Full text : Band 10 (102)

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11  Über  den  Geburtsort  Weiningers  herrschte  während
seiner  Strafverhandlungen  Unklarheit.  Dem  Gericht
lagen  offenbar  zwei  Geburtsscheine  vor;  aus  einem
ging  hervor,  dass  er  1826  in  Mislitz  in  Mähren  geboren ­
  sei,  auf  dem  anderen  schienen  als  Geburtsort
Hradisch  im  ungarischen  Komitat  Neutra  und  das
Geburtsjahr  1822  auf.  Weininger  selbst  behauptete
stets,  in  Mislitz  geboren  zu  sein  und  in  die  dortige
Zuständigkeit  zu  fallen.  Das  Gericht  ging  jedoch
davon  aus,  dass  er  in  Hradisch  geboren  wurde;  diese
Ansicht  wird  auch  hier  geteilt,  und  zwar  u.  a.  deshalb, ­
  weil  dieser  Geburtsort  im  Sterbebuch  der  Israelitischen ­
  Kultusgemeinde  Wien  aufscheint  (Wiener
Stadt-  und  Landesarchiv,  Fotosammlung,  IKG  Sterbebuch, ­
  A  988/3).  Zu  den  widersprüchlichen  Angaben ­
  zu  seinem  Geburtsort  vgl.  das  Protokoll  der
Gerichtsverhandlung  vom  21.-26.  Februar  1877  am
k.  k.  Schwurgericht  Wien,  Reg.-Nr.  3466  A.  R.  2648,
Prot.  Z.  1418,  pag.  196,  Wiener  Stadt-  und  Landesarchiv, ­
  LGSt  Wien,  A  11,  Vr,  2727/1877.  Für  den
Hinweis  auf  das  Protokoll  des  Prozesses  von  1877
bedanke  ich  mich  herzlich  bei  Rudolf  Distelberger,
für  die  Bereitstellung  des  gesamten  Aktes  bei  Susanne ­
  Pils.  Dass  es  sich  bei  dem  Ort  Hradisch  nicht  um
Ungarisch  Hradisch  (Uherske  Hradiste)  in  der  heutigen ­
  Republik  Tschechien  handeln  kann,  geht  daraus ­
  hervor,  dass  dieses  nicht  im  ungarischen  Komitat
Neutra  lag.
12  Zu  Weiningers  Kremser  Zeit  vgl.  Hannelore  Hruschka,
  Die  Geschichte  der  Juden  in  Krems  an  der  Donau
von  den  Anfängen  bis  1938,  phil.  Diss.  Universität
Wien  1978,  Bd.  2,  352.
13  Hruschka  1978  (zit.  Anm.  12),  Bd.  1,  243  £;  Bd.  2,
218  f.
14  Die  Presse,  Jg.  6,  Nr.  120,  22.  Mai  1853,  11.
15  Wiener  Stadt-  und  Landesarchiv,  LGSt  Wien,  All,
Vr,  2727/1877,  fol.  20v:  „Auskunfts-Tabelle  über  Weininger, ­
  Salomon“.  Die  Auskunftstabelle  von  1877
spricht  von  20  fl.  Vgl.  ebenda,  fol.  20v,  fol.  235v.
16  Der  genaue  Zeitpunkt,  wann  Weininger  nach  Wien
zog,  lässt  sich  nicht  mehr  feststellen,  doch  muss  dies
vor  dem  31.  Jänner  1854,  dem  Tag  der  Geburt  seines
Sohnes  Leopold,  gewesen  sein.  In  den  Matriken  der
Israelitischen  Kultusgemeinde  Wien  scheint  nämlich
als  Geburtsort  Leopold  Weiningers  Wien  auf.  Für
diesen  Hinweis  bedanke  ich  mich  bei  Wolf-Erik
Eckstein.  Im  Wiener  Adressverzeichnis  findet  sich
Salomon  Weininger  jedoch  erst  1865.  Allerdings  sind
hier  nur  Hauptmieter  und  Wohnungsbesitzer  angeführt, ­
  nicht  aber  Untermieter.  Salomon  Weininger
ist  1865  und  1867  unter  der  Adresse  Untere  Donaustraße ­
  25  im  2.  Wiener  Gemeindebezirk  gemeldet,
1868  und  1870  in  der  Pfeffergasse  7  im  3.  Bezirk.
1873  und  1874  werden  als  Adresse  Rudolfsheim,
Arnsteig  19  und  die  Berufsbezeichnung  „Geschäftsmann“ ­
  angegeben.  1875  und  1876  findet  sich  im
Verzeichnis  von  Lehman  (s.  u.)  die  Adresse  Beatrixgasse ­
  28  im  3.  Bezirk,  als  Beruf  wird  jetzt  Antiquitätenhändler ­
  angeführt.  Auch  im  Branchenverzeichnis
von  1876  scheint  Salomon  Weininger  unter  der  Rubrik
„Alterthumsgegenstände“  mit  seiner  Adresse  in  der
Beatrixgasse  auf.  Vgl.  dazu  Adolph  Lehmann  (Hg.),
Lehmanns  Allgemeiner  Wohnungs-Anzeiger  nebst  Handels- ­
  und  Gewerbe-Adreßbuch  für  die  k.  k.  ReichshauptundResidenzstadt
  Wien  und  Umgebung,  Wien  1859  —
heute.
1  Die  Akten  zu  diesem  Prozess  haben  sich  leider  nicht
erhalten.  Weiters  fehlen  in  den  Zeitungen  Berichterstattungen ­
  dazu,  weshalb  die  genaueren  Umstände
des  Verfahrens  nicht  eruiert  werden  konnten.

„Es  IST  IMMER  DIESELBE  MELANGE“
Umtriebe  Weiningers  in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  musste
sie  aber  einige  schmerzliche  Verluste  hinnehmen.  Heute  wissen  wir,  dass
sich  innerhalb  des  umfangreichen  Bestandes  der  Geistlichen  Schatzkammer ­
  zumindest  vierzehn  Fälschungen  bzw.  Pasticci  aus  kopierten  und
originalen  Teilen  befinden,  die  sich  mit  Salomon  Weininger  in  Verbindung ­
  bringen  lassen.  Im  zweiten  Teil  des  vorliegenden  Aufsatzes  sollen  die
prominentesten  dieser  Objekte  ausführlich  behandelt  werden,  während
im  ersten  Teil  das  Augenmerk  zunächst  auf  der  Person  Weiningers  sowie
auf  dessen  Methoden  und  Vorgangsweisen  liegt.  Eine  eingehende  Besprechung ­
  der  bisher  von  der  Forschung  nicht  ausgewerteten  Prozessakten ­
  und  der  Berichterstattungen  zu  Vorgängen  bei  Gericht  wird  dabei
den  nötigen  Einblick  in  Weiningers  Wirken  geben  und  gleichzeitig  ein
Sittenbild  der  Wiener  Kunstproduktion  und  des  Sammelwesens  in  der
zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  zeichnen.

Zur  Person  Salomon  Weininger
Salomon  Weininger  wurde  1822  in  Hradisch  (Hradiste)  in  der  heutigen
Slowakei  als  Sohn  von  Bernhard  (Bernath)  Weininger  und  Amalia  Poggonek,
  nachmals  wiederverheiratete  Weiß,  geboren 11 .  Nachdem  er  sich
zwischen  1841  und  1847  wiederholt  als  „Handelsjud“  in  Krems  (NO)
aufgehalten  hatte,  tat  er  sich  dort  1851  als  Gründungsmitglied  des  Betvereins ­
  hervor  und  wurde  auch  dessen  erster  Vorsteher 12 .  Ein  Jahr  darauf
erwarb  er  die  Liegenschaft  Dreifaltigkeitsplatz  3  sowie  einen  Weingarten
und  wurde  damit  der  erste  jüdische  Hausbesitzer  in  Krems  nach  der
Revolution  von  1848.
Die  nächste  Nachricht  über  Weininger  stammt  aus  dem  Jahr  1853;
damals  brach  am  Abend  des  3.  Mai  in  seinem  Warenlager  -  er  war  in
Krems  auch  als  Händler  tätig  -  ein  Brand  aus.  In  einer  etwas  undurchsichtigen ­
  Darstellung,  die  gute  zwei  Wochen  später  im  Anzeigenteil  der
Presse  erschien,  schildert  der  Verfasser  „S.T.“  den  Versuch  eines  tätlichen
Übergriffs  auf  Weininger,  der  im  Zuge  dieses  Brandes  stattgefunden  habe.
Weininger,  der  hier  pathetisch  als  „allgemein  geachteter  Familienvater“
mit  ,,edle[m]  wohltätigkeitsliebende[m]  Sinn“  beschrieben  wird,  habe
sich  vor  einer  „satanisch  aufgeregten  Menge“  retten  müssen.  Drei  Männer ­
  hätten  ihn  mit  der  Ankündigung  von  Misshandlungen  einzuschüchtern ­
  versucht 13 .  Auf  eine  Klagsandrohung  des  Gemeindevorstandes  hin
ließ  Weininger  kurz  darauf  eine  Berichtigung  dieses  Vorfalls  in  der  Presse
erscheinen,  in  der  er  abstreitet,  jemals  in  derartige  Vorfälle  verwickelt
gewesen  zu  sein;  vielmehr  seien  die  Bewohner  von  Krems  herbeigeeilt,
um  das  Feuer  zu  löschen,  und  hätten  dabei  tatkräftige  Hilfe  geleistet 14 .  In
unserem  Zusammenhang  ist  dieser  Vorfall  deshalb  von  Belang,  weil
Weininger  aufgrund  dieses  Ereignisses  erstmals  gerichtlich  aktenkundig
wurde.  Er  war  offenbar  am  Ausbruch  des  Brandes  nicht  ganz  unschuldig
gewesen  und  wurde  wegen  „feuergefährlicher  Handlung  zu  15  fl.  Geldstrafe ­
  verurteilt“ 1 ' 1 .
Die  weiteren  Nachrichten  über  unseren  Protagonisten  sind  spärlich.  Er
verkaufte  1855  seine  Liegenschaft  am  Dreifaltigkeitsplatz  und  zog  in  der
Folge  nach  Wien 16 ,  wo  er  sich  abermals  vor  dem  Gesetz  verantworten
musste.  Diesmal  fiel  die  Strafe  aber  weit  höher  aus.  Am  24.  April  1856
wurde  er  vom  k.  k.  Landesgericht  Wien  wegen  betrügerischer  Krida  zu
acht  Jahren  schweren  Kerkers  verurteilt 17 .
            
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