei  stellte  sich  heraus,
dass  sich  hier  weitere  Kopien  befanden,  die  von  Weininger  statt  der
Originale  zurückgestellt  worden  waren.  Weininger  fühlte  sich  nun  durch
die  andauernden  Nachforschungen  offenbar  immer  weiter  in  die  Enge
getrieben  und  plante  einen  Fluchtversuch  aus  dem  Gefängnis.  Dabei
soll  er  sich  „mit  den  Gefängniswärtern  in  unerlaubte  Verbindungen  eingelassen ­
  habe[n],  um  seine  Flucht  aus  der  Haft  zu  bewerkstelligen“ 48 .
Der  Fluchtversuch  blieb  allerdings  erfolglos  und  der  Delinquent  wurde  in
Ketten  gelegt 49 .
Die  weiteren  Untersuchungen  brachten  zusätzliche  Verdachtsmomente
zutage.  Entscheidende  Hinweise  lieferte  Weininger  selbst.  Dadurch  wurde
beim  neuerlichen  Prozess,  der  am  21.  Februar  1877  vor  dem  k.k.  Schwurgericht ­
  in  Wien  begann,  nicht  mehr  Weininger,  sondern  der  ehemalige
Privatsekretär  des  Herzogs  von  Modena  und  Kustos  des  Museums  im
Palais  Modena,  Franz  von  Discart,  als  Hauptbeschuldigter  angeklagt.
Neben  Salomon  Weininger  war  auch  noch  Moritz  Graf  Grundemann  als
Mitangeklagter  vorgeladen.
Discart  wurde  des  Diebstahls  angeklagt,  da  er  zwischen  1872  und  1876
Gegenstände  im  Wert  von  23.800  fl  ohne  die  Einwilligung  seines  Dienstherren ­
  aus  dessen  Besitz  entzogen  habe.  Weininger  wurde  der  Mitschuld
am  Diebstahl  bezichtigt,  weil  er  Discart  zur  Entziehung  der  Gegenstände
veranlasst  habe,  die  Originale  kopieren  ließ  und  Discart  die  Kopien  zur
Redeponierung  im  Museum  gegeben  habe.  Zudem  wurde  Weininger  des
Diebstahls  geziehen,  weil  er  am  3.  oder  4.  November  1873  bei  der  Wiener ­
  Weltausstellung  eine  goldene  Kette  mit  zwölf  weiß  und  blau  emaillierten ­
  und  elf  ebensolchen,  kleineren  Knöpfen  aus  dem  Besitz  des  Grafen ­
  Daun  aus  einem  Kasten  der  mährischen  Abteilung  des  „Pavillon  des
Amateurs“  gestohlen  habe.  Der  letzte  Anklagepunkt  gegen  Weininger
betraf  das  Delikt  des  Betruges;  ihm  wurde  vorgeworfen,  er  habe  in  den
Jahren  1874  und  1875  Altäre  „im  Style  u.  Geschmacke  der  2.  Hälfte  des
16.  und  des  Anfangs  des  17.  Jahrhunderts  durch  von  ihm  hierzu  bestellte ­
  Künstler  nach  einem  von  ihm  vorgegebenen  Plane  mit  Benützung
auch  echter  Rohmaterialien,  als  Gold,  Silber  u.  Edelsteinen  verfertigen
und  zusam  mensetzen  “ 70  lassen.  Diese  Gegenstände  habe  sein  Sohn  Leopold ­
  auf  seine  Veranlassung  dem  Londoner  Antiquitätenhändler  Emanuel
Marks  als  echte  antike  Altäre  zum  Kauf  angeboten.  Den  Grafen  Grundemann ­
  habe  er  dabei  dazu  veranlasst,  in  einem  Brief  die  Provenienz
der  Altäre  aus  der  gräflichen  Familie  zu  bestätigen.  Der  Wert  der  Altäre
            
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