Full text : Band 10 (102)

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Jan  Paul  Niederkorn
sollte,  seinen  Nachlass  für  verfallen  zu  erklären  und  seine  Sammlungen
zugunsten  des  Kaisers  einzuziehen.
Ein  Gurreil  dieser  Sammlungen  befand  sich,  wie  das  Nachlassinventar
beweist,  allerdings  im  Palast  der  Familie  Granveile  in  Besamjon  und
unterlag  damit  nicht  dem  unmittelbaren  Zugriff  des  Kaisers.  Um  den
Verlust  seines  Erbes  zu  verhindern,  reiste  Francois  Thomas  d’Oiselay,  ein
Sohn  von  Cantecroys  Schwester  Peronne  Perrenot,  den  der  Graf  zum
Erben  eingesetzt  hatte,  nach  Prag.  Nicht  ohne  das  Mitwirken  des  Kammerdieners ­
  Lang,  der  für  seine  Dienste  4.000  Taler  erhielt 64 ,  gelang  es
Oiselay,  einen  für  sich  günstigen  Kompromiss  bezüglich  des  Cantecroy’-schen
  Nachlasses  auszuhandeln:  Zwar  musste  er,  wie  der  spanische  Gesandte ­
  San  Clemente  berichtet,  Rudolf  einige  Tapisserien,  Goldgegenstände ­
  und  Schmuck  überlassen,  doch  durfte  er  den  Rest  behalten 65 .
Gelohnt  hat  sich  die  Reise  nach  Prag  für  den  neuen  Grafen  von  Cantecroy
  auch  in  anderer  Hinsicht:  Er  erhielt  eine  Tochter  Rudolfs  II.  zur
Frau,  Donna  Carolina  de  Austria  (1591-1662).  Der  Braut,  die  angeblich
die  Tochter  einer  Euphemia  von  Rosenthal  war,  nach  Christian  Sapper
aber  möglicherweise  einer  Beziehung  Rudolfs  zu  Lucia  Ottilie  von  Neuhaus ­
  entstammte,  wurde  eine  (allerdings  nie  ausgezahlte)  Mitgift  von
80.000  Talern  zugesagt,  die  Hochzeit  fand  unter  großer  Prachtentfaltung
im  Februar  1608  statt 66 .  Zugute  war  Oiselay  zweifelsohne  gekommen,
dass  die  venezianische  Antwort  auf  die  kaiserliche  Anfrage  bezüglich
Cantecroys  Verbrechen  sehr  zurückhaltend  ausfiel,  wofür  er  dem  Gesandten ­
  Soranzo  auch  ausdrücklich  seinen  Dank  bezeugte 67 .  Wohl  nicht
zu  Unrecht  hat  Robert  Evans  in  seiner  Rudolf-Biographie  aber  einen
Zusammenhang  zwischen  dieser  Ehe  und  dem  Erwerb  von  Teilen  der
Sammlung  Granvella  vermutet 68 .  Dergleichen  könnte  man  nun  auch  hinsichtlich ­
  der  Marter  der  zehntausend  Christen  annehmen,  wenn  man  von
der  durchaus  plausiblen  Möglichkeit  ausgeht,  dass  sich  Oiselay,  um  den
Kaiser  gnädig  zu  stimmen,  verpflichtete,  diesem  das  Dürer’sche  Original
auszuhändigen.

S  UMMARY

Emperor  Rudolf  II,  a  Criminal  Ambassador  and  Dürers
Martyrdom  ofthe  Ten  Thousand
When  in  June  1606  Emperor  Rudolf  II  recalled  his'  ambassador  in
Venice,  Francois  Thomas  Perrenot  de  Granvelle,  Count  of  Cantecroy,  a
number  of  reasons  were  cited  at  the  Prague  court  in  addition  to  failure  to
discharge  his  duties,  ranging  from  suspected  counterfeiting  to  murder.
Because  Cantecroys  previous  life  had  hardly  been  irreproachable  and  he
could  in  no  way  be  seen  as  an  experienced  diplomat,  it  is  quite  astonishing
  that  he  was  appointed  to  the  position  in  the  first  place.  It  appears  that
this  was  connected  to  the  purchase  by  Rudolf  II  of  parts  of  Cantecroys
considerable  art  collection  in  1600,  following  protracted  negotiations.
The  collection  was  based  on  the  holdings  of  Cantecroys  uncle,  Cardinal
Granvelle.  The  count  accepted  a  reduction  in  the  purchase  price  he  had
sought  but  in  return  was  guaranteed  other  favours  from  the  emperor,  one
of  which  was  probably  the  post  of  ambassador.
It  is  not  completely  clear  exactly  which  artworks  came  to  Prague  under
the  agreement  because  Rudolf  was  not  satisfied  with  some  of  them  and

64  Christian  Sapper,  Kinder  des  Geblüts  -  die  Bastarde
Kaiser  Rudolfi  II,  in:  Mitteilungen  des  Österreichischen ­
  Staatsarchivs  47,  1999,  1—116,  hier  20  f.
65  Bericht  San  Clementes  vom  28.  Mai  1607;  AGS  E
2493,  Nr.  54.  Es  ist  zu  vermuten,  dass  die  im  Kunstkammerinventar ­
  von  1607  (zit.  Anm.  47)  als  aus
Cantecroy’schem  Besitz  stammend  angeführten
Objekte  aus  dem  damals  dem  Kaiser  überlassenen
Bestand  herrühren.
66  Sapper  1999  (zit.  Anm.  64),  21-23.
67  Bericht  Soranzos  aus  Prag  vom  27.  Mai  1607;
HHStA,  Dispacci  di  Germania  38.
68  Robert  J.  Evans,  Rudolf  II  Ohnmacht  und  Einsamkeit, ­
  Graz  1980,  125.
            
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