138
Jan Paul Niederkorn
sollte, seinen Nachlass für verfallen zu erklären und seine Sammlungen
zugunsten des Kaisers einzuziehen.
Ein Gurreil dieser Sammlungen befand sich, wie das Nachlassinventar
beweist, allerdings im Palast der Familie Granveile in Besamjon und
unterlag damit nicht dem unmittelbaren Zugriff des Kaisers. Um den
Verlust seines Erbes zu verhindern, reiste Francois Thomas d’Oiselay, ein
Sohn von Cantecroys Schwester Peronne Perrenot, den der Graf zum
Erben eingesetzt hatte, nach Prag. Nicht ohne das Mitwirken des Kammerdieners
Lang, der für seine Dienste 4.000 Taler erhielt 64 , gelang es
Oiselay, einen für sich günstigen Kompromiss bezüglich des Cantecroy’-schen
Nachlasses auszuhandeln: Zwar musste er, wie der spanische Gesandte
San Clemente berichtet, Rudolf einige Tapisserien, Goldgegenstände
und Schmuck überlassen, doch durfte er den Rest behalten 65 .
Gelohnt hat sich die Reise nach Prag für den neuen Grafen von Cantecroy
auch in anderer Hinsicht: Er erhielt eine Tochter Rudolfs II. zur
Frau, Donna Carolina de Austria (1591-1662). Der Braut, die angeblich
die Tochter einer Euphemia von Rosenthal war, nach Christian Sapper
aber möglicherweise einer Beziehung Rudolfs zu Lucia Ottilie von Neuhaus
entstammte, wurde eine (allerdings nie ausgezahlte) Mitgift von
80.000 Talern zugesagt, die Hochzeit fand unter großer Prachtentfaltung
im Februar 1608 statt 66 . Zugute war Oiselay zweifelsohne gekommen,
dass die venezianische Antwort auf die kaiserliche Anfrage bezüglich
Cantecroys Verbrechen sehr zurückhaltend ausfiel, wofür er dem Gesandten
Soranzo auch ausdrücklich seinen Dank bezeugte 67 . Wohl nicht
zu Unrecht hat Robert Evans in seiner Rudolf-Biographie aber einen
Zusammenhang zwischen dieser Ehe und dem Erwerb von Teilen der
Sammlung Granvella vermutet 68 . Dergleichen könnte man nun auch hinsichtlich
der Marter der zehntausend Christen annehmen, wenn man von
der durchaus plausiblen Möglichkeit ausgeht, dass sich Oiselay, um den
Kaiser gnädig zu stimmen, verpflichtete, diesem das Dürer’sche Original
auszuhändigen.
S UMMARY
Emperor Rudolf II, a Criminal Ambassador and Dürers
Martyrdom ofthe Ten Thousand
When in June 1606 Emperor Rudolf II recalled his' ambassador in
Venice, Francois Thomas Perrenot de Granvelle, Count of Cantecroy, a
number of reasons were cited at the Prague court in addition to failure to
discharge his duties, ranging from suspected counterfeiting to murder.
Because Cantecroys previous life had hardly been irreproachable and he
could in no way be seen as an experienced diplomat, it is quite astonishing
that he was appointed to the position in the first place. It appears that
this was connected to the purchase by Rudolf II of parts of Cantecroys
considerable art collection in 1600, following protracted negotiations.
The collection was based on the holdings of Cantecroys uncle, Cardinal
Granvelle. The count accepted a reduction in the purchase price he had
sought but in return was guaranteed other favours from the emperor, one
of which was probably the post of ambassador.
It is not completely clear exactly which artworks came to Prague under
the agreement because Rudolf was not satisfied with some of them and
64 Christian Sapper, Kinder des Geblüts - die Bastarde
Kaiser Rudolfi II, in: Mitteilungen des Österreichischen
Staatsarchivs 47, 1999, 1—116, hier 20 f.
65 Bericht San Clementes vom 28. Mai 1607; AGS E
2493, Nr. 54. Es ist zu vermuten, dass die im Kunstkammerinventar
von 1607 (zit. Anm. 47) als aus
Cantecroy’schem Besitz stammend angeführten
Objekte aus dem damals dem Kaiser überlassenen
Bestand herrühren.
66 Sapper 1999 (zit. Anm. 64), 21-23.
67 Bericht Soranzos aus Prag vom 27. Mai 1607;
HHStA, Dispacci di Germania 38.
68 Robert J. Evans, Rudolf II Ohnmacht und Einsamkeit,
Graz 1980, 125.