Full text : Band 10 (102)

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„Es  IST  IMMER  DIESELBE  MELANGE“
verschiedenen  Althertumssammlungen  Zutritt“ 27  erhielt  und  auch  die
Erlaubnis  besaß,  Kunstwerke  kopieren  zu  lassen.  Als  Fürsprecher  Weiningers
  tat  sich  dabei  kein  Geringerer  als  der  kaiserliche  Rat,  Benediktinermönch ­
  und  Historiograph  Beda  Dudik  (1815-1890)  hervor.  Dudik  und
Weininger  hatten  einander  bereits  1870  kennen  gelernt  und  offenbar
immer  wieder  beruflich  miteinander  zu  tun.  So  stellte  Dudik  etwa  bei
der  Ausstellung  im  „Pavillon  des  Amateurs“  der  Wiener  Weltausstellung
1873,  bei  der  er  für  die  mährische  Abteilung  verantwortlich  zeichnete,
auch  Gegenstände  von  Salomon  Weininger  aus.  Dessen  Sammlung
bezeichnete  er  als  „so  großartig,  daß  ich  gestaunt  habe“ 28 .  Auf  Dudiks
Befürwortung  überließ  ferner  Heinrich  Graf  Daun  dem  Antiquitätenhändler ­
  „Familienantiquitäten“ 29  zu  Imitationszwecken.  Vor  allem  aber
verdankte  Weininger  dem  gebildeten  und  angesehenen  Benediktinermönch ­
  die  Erlaubnis  des  Herzogs  von  Modena,  Franz  V.  von  Österreich-Este
  (1819—1875),  auch  aus  dessen  Museum  „antike  Gegenstände  zu
Imitationszwecken  zu  entlehnen“ 30 .
Die  Tatsache,  dass  Weininger  zunächst  mit  ausdrücklicher  Genehmigung
der  verantwortlichen  Stellen  bzw.  der  Besitzer  der  Kunstgüter  Kopien
anfertigte,  war  bisher  von  allen  Autoren,  die  sich  mit  Weininger  befassten,
ignoriert  oder  verschwiegen  worden.  So  geht  Paul  Eudel  ebenso  darüber
hinweg  wie  Bruno  Bücher,  Arthur  Roessler,  Leo  Planiscig,  Ernst  Kris,
John  F.  Hayward  oder  Renate  Eikelmann 31 .  Freilich  wird  Weiningers
Tätigkeit  von  keinem  dieser  Autoren  umfassend  besprochen.  An  dieser
Stelle  sei  aber  dezidiert  auf  die  Tatsache  hingewiesen,  dass  die  Vorlagen  für
die  Kopien  freiwillig  zur  Verfügung  gestellt  und  diese  bewilligt  wurden.
Sie  zeigt,  dass  Weiningers  Fälschertätigkeit  in  ihrer  Größenordnung  und
ihrem  Umfang  nur  aus  der  Zeit  heraus  zu  verstehen  ist.  Der  Schritt  von
der  legalen  Kopiertätigkeit  im  Sinne  historistischer  Nachahmung  hin  zur
Imitation  als  betrügerische  Fälschung  war  ein  kleiner,  und  Weininger
bewegte  sich  zunächst  in  einem  Graubereich,  der  zwischen  diesen  beiden
Polen  lag.

27  Gerichtsberichterstattung  vom  22.  Februar  1877,  in:
Wiener  Abendpost,  22.  Februar  1877,  Nr.  43.
28  Gerichtsberichterstattung  vom  8.  Juni  1876,  in:  Neue
Freie  Presse.  Abendblatt,  22.  Februar  1877,  Nr.  4487.
29  Gerichtsberichterstattung  vom  22.  Februar  1877,  in:
Wiener  Abendpost,  22.  Februar  1877,  Nr.  43.
30  Anklageschrift  vom  10.  Mai  1876,  Wiener  Stadtund
  Landesarchiv,  LGSt  Wien,  A  11,  Vr,  2727/1877,
fol.  30r.
31  Vgl.  dazu  Eudel  -  Bücher  1885  (zit.  Anm.  20);  Eudel
-  Bücher  -  Roessler  1909  (zit.  Anm.  20);  Leo  Planiscig ­
  -  Ernst  Kris,  in:  Ausstellungskatalog  V  Ausstellung: ­
  Gefälschte  Kunstwerke,  Wien  (Kunsthistorisches
Museum)  1937;  Hayward  1974  (zit.  Anm.  8);  Renate ­
  Eikelmann,  Franko-flämische  Emailplastik  des  Spätmittelalters, ­
  phil.  Diss.  Universität  München  1984,
erschienen  1995,  616.
32  Franz  V.  vermachte  diese  Kunstsammlung  schließlich
dem  Thronfolger  Erzherzog  Franz  Ferdinand.  Nach
dem  Ende  der  Monarchie  wurde  ein  Teil  dem  Kunsthistorischen ­
  Museum  einverleibt  und  gehört  heute
zur  Kunstkammer,  der  Rest  -  vor  allem  die  Waffensammlung ­
  -  befindet  sich  auf  Schloss  Konipischt
(Konopiste)  (siehe  Anm.  82).  Vgl.  auch:  Leo  Planiscig, ­
  Die  Estensische  Kunstsammlung,  Bd.  I:  Skulpturen ­
  und  Plastiken  des  Mittelalters  und  der  Renaissance,
Wien  1919,  V-VIII.
33  Gerichtsberichterstattung  vom  22.  Februar  1877,  in:
Wiener  Abendpost,  22.  Februar  1877,  Nr.  43.

Weiningers  Wirken  im  Museum  des  Palais  Modena
und  der  Strafprozess  von  1876
Das  Museum  des  Herzogs  von  Modena,  aus  dem  Weininger  zu  Imitationszwecken ­
  Kleinbronzen  entlehnen  durfte,  befand  sich  im  1916  demolierten ­
  Palais  Modena  in  der  Beatrixgasse  im  3.  Wiener  Gemeindebezirk
und  war  bis  1904  nicht  öffentlich  zugänglich.  Zum  damaligen  Zeitpunkt
beherbergte  es  einen  Teil  der  Musikinstrumente  und  der  kunstgewerblichen ­
  Gegenstände,  ferner  die  armeria  sowie  einzelne  Skulpturen  und
Plastiken  der  Estensischen  Kunstsammlungen.  Franz  V.  Herzog  von  Modena ­
  hatte  diese  nach  Wien  bringen  lassen,  als  er  nach  der  Schlacht  von
Magenta  (1859)  Italien  verlassen  musste 32 .  Dudik  erreichte  die  Erlaubnis
für  Weininger,  Objekte  für  Kopierzwecke  zu  entlehnen,  indem  er  bei
Erzherzog  Wilhelm  Franz  Karl  (1827-1894)  mit  der  Bitte  intervenierte,
das  Anliegen  Weiningers  bei  Franz  V.  zu  befürworten.  Wie  Dudik  vor
Gericht  angab,  war  er  der  Meinung,  Weininger  unterstütze  „hervorragend
die  heimische  Kunst“,  wobei  durch  die  „Imitationen  das  Kunstgewerbe
gehoben  werden“  könne 33 .  So  gesehen  richtete  sich  Dudik  nach  dem
vorherrschenden  Zeitgeist,  aus  dem  sich  ja  auch  die  Aktivitäten  des  k.  k.
österreichischen  Museums  für  Kunst  und  Industrie  erklären.
            
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