Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 53/54 (N.F.) (LIII/LIV=89/90)

Bemerkungen  zu  den  Gedrechselten  Sachen  Kaiser  Rudolfs  II.  in  Prag

347

schwer  nachvollziehbar.  Trotzdem  sind  Gemeinsamkeiten  nicht  zu  übersehen:  Sie  liegen  vor  allem  in  der  Vorliebe
für  relativ  einfache  stereometrische  Großformen,  die  sparsame  Profilierung  und  daraus  resultierend  den  hohen
Anwert,  den  ungestaltete  Leerflächen  dabei  hatten.  Sie  wurden  im  Falle  der  beiden  Stapeldosen  Ambrogios  in
Wien  und  Stockholm 30  als  Malgrund  genutzt,  wobei  es  auch  für  unseren  Zusammenhang  nicht  uninteressant  ist,
daß  die  dafür  gewählten  Darstellungen  exotischer  Tiere  und  Pflanzen  die  Herkunft  des  Materials  Elfenbein  aus
Afrika  oder  Indien  zu  erläutern  trachten.  Bei  anderen  Objekten,  wie  den  schon  genannten  Drechselkunststücken
Kurfürst  Maximilians  von  Bayern 31  und  den  Arbeiten  des  älteren  Wecker,  die  sich  im  „Grünen  Gewölbe“  in
Dresden  erhalten  haben,  zeigt  sich  die  hohe  Wertschätzung  der  ästhetischen  Qualitäten  des  Materials  dafür  mehr
in  der  Dünnwandigkeit  der  ansonsten  wenig  gegliederten  Gefäße  als  in  deren  ornamentaler  Verzierung.  Beispiele
dieses  frühen  Stils  sind  in  Dresden  zahlreich,  genannt  seien  ein  von  Georg  Wecker  signierter  1588  datierter
Elfenbeinbecher  (Abb.  253)  sowie  eine  gleichfalls  signierte,  wohl  etwas  jüngere  Deckelschale 32 .
Im  Prager  Kunstkammerinventar  von  1607/11  sind  sieben  zum  Teil  als  Geschenk  dorthin  gelangte  Arbeiten
Georg  Weckers  und  sechs  gedrechselte  Sachen  seines  Sohnes  Hans  genannt 33 ,  doch  konnte  mit  Ausnahme  der
„Apotheke“  des  jüngeren  Wecker 34  nichts  davon  identifiziert  werden.  Dabei  ist  aber  nicht  auszuschließen,  daß
unter  den  Wiener  Beständen,  eine  in  sich  kohärente  Gruppe  rudolfinischer  Drechselarbeiten  zu  isolieren  ist,  doch
sollte  dies  Aufgabe  einer  breiter  angelegten  Untersuchung  sein 35 .
Die  enge  Verbindung  der  Sammlungen  von  Prag  und  Dresden  war  keineswegs  auf  Arbeiten  der  hier  wie  dort
tätig  gewesenen  Drechsler  Georg  und  Hans  Wecker  beschränkt  geblieben.  So  nennt  das  Inventar  von  1607/11
achtzehn  Elfenbeinarbeiten,  die  als  Geschenk  der  Kurfürsten  von  Sachsen  in  die  Prager  Kunstkammer  gelangten,
von  denen  allein  fünfzehn  als  von  Churfürst  Christian  A.  1601  verehrt  bezeichnet  sind 36 .  Die  vom  künstlerischen
Standpunktaus  aufwendigste  Arbeit  ist  unter  Nr.  1027  des  Inventars  als  In  einem  schwartzen  hohenfutral  ein  von
helffenbain  gedrehter  becher,  uff  dem  deckel  ist  der  Perseüs  uff  dem  Pegaso  wie  er  den  tracken  erlegt,  hat  der  churf:
von  Sachsen  Ihr  Mt:  verehrt  Ao.  1610  uff  der  chur:  und  fürsten  alhier  zu  Prag  zusamenkünfft.  beschrieben  und
bis  jetzt  als  einziges  der  Geschenke  des  sächsischen  Kurfürsten  an  Rudolf  in  der  Kungl.  Husgeradskammaren  in
Stockholm  zu  identifizieren 37  (Abb.  254).-  Der  Pokal  ist  im  Inventar  der  Christine  von  Schweden  von  1652
aufgelistet  und  gelangte  wohl  als  Beute  der  plündernden  Truppen  des  Generals  Königsmarck  1648  in  den  Besitz
der  Königin.  Signiert  „JAKOB  ZELLER  1610“,  trägt  der  42,5  cm  hohe  Pokal  am  Deckel  folgende  Inschrift:
SCULPTURAM  ATQ.  TOREVMA  NOVUM  CHRISTINE  DUCUM  FAXACCIPE  DEVOTUMQ.  AR  77-FICIS
  STUDIUM  =  „Oh  Christian,  du  Lichtblick  unter  den  Fürsten,  nimm  die  neuartige  reliefierte  und
getriebene  Skulptur  entgegen,  und  dazu  die  ergebene  Zuneigung  des  Künstlers“.
Der  Elfenbeinpokal  gelangte  demnach  quasi  zur  Empfehlung  als  Geschenk  des  aus  Regensburg  stammenden
Jakob  Zeller 38  an  Christian  II.  von  Sachsen,  der  ihn  seinerseits  anläßlich  des  Fürstentreffens,  das  1610  in  Prag
stattfand,  an  Rudolf  weiterreichte.  Zeller  wurde  dann  auch  wirklich  als  Hofdrechsler  in  sächsische  Dienste  gestellt
und  fertigte  1618  einen  dem  Geschenk  sehr  ähnlichen  Pokal,  diesmal  mit  dem  hl.  Georg  auf  dem  Deckel,  für  die
kurfürstliche  Kunstkammer 39 .  Verantwortlich  für  die  Wahl  des  Geschenkes  war  für  Christian  neben  dem  noch

30 )  Diemer,  S.  310-317.
31 )  Maurice,  Kat.  Nr.  51-57.
32 )  J.  Menzhausen,  Dresdener  Kunstkammer  und  Grünes  Gewölbe,  Leipzig  1977,  S.  101-120,  Nr.  49  und  53.-Ein  Stilwandel  trat  offenkundig
erst  um  die  Jahrhundertmitte  ein,  als  sich  die  artistische  Kunstfertigkeit  der  Drechsler  u.  a.  in  der  Dichte  der  aufeinanderfolgenden  Profile
äußern  sollte.  Beispiele  für  eine  solche  geänderte  Auffassung  sind  die  beiden  Stapeldosen  Wien,  KK  4742  und  4746,  deren  angenommenes
Entstehungsdatum  1600  durch  einen  fast  gleichartigen  1657  datierten  und  Achilles  Ag  ab  Hermansreyt  signierten  „Elfenbeinturm“  aus  der
Sammlung  Thurn  und  Taxis  entsprechend  korrigiert  werden  muß.  -Diemer,  S.  321.  -  Maurice,  Nr.  53.  -  Kat.  der  Versteigerung  „Die  fürstliche
Sammlung  Thurn  und  Taxis“,  Bd.  II,  Regensburg  12.  bis  15.  Oktober  1993,  Nr.  1037.
33 )  Bauer/Haupt,  Nr.  880,  895,  915,  959,  960,  961,  962  und  899,  965,  966,  985,  988,  1029.
34 )  Kunsthistorisches  Museum  Wien,  KK  4697-4741.  -  Kat.  Prag  um  1600,  Nr.  411.
35 )  Als  Vorschlag  herausgegriffen  seien  hier  u.  a.  die  Deckelpokale  KK  3624,  4764,  4767  und  4691  sowie  die  Deckeldose  4800.  -  Für  seine
großzügige  Hilfe  bin  ich  Herrn  Direktor  Dr.  Leithe-Jasper  sehr  zu  Dank  verpflichtet.
36 )  Bauer/Haupt,  Nr.  872,  876,  879,  889,  902,  903,907,  909,  918,  922,  926,  927,  928,  932,  938,978,  982,1027.  -  Dabei  handelt  es  sich  wohl  um
jene  Gegenstände,  für  die  sich  Rudolf  im  Juni  1601  bei  Kurfürst  Christian  bedankte.  Jahrbuch  des  Allerhöchsten  Kaiserhauses  VII,  1888,  Reg.
4669.
37 )  Kat.  der  Ausstellung  Christina  Drottning  av  Sverige,  Stockholm  1966,  Nr.  1236,  wo  der  in  der  Inschrift  genannte  Christian  aber  mit
Christian  von  Anhalt-Bernburg  identifiziert  wird  und  das  Programm  vom  Standpunkt  der  Glaubenskriege  gedeutet  ist.  -  Kat.  der  Ausstellung
En  Värld  in  Miniatyr,  Skrifter  fran  Husgeradskammaren,  Stockholm  1981,  Nr.  141.
3S )  Sponsel,  a.  a.  O.,  Tf.  4-7.  -  E.  v.  Philippovich,  Elfenbein,  Braunschweig  1982,  S.  423.
39 )  Inv.  Nr.  11/154,  Menzhausen,  a.  a.  O.,  Nr.  59.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.