Full text : Band 10 (102)

215

Die  Viole  da  gamba  von  Antonio  Ciciliano

Anhang

Übertragung  der  Originaldokumente  zur  Reparatur  der  Streichinstrumente ­
  der  Estensischen  Sammlung
Österreichisches  Haus-,  Hof-  und  Staatsarchiv,  Hofkammerarchiv,  Nachlass ­
  Erzherzog  Franz  Ferdinand,  Karton  84  (Kunst),  Prot.  Nr.  618

Brief  von  Wilhelm  Friedrich  Freiherr  von  Nepalleck  an  Karl  Freiherr
von  Rumerskirch  vom  8.3.1910
[228r]
Hochwohlgeborener  Freiherr!
Zufolge  der  mir  gütigst  erteilten  Erlaubnis  die  Musik-Instrumenten-Sammlung
  Seiner  k[aiserlichen],  und  k[öniglichen].  Hoheit  des  durchlauchtigsten ­
  Herrn  Erzherzogs  Franz  Ferdinand  anzusehen,  war  ich  so  frei
mich  durch  Baurat  Holzellan  [hs.  korrigiert:  Holzeland]  dem  Kustos
Frank  vorzustellen  um  die  Sammlung  zu  besichtigen.  -  Ich  war  begeistert
und  entzückt  über  die  kostbaren  und  seltenen,  prächtigen  Instrumente,
erkannte  ihre  besondere  Rarität  und  freute  mich,  daß  in  Wien  eine  so  einzig ­
  dastehende  Sammlung  sich  befindet,  die  wie  ich  oft  und  oft  gelesen
habe,  auch  in  ausländischen  Werken  erwähnt  wird.  -
Aber  als  alter  Violinspieler  und  langjähriger  Geigenkenner  sah  ich  aber
auch  zu  meinem  größten  Leidwesen,  daß  sich  die  Instrumente  ohne  Ausnahme ­
  in  einem  desolaten  Zustande  befinden.  -  Der  sehr  verständige
Herr  Kustos  Frank  that  was  er  konnte  für  die  Erhaltung  der  Instrumente,
aber  da  muß  eine  [228v]  fachkundige  Hand  heran,  ein  erstklassiger  Geigenmacher ­
  und  Reparateur,  denn  es  handelt  sich  hier  nicht  allein  darum,
daß  die  Instrumente  gereinigt,  besaitet  und  nur  beiläufig  für  das  Auge  des
Beschauers  hergerichtet  werden  um  exponiert  werden  zu  können,  sondern ­
  es  handelt  sich  um  viel  Wichtigeres.  Sämmtliche  Instrumente,  mit
ganz  wenigen  Ausnahmen,  gehen  langsam  dem  sicheren  Verfall  entgegen,
denn  in  nahezu  allen  arbeitet  sichtbar  der  Holzwurm  und  sind  einzelne
von  den  kostbarsten  Instrumenten  schon  so  weit  zerstört,  daß  sie  in  ganz
kurzer  Zeit  auseinander  fallen  müssen,  unreparierbar  und  unrettbar  verloren ­
  sind  für  immer,  was  ein  unersetzlicher  Verlust  wegen  ihrer  Kostbarkeit ­
  und  Seltenheit  wäre.
Die  beste  und  sorgfältigste  Aufbewahrung  nützt  jetzt  nichts  mehr,  die
Zerstörung  geht  ruhig  weiter  und  nur  eine  kunstgeübte  Hand  kann  hier
helfen.  Aus  den  kranken  Instrumenten,  die  sich  den  Wurm  nur  durch  seinerzeitig ­
  unzweckmäßige  Aufbewahrung  geholt  haben,  muß  zuerst  der
Holzwurm  lebend  entfernt  werden  und  dann  erst  kann  an  die  weitere
Instandsetzung  geschritten  werden,  um  sie  für  die  Zukunft  zu  erhalten.
[229r]  Daß  die  Instrumente  durch  die  Saitenlosigkeit  auch  sehr  gelitten
haben,  da  sie  keine  Spannung  hatten,  daher  sich  der  Corpus  bei  manchen
verzogen  hat,  und  Sprünge  im  Holze  entstanden  sind,  ist  ja  auch  ein  großer ­
  Schaden,  aber  im  Verhältnis  zum  Holzwurm  eine  Kleinigkeit.
Ich  bitte  Herrn  Baron  inständigst,  aus  purem  Interesse  an  diesen  Kostbarkeiten, ­
  Seine  kaiserliche  Hoheit  zu  bewegen  die  Restaurierung  der
Instrumente  gnädigst  zu  bewilligen,  da  jeder  Tag  jetzt  wichtig  ist.
            
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