Fritz Koreny
Abb. i: Hieronymus Bosch, Epiphanie-Triptychon,
Detail der Mitteltafel. Öl auf Holz. Madrid, Museo
Nacional del Prado.
* Der Aufsatz gibt in abgerundeter Form zwei eng
miteinander verknüpfte Vorträge wieder, die anläßlich
des Symposiums Hieronymus Bosch revealedi am
6. November 2001 in ‘s-Hertogenbosch gehalten
wurden. Die Tagung fand in Ergänzung der vom
Museum Boijmans Van Beuningen organisierten
Ausstellung Hieronymus Bosch (Rotterdam,
1.09.-11.11.2001) statt. Diese Ausstellung gab
Anlaß zur Bearbeitung der Zeichnungen und führte
von diesen notwendigerweise zur Beschäftigung mit
Boschs malerischem Werk.
Der Vortrag wurde am 8. Mai 2002 im Rahmen der
Gesellschaft für vergleichende Kunstforschung in
Wien wiederholt. Gekürzt und auf die Werke Boschs
in Berlin fokussiert wurden die Ergebnisse anläßlich
eines Vortrages am 11. Februar 2002 in Berlin vorgestellt.
Das vom 8. bis 10. Juli 2002 in Madrid,
Prado, veranstaltete Symposium La pintura flamenca
del sigloXV bot im Rahmen des Themas Early
Netherlandish Drawing, to the State of Research Gelegenheit,
anhand von wenigen ausgewählten Beispielen
von den im folgenden dargelegten Neubewertungen
zu berichten.
1 Es fällt auf, wie viele Untersuchungen sich auf
Boschs Bildprogramme und seine von innerer Sicht
geprägten Bildwelten, auf die näheren Umstände seines
Lebens, von Bildung und Werk konzentrieren
und die stilistische Entwicklung auf der Grundlage
thematischer Kongruenz zu erklären suchen. Siehe
dazu vor allem W. Fraenger, Hieronymus Bosch, Dresden
1975; D. Bax, Hieronymus Bosch. His Picture-Writing
Deciphered, Rotterdam 1979; P. Reuterswärd,
Hieronymus Bosch, Stockholm 1970.
In informativer und demaskierender Weise wird dieser
Zugang zu Boschs Oeuvre im kritischen Literaturüberblick
bei R. H. Marijnissen, Hieronymus
Bosch. Das vollständige Werk, unter Mitarbeit von
P. Ruyffelaere, Weinheim 1988 (zitiert nach der
Lizenzausgabe Köln 1999, 23-47) sowie in den
Resümees zu den einzelnen Abschnitten deutlich.
Lediglich Tolnay unternimmt den Versuch, die
Bosch zugeschriebenen Werke stilkritisch zu ordnen:
Ch. de Tolnay, Hieronymus Bosch, Basel 1937;
Baden-Baden 1965; hier zitiert nach der deutschsprachigen
Ausgabe Eltville 1984, 10-47.
2 Tolnay 1937 (zit. Anm. 1).
3 L. v. Baldass, Jheronimus Bosch, 2. veränderte Aufl.
Wien - München 1968.
4 G. Unverfehrt, Hieronymus Bosch. Die Rezeption seiner
Kunst im frühen 16. Jahrhundert, Berlin 1980.
5 P. Klein, Dendrochronological Analysis of Works by
Hieronymus Bosch and His Followers, in: J. Koldeweij
- B. Vermet - B. van Kooij (Hgg.), Hieronymus
Bosch, New Insights Into His Life and Work, Rotterdam
2001, 121-132.
6 Ausstellungskatalog Hieronymus Bosch. Das Gesamtwerk,
Rotterdam (Museum Boijmans Van Beuningen)
2001. Siehe dazu im Ausst.-Kat. B. Vermet,
Hieronymus Bosch: Maler, Werkstatt oder Stil?, 90.
Hieronymus Bosch - Überlegungen
zu Stil und Chronologie
Prolegomena zu einer Sichtung des Oeuvres*
I. Bosch als Maler
Von Anfang an bis heute lenkten Boschs neue Bildsprache und phantastische
Sicht der Dinge das Augenmerk der Forschung mehr auf den
Inhalt als auf die spezifische künstlerische Form 1 . Archivalische Evidenz,
Bildinhalt und Deutung dominieren die Literatur bis in die Gegenwart,
während in bezug auf Stilsprache, Eigenhändigkeit und künstlerische
Entwicklung weitgehend Widersprüchlichkeit und Ratlosigkeit vorherrschen.
Wer sich mit Boschs Oeuvre beschäftigt, stellt fest, daß hinsichtlich
Zuschreibung und Datierung bei keinem anderen niederländischen
Künstler um 1500 so divergierende Meinungen vertreten werden.
Die kunstwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Boschs Werk hat
etwa dreißig bis vierzig Tafelbilder für authentisch erklärt. Die Zahl der
Bilder differiert je nach Autor beträchtlich: Während Tolnay 41 Originalgemälde
zählt 2 und Baldass 34 als eigenhändig ansieht 3 , anerkennt
Unverfehrt 4 nur noch 25 Werke.
Die allein auf stilkritischem Vergleich begründete ältere Praxis kunsthistorischer
Zuschreibung konnte in den vergangenen Jahrzehnten durch
die Einbeziehung von Flilfswissenschaften und interdisziplinären Forschungsmethoden
grundlegend bereichert werden. Vor allem die dendrochronologische
Analyse der Malbretter ermöglichte es, kunstwissenschaftliche
Urteile auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Ergebnisse zu
relativieren 5 .
Allerdings sind auf diesem Wege nur bedingt gültige Aussagen zu gewinnen.
So ergaben die erst kürzlich im Vorfeld der Bosch-Ausstellung im
Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam angestellten systematischen
Untersuchungen neben einer Reihe aufschlußreicher Daten auch
schwer zu deutende Resultate 6 : etwa, daß die für den Garten der Lüste verwendeten
Bretter eine Bemalung bereits ab 1466 erlauben. Dies überrascht!
Niemand wird die Tafeln ernstlich als Frühwerke Boschs in Erwägung
ziehen und beispielsweise eine Chronologie seines Werks darauf
bauen wollen. Flingegen erbrachten die Untersuchungen im Kernbestand
der Bosch-Gruppe zwei neue Daten von besonderer kunstwissenschaftlicher
Relevanz: Der Tod des Geizhalses, das Narrenschiff und der Vagabund
wurden als Teile eines Triptychons erkannt, dessen Ausführung in den
Jahren vor 1500 anzunehmen ist 7 . Das ist im Gesamtzusammenhang der
Bosch zugeschriebenen Werke zwar interessant, als Erkenntnis jedoch nur
bedingt hilfreich: Die Daten bestätigen lediglich, daß es sich um Arbeiten
aus Boschs Zeit handelt, doch stand dies ohnehin außer Streit. In bezug
auf künstlerische Handschrift und Originalität können sie der Diskussion
jedoch nichts hinzufügen. Hingegen muß das zweite - überraschende
und unvermutete - Ergebnis, daß der Madrider Heuwagen frühestens