Bemerkungen zu den Gedrechselten Sachen Kaiser Rudolfs II. in Prag
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schwer nachvollziehbar. Trotzdem sind Gemeinsamkeiten nicht zu übersehen: Sie liegen vor allem in der Vorliebe
für relativ einfache stereometrische Großformen, die sparsame Profilierung und daraus resultierend den hohen
Anwert, den ungestaltete Leerflächen dabei hatten. Sie wurden im Falle der beiden Stapeldosen Ambrogios in
Wien und Stockholm 30 als Malgrund genutzt, wobei es auch für unseren Zusammenhang nicht uninteressant ist,
daß die dafür gewählten Darstellungen exotischer Tiere und Pflanzen die Herkunft des Materials Elfenbein aus
Afrika oder Indien zu erläutern trachten. Bei anderen Objekten, wie den schon genannten Drechselkunststücken
Kurfürst Maximilians von Bayern 31 und den Arbeiten des älteren Wecker, die sich im „Grünen Gewölbe“ in
Dresden erhalten haben, zeigt sich die hohe Wertschätzung der ästhetischen Qualitäten des Materials dafür mehr
in der Dünnwandigkeit der ansonsten wenig gegliederten Gefäße als in deren ornamentaler Verzierung. Beispiele
dieses frühen Stils sind in Dresden zahlreich, genannt seien ein von Georg Wecker signierter 1588 datierter
Elfenbeinbecher (Abb. 253) sowie eine gleichfalls signierte, wohl etwas jüngere Deckelschale 32 .
Im Prager Kunstkammerinventar von 1607/11 sind sieben zum Teil als Geschenk dorthin gelangte Arbeiten
Georg Weckers und sechs gedrechselte Sachen seines Sohnes Hans genannt 33 , doch konnte mit Ausnahme der
„Apotheke“ des jüngeren Wecker 34 nichts davon identifiziert werden. Dabei ist aber nicht auszuschließen, daß
unter den Wiener Beständen, eine in sich kohärente Gruppe rudolfinischer Drechselarbeiten zu isolieren ist, doch
sollte dies Aufgabe einer breiter angelegten Untersuchung sein 35 .
Die enge Verbindung der Sammlungen von Prag und Dresden war keineswegs auf Arbeiten der hier wie dort
tätig gewesenen Drechsler Georg und Hans Wecker beschränkt geblieben. So nennt das Inventar von 1607/11
achtzehn Elfenbeinarbeiten, die als Geschenk der Kurfürsten von Sachsen in die Prager Kunstkammer gelangten,
von denen allein fünfzehn als von Churfürst Christian A. 1601 verehrt bezeichnet sind 36 . Die vom künstlerischen
Standpunktaus aufwendigste Arbeit ist unter Nr. 1027 des Inventars als In einem schwartzen hohenfutral ein von
helffenbain gedrehter becher, uff dem deckel ist der Perseüs uff dem Pegaso wie er den tracken erlegt, hat der churf:
von Sachsen Ihr Mt: verehrt Ao. 1610 uff der chur: und fürsten alhier zu Prag zusamenkünfft. beschrieben und
bis jetzt als einziges der Geschenke des sächsischen Kurfürsten an Rudolf in der Kungl. Husgeradskammaren in
Stockholm zu identifizieren 37 (Abb. 254).- Der Pokal ist im Inventar der Christine von Schweden von 1652
aufgelistet und gelangte wohl als Beute der plündernden Truppen des Generals Königsmarck 1648 in den Besitz
der Königin. Signiert „JAKOB ZELLER 1610“, trägt der 42,5 cm hohe Pokal am Deckel folgende Inschrift:
SCULPTURAM ATQ. TOREVMA NOVUM CHRISTINE DUCUM FAXACCIPE DEVOTUMQ. AR 77-FICIS
STUDIUM = „Oh Christian, du Lichtblick unter den Fürsten, nimm die neuartige reliefierte und
getriebene Skulptur entgegen, und dazu die ergebene Zuneigung des Künstlers“.
Der Elfenbeinpokal gelangte demnach quasi zur Empfehlung als Geschenk des aus Regensburg stammenden
Jakob Zeller 38 an Christian II. von Sachsen, der ihn seinerseits anläßlich des Fürstentreffens, das 1610 in Prag
stattfand, an Rudolf weiterreichte. Zeller wurde dann auch wirklich als Hofdrechsler in sächsische Dienste gestellt
und fertigte 1618 einen dem Geschenk sehr ähnlichen Pokal, diesmal mit dem hl. Georg auf dem Deckel, für die
kurfürstliche Kunstkammer 39 . Verantwortlich für die Wahl des Geschenkes war für Christian neben dem noch
30 ) Diemer, S. 310-317.
31 ) Maurice, Kat. Nr. 51-57.
32 ) J. Menzhausen, Dresdener Kunstkammer und Grünes Gewölbe, Leipzig 1977, S. 101-120, Nr. 49 und 53.-Ein Stilwandel trat offenkundig
erst um die Jahrhundertmitte ein, als sich die artistische Kunstfertigkeit der Drechsler u. a. in der Dichte der aufeinanderfolgenden Profile
äußern sollte. Beispiele für eine solche geänderte Auffassung sind die beiden Stapeldosen Wien, KK 4742 und 4746, deren angenommenes
Entstehungsdatum 1600 durch einen fast gleichartigen 1657 datierten und Achilles Ag ab Hermansreyt signierten „Elfenbeinturm“ aus der
Sammlung Thurn und Taxis entsprechend korrigiert werden muß. -Diemer, S. 321. - Maurice, Nr. 53. - Kat. der Versteigerung „Die fürstliche
Sammlung Thurn und Taxis“, Bd. II, Regensburg 12. bis 15. Oktober 1993, Nr. 1037.
33 ) Bauer/Haupt, Nr. 880, 895, 915, 959, 960, 961, 962 und 899, 965, 966, 985, 988, 1029.
34 ) Kunsthistorisches Museum Wien, KK 4697-4741. - Kat. Prag um 1600, Nr. 411.
35 ) Als Vorschlag herausgegriffen seien hier u. a. die Deckelpokale KK 3624, 4764, 4767 und 4691 sowie die Deckeldose 4800. - Für seine
großzügige Hilfe bin ich Herrn Direktor Dr. Leithe-Jasper sehr zu Dank verpflichtet.
36 ) Bauer/Haupt, Nr. 872, 876, 879, 889, 902, 903,907, 909, 918, 922, 926, 927, 928, 932, 938,978, 982,1027. - Dabei handelt es sich wohl um
jene Gegenstände, für die sich Rudolf im Juni 1601 bei Kurfürst Christian bedankte. Jahrbuch des Allerhöchsten Kaiserhauses VII, 1888, Reg.
4669.
37 ) Kat. der Ausstellung Christina Drottning av Sverige, Stockholm 1966, Nr. 1236, wo der in der Inschrift genannte Christian aber mit
Christian von Anhalt-Bernburg identifiziert wird und das Programm vom Standpunkt der Glaubenskriege gedeutet ist. - Kat. der Ausstellung
En Värld in Miniatyr, Skrifter fran Husgeradskammaren, Stockholm 1981, Nr. 141.
3S ) Sponsel, a. a. O., Tf. 4-7. - E. v. Philippovich, Elfenbein, Braunschweig 1982, S. 423.
39 ) Inv. Nr. 11/154, Menzhausen, a. a. O., Nr. 59.