Full text : Band 4/5 (=96/97)

Friedrich  Polleross

„Pro  decore  Majestatis“
Zur  Repräsentation  Kaiser  Leopolds  I.  in  Architektur,
Bildender  und  Angewandter  Kunst*

*  Für  vielfältige  Unterstützung  bei  der  Literatur-  und
Fotobeschaffung  sowie  Hinweise  und  Beratung
danke  ich  den  Damen  und  Herren  Rotraud  Bauer,
Rudolf  Distelberger,  Michael  Grünwald  (Göttweig),
Sabine  Haag,  Mark  Hengerer  (Konstanz),  Beatrix
Kriller,  Monica  Kurzel-Runtscheiner,  Renate  Schreiber, ­
  Jutta  Schumann  (Berlin),  Andrea  Sommer-Mathis
  (Rom),  Gudrun  Swoboda  und  Stefan  Zeisler.
1  Einen  gewissen  Überblick  bieten:  G.  Heinz,  Studien
zur  Porträtmalerei  an  den  Höfen  der  österreichischen
Erblande,  in:  Jahrbuch  der  kunsthistorischen  Sammlungen ­
  in  Wien  59,  1963,  99-224;  E.  Scheicher,  Die
Kunst-  und  Wunderkammern  der  Habsburger,  Wien  -
München  -  Zürich  1979;  E.  Kövacs,  Die  Apotheose
des  Hauses  Österreich.  Repräsentation  und  politischer
Anspruch,  und  F.  B.  Polleroß,  Zur  Repräsentation  der
Habsburger  in  der  bildenden  Kunst,  in:  R.  Feuchtmüller ­
  -  E.  Kövacs  (Hgg.),  Welt  des  Barock,  Wien  -  Freiburg ­
  -  Basel  1986,  53-86  bzw.  87-104;  M.  Tanner,
The  Last  Descendants  of  Aeneas.  The  Hapsburgs  and
the  Mythic  Image  ofthe  Emperor,  New  Haven  -  London ­
  1993;  J.  Turner  (Hg.),  Habsburgl.  Austrian
branch,  in:  The  Dictionary  of  Art,  Bd.  13,  London
1996,  899-922;  HabsburgII.  Spanish  branch,  in:
ebenda,  Bd.  14,  London  1996,  1—11;  K.  Vocelka  -
L.  Heller,  Die  Lebenswelt  der  Habsburger.  Kultur-  und
Mentalitätsgeschichte  einer  Familie,  Graz  -  Wien  -
Köln  1997;  F.  Polleroß,  Tradition  und  Recreation.  Die
Residenzen  der  österreichischen  Habsburger  in  der
frühen  Neuzeit  (1400—1/80),  in:  Majestas  6,  1998,
91-148;  G.  Redworth  -  F.  Checa,  The  Courts  ofthe
Spanish  Habsburgs  1500—1/00,  und  J.  Duindam,  The
Courts  of  the  Austrian  Habsburgs  c.  1500—1/50,  in:
J.  Adamson  (Hg.),  The  Princely  Courts  of  Europe
1500-1/50,  London  1999,  42-65  bzw.  164-187;
T.  von  der  Dunk,  Das  deutsche  Denkmal.  Eine
Geschichte  in  Stein  und  Bronze  vom  Hochmittelalter
bis  zum  Barock  (Beiträge  zur  Geschichtskultur  18),
Köln  -  Weimar  -  Wien  1999;  F.  Polleroß,  Kaiser,
König,  Landesfürst:  Habsburgische  „Dreifaltigkeit“  im
Porträt,  in:  A.  Beyer  -  U.  Schütte  -  L.  Unbehaun
(Hgg.),  Bildnis,  Fürst  und  Territorium  (Rudolstädter
Forschungen  zur  Residenzkultur  2),  München  —
Berlin  2000,  189-218;  H.  Trnek  -  S.  Haag  (Hgg.),
Exotica.  Portugals  Entdeckungen  im  Spiegel  fürstlicher
Kunst-  und  Wunderkammern  der  Renaissance.  Die
Beiträge  des  am  ip.  und  20.  Mai  2000  vom  Kunsthistorischen
  Museum  Wien  veranstalteten  Symposiums
(Jahrbuch  des  Kunsthistorischen  Museums  Wien  3),
Mainz  2001.
2  F.  Checa  Cremades,  Carlos  V.  La  imagen  delpoder  en
el  Renacimiento,  Madrid  1999;  Ausstellungskatalog
W.  Seipel  (Hg.),  Kaiser  KarlV.  (1500-1558).  Macht
und  Ohnmacht  Europas,  Wien  -  Bonn  2000;

Abb.  1:  Matthias  Steinl,  Kaiser  Leopold  I.
Um  iöpo/py.  Elfenbein.  Wien,  Kunsthistorisches
Museum,  Kunstkammer,  Inv.-Nr.  4662.

In  den  letzten  Jahren  erschienen  zahlreiche  Studien  zur  künstlerischen
Repräsentation  der  spanischen  Könige  und  niederländischen  Statthalter,
aber  weitaus  weniger  zu  jener  der  Kaiser  aus  dem  Haus  Österreich 1 .  Abgesehen ­
  von  der  Repräsentation  Karls  V.,  die  anläßlich  des  500-Jahr-Jubiläums
  in  Großausstellungen  und  Monographien  behandelt  wurde 2 ,
hat  man  zwar  mehr  oder  weniger  umfangreiche  Publikationen  zu  zentralen ­
  Aufträgen  von  bzw.  Darstellungen  zur  Kunsttätigkeit  von  Maximilian ­
  I.  und  Margarete  von  Österreich 3 ,  Erzherzog  Ferdinand  II.  von  Tirol 4 ,
Maximilian  II.  und  Rudolf  IIP,  Karl  VI. 6  sowie  Franzi.  Stephan  und
Maria  Theresia 7  vorgelegt.  Die  dazwischen  liegenden  Epochen  sind  hingegen ­
  noch  kaum  bearbeitet.  Einen  wichtigen  Beitrag  zur  Schließung  dieser ­
  Lücken  liefern  die  drei  neuen  Dissertationen  von  Maria  Goloubeva 8 ,
Rouven  Pons 9  und  Jutta  Schumann 10  zu  Kaiser  Leopold  I. 11 .
Das  erste  Werk  unter  dem  Titel  The  Glorification  of  Emperor  Leopold  I  in
Image,  Spectacle  and  Text  bezeichnet  sich  als  „first  comprehensive  study  of
the  representation  of  Leopold  I“.  Trotzdem  werden  viele  Bereiche  bewußt
ausgeklammert,  und  Goloubeva  beschränkt  sich  auf  die  inhaltliche  Analyse ­
  einzelner  Medien.  Die  Autorin  verweist  in  diesem  Zusammenhang
auf  ein  Mißverhältnis  zwischen  der  wissenschaftlichen  Bearbeitung  der
„rather  few  architectural  undertakings“  des  Kaisers  und  seinen  400  Theateraufführungen. ­
  Sie  weist  darauf  hin,  daß  die  unterschiedlichen  Gattungen ­
  bis  dahin  nur  wenig  beachtet  wurden,  während  die  Rivalität  zwischen
Leopold  I.  und  Ludwig  XIV.  und  die  Frage  der  Heiratspolitik  im  Vordergrund ­
  standen 12 .  Architektur,  Skulptur  sowie  Malerei  werden  beiseite
gelassen,  da  der  Kaiser  wenige  „imposing  portraits  -  and  no  truly  imposing
  statues  or  palaces  glorifying  the  emperor“  hinterlassen  hätte.
„Relatively  little  is  to  be  said  concerning  the  role  of  music,  per  se“ 13 ,  und
auch  die  Kunstsammlungen  sowie  das  Zeremoniell  werden  nur  im  Kontext ­
  der  allgemeinen  Hofkultur  behandelt.  Pferde  und  Karossen,  Tapisserien, ­
  Goldschmiedearbeiten  sowie  die  Juwelen,  deren  Statuscharakter  eindeutig ­
  war  und  deren  finanzieller  Wert  jedenfalls  weit  über  allen  anderen
Ausgabeposten  lag,  werden  kaum  erwähnt.  Zu  hinterfragen  ist  außerdem
die  Behauptung  einer  „evident  absence  of  a  centralised  and  continuous
initiative  of  image-making,  or  representional  programme“'L
Rouven  Pons  geht  es  in  seiner  Untersuchung  der  Herrschaftsrepräsentation
am  Wiener  Kaiserhof  unter  Leopold  I.  ebenfalls  um  die  Frage,  wie  dieser
Herrscher  „seine  Position  durch  sein  Auftreten  und  durch  die  Kunst  darzustellen ­
  gedachte“,  und  um  die  „Aussage  der  Repräsentationsformen“ 15 .
Im  Unterschied  zu  Goloubeva  wird  den  staatspolitischen  Aussagen  nur
ein  Kapitel  des  Buches  gewidmet,  wobei  zunächst  die  altbekannte  Pietas
Austriaca  vorgestellt  und  dann  die  „Herrschaftsvorstellung“  Leopolds  I.
in  engerem  Sinn  analysiert  wird.  Unter  Berücksichtigung  von  Phänomenen ­
  wie  Mentalitäten,  Ideologie,  Statuskonsum  und  Propaganda  versteht
            
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