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Elisabeth Scheicher: Bemerkungen zu den Gedrechselten Sachen Kaiser Rudolfs II. in Prag
zu erläuternden programmatischen Aspekt sicher die in der Beschriftung angesprochene „neue Form“, d. h. die
Verbindung von Drechselarbeit und Skulptur, die verglichen z. B. mit dem Blumenkrug des Georg Wecker, mit
dem sich der Herzog von Braunschweig in Prag einstellte 40 , überraschend modern erschienen sein muß.
In seinem vertikalen Aufbau ist der Pokal fünfteilig: Über einer mehrpassigen Standfläche erhebt sich ein
Sockel, auf dem Andromeda, hingebungsvoll an den Felsen geschmiegt, gleichsam als Ständer, für den eigentlichen
Gefäßkörper fungiert. Die Cuppa, aus dem Sechseck entwickelt, ist gleichfalls mehrpässig, mit einem eingezogenen
Mittelteil, an dem Tierköpfe, Löwen und Adler, aufgesetzt sind. Der im Aufbau vielgeschossige Deckel ruht
auf einer durchbrochen gearbeiteten Galerie mit Tierdarstellungen. Den Charakter eines Denkmals verleiht dem
Gefäß jedoch eine vollplastisch gearbeitete Figurengruppe auf dem Deckel. Perseus mit Flügelschuhen sitzt, das
Gorgonenschild in der Rechten, die Linke, in die wohl ein Schwert zu ergänzen ist, hoch erhoben auf dem
geflügelten Pegasus, das besiegte Ungeheuer zu seinen Füßen. Die Quelle für „Perseus als den ersten Pegasusreiter
vor Bellerophon“ liefert Ovid 41 , die Szene aber, in der der Held im Flug die Jungfrau erblickt und dabei glaubt,
ein Kunstwerk und nicht ein lebendes Mädchen zu sehen, fußt auf Euripides, der in seiner berühmten gleichnamigen
Dichtung Andromeda die Worte „Nimm Fremder, nimm mich mit, wie du es wünschest dir, als deine
Sklavin, Gattin oder Dienerin“ 42 in den Mund legt. Tatsächlich scheint es so, als ob sich solch ein erotischer
Aspekt, wie er auch in dem sehr sensitiv gearbeiteten nackten Körper der Andromeda zum Ausdruck kommt, mit
dem apotheotischen Bezug von Pegasus als Symbol der Fama vereinigt hätte. Bekanntlich wurde Pegasus ja auch
zum Begleiter des Herkules, den er am Ende des steilen Pfades der Tugend als Unterpfand des Ruhmes und als
Lohn seiner Mühen erwartet hatte 43 . In diesem Sinne wäre das eigentlich für Christian von Sachsen erdachte
Programm als Anspielung auf Herkules und daher als Fürstenapotheose zu lesen, wie sie seit dem 16. Jahrhundert
zwar allgemein gebräuchlich war, im Falle Kaiser Rudolfs aber durch die von ihm mehrfach gesuchte Allusion auf
Kaiser Karl V. zu einem beziehungsreichen Geschenk wurde.
Ausdrucksstark formuliert wurde dieser Bezug in Adrian De Vries’ Relief „Rudolf II. als Förderer der Künste“
in Böhmen von 1609 44 , wo der Kaiser, begleitet von Fama, triumphierend als Herkules Musagetes wie einst Kaiser
Augustus das goldene Zeitalter der Künste und Wissenschaften in Böhmen begründet. Gleichfalls im Jahr 1609
entstand das letzte Bildnis des Kaisers 45 , in dem Rudolf mit der Löwenmaske auf seiner Schulter als Herkules
dargestellt ist, wobei in Physiognomie und Ausdruck die Grenzen zwischen Allusion und Identifizierung
verwischt erscheinen. Die beiden Reliefs von De Vries waren zusammen mit seiner Allegorie auf die Türkenkriege
auch räumlich in der Prager Kunstkammer vereinigt. Daß dort im Kontext der Drechselarbeiten
emblematisch ein ähnlicher Akzent gesetzt wurde, ist letztlich dem Geschenk aus zweiter Hand, Christians II.
Perseus-Pokal, zu verdanken.
40 ) Bauer/Haupt, Nr. 959.
41 ) Ovid, Amores 3. 11. 24.
42 ) Euripides, Andromeda, Fragmentum 132.
«) R. Wittkower, The Vicissitudes of a Dynastie Monument, in: De Artibus Opuscula, XL, Essays in Honor of Erwin Panofsky, New York
1961, Bd. I, S. 508. Eine Zusammenstellung der Quellen bei Wittkower s. o.
«) Windsor-Castle, Sammlung Königin Elisabeths II. von England. - Th. DaCosta Kaufmann, The School of Prague. Painting at the Court
of Rudolf II., Chicago 1982, S. 7. 8
,5 ) London, Victoria & Albert Museum. - Kat. Prag um 1600, Nr. 59.
46 ) Wien, Kunsthistorisches Museum, KK 5774 - Kat. Prag um 1600. Nr. 58.