Full text : Band 4/5 (=96/97)

Fritz  Koreny

Abb.  i:  Hieronymus  Bosch,  Epiphanie-Triptychon,
Detail  der  Mitteltafel.  Öl  auf  Holz.  Madrid,  Museo
Nacional  del  Prado.

*  Der  Aufsatz  gibt  in  abgerundeter  Form  zwei  eng
miteinander  verknüpfte  Vorträge  wieder,  die  anläßlich ­
  des  Symposiums  Hieronymus  Bosch  revealedi  am
6.  November  2001  in  ‘s-Hertogenbosch  gehalten
wurden.  Die  Tagung  fand  in  Ergänzung  der  vom
Museum  Boijmans  Van  Beuningen  organisierten
Ausstellung  Hieronymus  Bosch  (Rotterdam,
1.09.-11.11.2001)  statt.  Diese  Ausstellung  gab
Anlaß  zur  Bearbeitung  der  Zeichnungen  und  führte
von  diesen  notwendigerweise  zur  Beschäftigung  mit
Boschs  malerischem  Werk.
Der  Vortrag  wurde  am  8.  Mai  2002  im  Rahmen  der
Gesellschaft  für  vergleichende  Kunstforschung  in
Wien  wiederholt.  Gekürzt  und  auf  die  Werke  Boschs
in  Berlin  fokussiert  wurden  die  Ergebnisse  anläßlich
eines  Vortrages  am  11.  Februar  2002  in  Berlin  vorgestellt. ­
  Das  vom  8.  bis  10.  Juli  2002  in  Madrid,
Prado,  veranstaltete  Symposium  La  pintura  flamenca
del  sigloXV  bot  im  Rahmen  des  Themas  Early
Netherlandish  Drawing,  to  the  State  of  Research  Gelegenheit, ­
  anhand  von  wenigen  ausgewählten  Beispielen ­
  von  den  im  folgenden  dargelegten  Neubewertungen ­
  zu  berichten.
1  Es  fällt  auf,  wie  viele  Untersuchungen  sich  auf
Boschs  Bildprogramme  und  seine  von  innerer  Sicht
geprägten  Bildwelten,  auf  die  näheren  Umstände  seines ­
  Lebens,  von  Bildung  und  Werk  konzentrieren
und  die  stilistische  Entwicklung  auf  der  Grundlage
thematischer  Kongruenz  zu  erklären  suchen.  Siehe
dazu  vor  allem  W.  Fraenger,  Hieronymus  Bosch,  Dresden ­
  1975;  D.  Bax,  Hieronymus  Bosch.  His  Picture-Writing
  Deciphered,  Rotterdam  1979;  P.  Reuterswärd,
  Hieronymus  Bosch,  Stockholm  1970.
In  informativer  und  demaskierender  Weise  wird  dieser ­
  Zugang  zu  Boschs  Oeuvre  im  kritischen  Literaturüberblick ­
  bei  R.  H.  Marijnissen,  Hieronymus
Bosch.  Das  vollständige  Werk,  unter  Mitarbeit  von
P.  Ruyffelaere,  Weinheim  1988  (zitiert  nach  der
Lizenzausgabe  Köln  1999,  23-47)  sowie  in  den
Resümees  zu  den  einzelnen  Abschnitten  deutlich.
Lediglich  Tolnay  unternimmt  den  Versuch,  die
Bosch  zugeschriebenen  Werke  stilkritisch  zu  ordnen:
Ch.  de  Tolnay,  Hieronymus  Bosch,  Basel  1937;
Baden-Baden  1965;  hier  zitiert  nach  der  deutschsprachigen ­
  Ausgabe  Eltville  1984,  10-47.
2  Tolnay  1937  (zit.  Anm.  1).
3  L.  v.  Baldass,  Jheronimus  Bosch,  2.  veränderte  Aufl.
Wien  -  München  1968.
4  G.  Unverfehrt,  Hieronymus  Bosch.  Die  Rezeption  seiner ­
  Kunst  im  frühen  16.  Jahrhundert,  Berlin  1980.
5  P.  Klein,  Dendrochronological  Analysis  of  Works  by
Hieronymus  Bosch  and  His  Followers,  in:  J.  Koldeweij
-  B.  Vermet  -  B.  van  Kooij  (Hgg.),  Hieronymus
Bosch,  New  Insights  Into  His  Life  and  Work,  Rotterdam ­
  2001,  121-132.
6  Ausstellungskatalog  Hieronymus  Bosch.  Das  Gesamtwerk, ­
  Rotterdam  (Museum  Boijmans  Van  Beuningen) ­
  2001.  Siehe  dazu  im  Ausst.-Kat.  B.  Vermet,
Hieronymus  Bosch:  Maler,  Werkstatt  oder  Stil?,  90.

Hieronymus  Bosch  -  Überlegungen
zu  Stil  und  Chronologie
Prolegomena  zu  einer  Sichtung  des  Oeuvres*

I.  Bosch  als  Maler
Von  Anfang  an  bis  heute  lenkten  Boschs  neue  Bildsprache  und  phantastische ­
  Sicht  der  Dinge  das  Augenmerk  der  Forschung  mehr  auf  den
Inhalt  als  auf  die  spezifische  künstlerische  Form 1 .  Archivalische  Evidenz,
Bildinhalt  und  Deutung  dominieren  die  Literatur  bis  in  die  Gegenwart,
während  in  bezug  auf  Stilsprache,  Eigenhändigkeit  und  künstlerische
Entwicklung  weitgehend  Widersprüchlichkeit  und  Ratlosigkeit  vorherrschen. ­
  Wer  sich  mit  Boschs  Oeuvre  beschäftigt,  stellt  fest,  daß  hinsichtlich ­
  Zuschreibung  und  Datierung  bei  keinem  anderen  niederländischen
Künstler  um  1500  so  divergierende  Meinungen  vertreten  werden.
Die  kunstwissenschaftliche  Auseinandersetzung  mit  Boschs  Werk  hat
etwa  dreißig  bis  vierzig  Tafelbilder  für  authentisch  erklärt.  Die  Zahl  der
Bilder  differiert  je  nach  Autor  beträchtlich:  Während  Tolnay  41  Originalgemälde ­
  zählt 2  und  Baldass  34  als  eigenhändig  ansieht 3 ,  anerkennt
Unverfehrt 4  nur  noch  25  Werke.
Die  allein  auf  stilkritischem  Vergleich  begründete  ältere  Praxis  kunsthistorischer ­
  Zuschreibung  konnte  in  den  vergangenen  Jahrzehnten  durch
die  Einbeziehung  von  Flilfswissenschaften  und  interdisziplinären  Forschungsmethoden ­
  grundlegend  bereichert  werden.  Vor  allem  die  dendrochronologische
  Analyse  der  Malbretter  ermöglichte  es,  kunstwissenschaftliche ­
  Urteile  auf  der  Grundlage  naturwissenschaftlicher  Ergebnisse  zu
relativieren 5 .
Allerdings  sind  auf  diesem  Wege  nur  bedingt  gültige  Aussagen  zu  gewinnen. ­
  So  ergaben  die  erst  kürzlich  im  Vorfeld  der  Bosch-Ausstellung  im
Museum  Boijmans  Van  Beuningen  in  Rotterdam  angestellten  systematischen ­
  Untersuchungen  neben  einer  Reihe  aufschlußreicher  Daten  auch
schwer  zu  deutende  Resultate 6 :  etwa,  daß  die  für  den  Garten  der  Lüste  verwendeten ­
  Bretter  eine  Bemalung  bereits  ab  1466  erlauben.  Dies  überrascht! ­
  Niemand  wird  die  Tafeln  ernstlich  als  Frühwerke  Boschs  in  Erwägung ­
  ziehen  und  beispielsweise  eine  Chronologie  seines  Werks  darauf
bauen  wollen.  Flingegen  erbrachten  die  Untersuchungen  im  Kernbestand
der  Bosch-Gruppe  zwei  neue  Daten  von  besonderer  kunstwissenschaftlicher ­
  Relevanz:  Der  Tod  des  Geizhalses,  das  Narrenschiff  und  der  Vagabund
wurden  als  Teile  eines  Triptychons  erkannt,  dessen  Ausführung  in  den
Jahren  vor  1500  anzunehmen  ist 7 .  Das  ist  im  Gesamtzusammenhang  der
Bosch  zugeschriebenen  Werke  zwar  interessant,  als  Erkenntnis  jedoch  nur
bedingt  hilfreich:  Die  Daten  bestätigen  lediglich,  daß  es  sich  um  Arbeiten
aus  Boschs  Zeit  handelt,  doch  stand  dies  ohnehin  außer  Streit.  In  bezug
auf  künstlerische  Handschrift  und  Originalität  können  sie  der  Diskussion ­
  jedoch  nichts  hinzufügen.  Hingegen  muß  das  zweite  -  überraschende
und  unvermutete  -  Ergebnis,  daß  der  Madrider  Heuwagen  frühestens
            
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