Vorwort
Als eines der ältesten kunsthistorischen Periodika von internationalem Rang verfolgt das Jahrbuch des Kunsthistorischen
Museums Wien traditionell die Zielsetzung, die neuesten Forschungsergebnisse zu den reichen Beständen und
zur Geschichte der verschiedenen Sammlungen zu präsentieren, wobei die bedeutendsten in- und ausländischen
Kunsthistoriker, Historiker, Archäologen und Wissenschaftler verwandter Fachrichtungen eingeladen werden, den
aktuellen Stand ihrer Studien zu publizieren. In den Beiträgen des vorliegenden Bandes wird wieder einmal die Vielfalt
der auf die Habsburger zurückgehenden Sammlungen des Kunsthistorischen Museums deutlich.
Maria Grazia Branchetti rekonstruiert anhand von Dokumenten des Archivio di Stato in Rom die Herstellung eines
Mosaikporträts von Kaiser Joseph II. und dessen Bruder Pietro Leopoldo nach einem Gemälde von Pompeo Batoni
sowie seinen Transport nach Wien. Aufschlussreiche Details über das Fälscherwesen des 19. Jahrhunderts in Wien
und über die diesbezügliche Tätigkeit des Antiquitätenhändlers Salomon Weininger liefert der Beitrag von Paulus
Rainer. Anhand der Mumie des An-em-her zeigt Elfriede Haslauer, dass im Alten Ägypten der geschmückte Leichnam
nicht nur durch die Balsamierung, sondern auch durch die Magie der Darstellungen und der Amulette ein
Garant für das Weiterleben im Jenseits sein sollte. Alice Landskron legt den Forschungsstand zu den Reliefs des Heroons
von Trysa dar, die Ende des 19. Jahrhunderts mit Genehmigung der türkischen Behörden nach Wien verbracht
und der Antikensammlung eingegliedert wurden. Albrecht Dürers Marter der zehntausend Christen bildet den Mittelpunkt
der Betrachtungen von Jan Paul Niederkorn über einen kriminellen Botschafter Kaiser Rudolfs II., das Porträt
einer Dame von Michiel Sittow erfährt durch Paul G. Matthews eine neue Interpretation, indem er die Dargestellte
als Mary Rose Tudor, die Schwester Heinrichs VIII., identifiziert. Zwei bedeutende Objekte der Hofjagd- und Rüstkammer,
der so genannte Helm und das Schwert des Skanderbeg, werden von Matthias Pfaffenbichler einer neuerlichen
Untersuchung unterzogen, bei der die Zweifel an der Zuschreibung an den albanischen Helden Georg Kastriota
großteils bekräftigt werden. Die Kunstkammer ist durch den Beitrag von Helmut Seling .vertreten, der einer
aus Schloss Ambras stammenden Kanne gewidmet ist, die der Autor eng mit Philippine Welser in Verbindung bringt.
Gerlinde Gruber dokumentiert ein wiedergefundenes Porträt von Gonzales Coques aus der Sammlung des Erzherzogs
Leopold Wilhelm und beleuchtet in einem weiteren Beitrag anhand von drei bisher unpublizierten Briefen
die Rolle von Wenzel Anton Graf von Kaunitz-Rietberg bei der 1780 erfolgten Neuaufstellung der Gemäldegalerie
im Belvedere. Francesca del Torre Scheuch berichtet über die Ergebnisse der jüngsten Restaurierung des Bozzetto
Lazarus und der reiche Prasser von Jacopo Bassano. Aus der Sammlung alter Musikinstrumente stammen drei Viole
da Gamba von Antonio Ciciliano, die zu den weltweit ältesten ihrer Gattung gehören. Rudolf Hopfner unterzieht
sie einer ausführlichen Untersuchung und macht auf neu erforschte Details aufmerksam.
Der letzte Teil des Jahrbuchs ist der Publikation von Archivalien gewidmet: Herbert Haupt veröffentlicht den zweiten
Teil der auf Kaiser Rudolf II. Bezug nehmenden Nachrichten in den Protokollbüchern der Prager und Wiener
Hoffinanz, Marko Deisinger ediert einen 1659 verfassten Bericht eines italienischen Gesandten über die Galerie Erzherzog
Leopold Wilhelms und die Schatzkammer Kaiser Leopolds I. Susanne Hehenberger schließlich transkribiert
das Dienstprotokoll des Hofburgkapellenkustos Johann(es) Poy, das ein seltenes Dokument angewandter Liturgie am
habsburgischen Hof um die Mitte des 18. Jahrhunderts darstellt.
An dieser Stelle sei den Autorinnen und Autoren sowie allen, die am Zustandekommen dieser Publikation beteiligt
waren, ganz herzlich gedankt. Mein besonderer Dank ergeht an Frau Dr. Sabine Haag für ihre umsichtige redaktionelle
Betreuung. Frau Dr. Elisabeth Herrmann und Frau Mag. Annette Schäfer besorgten mit bewährter Sorgfalt
das Lektorat, Herr John Winbigler übernahm die englischen Übersetzungen. Das Fotomaterial wurde zum Großteil
im Fotoatelier des Kunsthistorischen Museums unter der Leitung von Herrn Stefan Zeisler angefertigt, wobei Frau
Sabine Sommer die aufwendige Bildbearbeitung zu verdanken ist.
Das diesjährige Jahrbuch ist dem Andenken von Dr. Ortwin Gamber gewidmet, der durch seine langjährige Tätigkeit
als Kustos und Direktor der Hofjagd- und Rüstkammer mit dem Kunsthistorischen Museum aufs Engste verbunden
war.
Dr. Wilfried Seipel
Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums