Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 53/54 (N.F.) (LIII/LIV=89/90)

348

Elisabeth  Scheicher:  Bemerkungen  zu  den  Gedrechselten  Sachen  Kaiser  Rudolfs  II.  in  Prag

zu  erläuternden  programmatischen  Aspekt  sicher  die  in  der  Beschriftung  angesprochene  „neue  Form“,  d.  h.  die
Verbindung  von  Drechselarbeit  und  Skulptur,  die  verglichen  z.  B.  mit  dem  Blumenkrug  des  Georg  Wecker,  mit
dem  sich  der  Herzog  von  Braunschweig  in  Prag  einstellte 40 ,  überraschend  modern  erschienen  sein  muß.
In  seinem  vertikalen  Aufbau  ist  der  Pokal  fünfteilig:  Über  einer  mehrpassigen  Standfläche  erhebt  sich  ein
Sockel,  auf  dem  Andromeda,  hingebungsvoll  an  den  Felsen  geschmiegt,  gleichsam  als  Ständer,  für  den  eigentlichen
Gefäßkörper  fungiert.  Die  Cuppa,  aus  dem  Sechseck  entwickelt,  ist  gleichfalls  mehrpässig,  mit  einem  eingezogenen
  Mittelteil,  an  dem  Tierköpfe,  Löwen  und  Adler,  aufgesetzt  sind.  Der  im  Aufbau  vielgeschossige  Deckel  ruht
auf  einer  durchbrochen  gearbeiteten  Galerie  mit  Tierdarstellungen.  Den  Charakter  eines  Denkmals  verleiht  dem
Gefäß  jedoch  eine  vollplastisch  gearbeitete  Figurengruppe  auf  dem  Deckel.  Perseus  mit  Flügelschuhen  sitzt,  das
Gorgonenschild  in  der  Rechten,  die  Linke,  in  die  wohl  ein  Schwert  zu  ergänzen  ist,  hoch  erhoben  auf  dem
geflügelten  Pegasus,  das  besiegte  Ungeheuer  zu  seinen  Füßen.  Die  Quelle  für  „Perseus  als  den  ersten  Pegasusreiter
vor  Bellerophon“  liefert  Ovid 41 ,  die  Szene  aber,  in  der  der  Held  im  Flug  die  Jungfrau  erblickt  und  dabei  glaubt,
ein  Kunstwerk  und  nicht  ein  lebendes  Mädchen  zu  sehen,  fußt  auf  Euripides,  der  in  seiner  berühmten  gleichnamigen ­
  Dichtung  Andromeda  die  Worte  „Nimm  Fremder,  nimm  mich  mit,  wie  du  es  wünschest  dir,  als  deine
Sklavin,  Gattin  oder  Dienerin“ 42  in  den  Mund  legt.  Tatsächlich  scheint  es  so,  als  ob  sich  solch  ein  erotischer
Aspekt,  wie  er  auch  in  dem  sehr  sensitiv  gearbeiteten  nackten  Körper  der  Andromeda  zum  Ausdruck  kommt,  mit
dem  apotheotischen  Bezug  von  Pegasus  als  Symbol  der  Fama  vereinigt  hätte.  Bekanntlich  wurde  Pegasus  ja  auch
zum  Begleiter  des  Herkules,  den  er  am  Ende  des  steilen  Pfades  der  Tugend  als  Unterpfand  des  Ruhmes  und  als
Lohn  seiner  Mühen  erwartet  hatte 43 .  In  diesem  Sinne  wäre  das  eigentlich  für  Christian  von  Sachsen  erdachte
Programm  als  Anspielung  auf  Herkules  und  daher  als  Fürstenapotheose  zu  lesen,  wie  sie  seit  dem  16.  Jahrhundert
zwar  allgemein  gebräuchlich  war,  im  Falle  Kaiser  Rudolfs  aber  durch  die  von  ihm  mehrfach  gesuchte  Allusion  auf
Kaiser  Karl  V.  zu  einem  beziehungsreichen  Geschenk  wurde.
Ausdrucksstark  formuliert  wurde  dieser  Bezug  in  Adrian  De  Vries’  Relief  „Rudolf  II.  als  Förderer  der  Künste“
in  Böhmen  von  1609 44 ,  wo  der  Kaiser,  begleitet  von  Fama,  triumphierend  als  Herkules  Musagetes  wie  einst  Kaiser
Augustus  das  goldene  Zeitalter  der  Künste  und  Wissenschaften  in  Böhmen  begründet.  Gleichfalls  im  Jahr  1609
entstand  das  letzte  Bildnis  des  Kaisers 45 ,  in  dem  Rudolf  mit  der  Löwenmaske  auf  seiner  Schulter  als  Herkules
dargestellt  ist,  wobei  in  Physiognomie  und  Ausdruck  die  Grenzen  zwischen  Allusion  und  Identifizierung
verwischt  erscheinen.  Die  beiden  Reliefs  von  De  Vries  waren  zusammen  mit  seiner  Allegorie  auf  die  Türkenkriege ­
  auch  räumlich  in  der  Prager  Kunstkammer  vereinigt.  Daß  dort  im  Kontext  der  Drechselarbeiten
emblematisch  ein  ähnlicher  Akzent  gesetzt  wurde,  ist  letztlich  dem  Geschenk  aus  zweiter  Hand,  Christians  II.
Perseus-Pokal,  zu  verdanken.

40 )  Bauer/Haupt,  Nr.  959.
41 )  Ovid,  Amores  3.  11.  24.
42 )  Euripides,  Andromeda,  Fragmentum  132.
«)  R.  Wittkower,  The  Vicissitudes  of  a  Dynastie  Monument,  in:  De  Artibus  Opuscula,  XL,  Essays  in  Honor  of  Erwin  Panofsky,  New  York
1961,  Bd.  I,  S.  508.  Eine  Zusammenstellung  der  Quellen  bei  Wittkower  s.  o.
«)  Windsor-Castle,  Sammlung  Königin  Elisabeths  II.  von  England.  -  Th.  DaCosta  Kaufmann,  The  School  of  Prague.  Painting  at  the  Court
of  Rudolf  II.,  Chicago  1982,  S.  7.  8
,5 )  London,  Victoria  &  Albert  Museum.  -  Kat.  Prag  um  1600,  Nr.  59.
46 )  Wien,  Kunsthistorisches  Museum,  KK  5774  -  Kat.  Prag  um  1600.  Nr.  58.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.