Full text: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 40 (N.F.) (XL=76)

II. TEIL 
Ortwin Gamber 
DER HARNISCH 
DIE KONSTRUKTION UND DEKORATION 
DER HARNISCHE IM STUTTGARTER CODEX 
Beim Durchblättern der Bilder des Codex milit. 24 kann man sich leicht davon überzeugen, daß immer wieder 
einige, offenbar weitgehend genormte Harnischtypen wiederkehren 17 , denen in den Beschriftungen 
gleichbleibende Bezeichnungen entsprechen. Diese fußen alle auf den drei Grundworten: rüstung, barnasch, 
küriß. Die zwei ersten Ausdrücke gebrauchen wir noch heute zur Benennung des frühneuzeitlichen 
Körperschutzes aus Stahlplatten. Das Wort „rüstung“ ist deutsch und hängt mit „Ausrüstung“ zusammen, 
„harnasch“ - oder „Harnisch“, wie wir heute sagen - geht auf einen mittelhochdeutschen Übersetzungsfehler aus 
dem Französischen zurück, wo „harnais“ ganz allgemein die Pferdeausrüstung und nicht die Panzerung des 
Mannes meint. Das Wort „küriß“ stammt vom italienischen „corazza“ für Brustpanzer ab und wurde auf den 
ganzen Reiterharnisch übertragen, im 17. Jahrhundert allerdings mit dem Ausdruck „Küraß“ wieder auf seine 
Urbedeutung reduziert. Abschließend sei der Vollständigkeit halber angemerkt, daß das alte Wort „Panzer“ 
immer den flexiblen Ringelpanzer meint. 
Im deutschen Sprachgebrauch war „harnasch“ das allgemeine Sammelwort für den Plattenschutz und wurde 
vom Zeichner des Stuttgarter Codex zur Benennung der einfachsten Harnischtypen verwendet. 
Der „knechtische harnasch“ für den Landsknecht war die leichteste Art. Er bestand aus Sturmhaube, Kragen, 
Brust samt Beintaschen, Rücken und zwei Achseln. Wie die Ziffer 6 unter den Darstellungen des „knechtischen 
harnasch“ verrät, hat der Meister die gewöhnlich abschnallbaren, beweglich „geschobenen“ Schöße bzw. 
„Beintaschen“ nicht eigens gerechnet, sondern zur Brust dazugeschlagen. Es ist eine Augsburger Eigenart, daß 
die Achseln vom Kragen getrennte Einzelstücke sind, während man sie zur gleichen Zeit in Nürnberg und 
Innsbruck mit dem Kragen zum sogenannten „Achselkragen“ vereinigte. 
Die „fußknechtische rüstung“ unterscheidet sich vom vorangehenden Typus lediglich durch eine spitze 
Pickelhaube anstelle der Sturmhaube. 
Ein anderer ebenso leichter Harnisch ist ein einziges mal auf fol. 9 v dargestellt und durch den Kommandostab 
in der Hand der Figurine als Reiterrüstung ausgewiesen, aber nicht beschriftet. Aus den Akten des Grazer 
Zeughauses wissen wir, daß es sich dabei um den „Trabharnisch“ für eine damals aufkommende leichte 
Kavallerietruppe handelt 18 , die mit Pistolen und Gewehr ausgerüstet war. Dieser Harnisch besteht aus kleiner 
Sturmhaube, Achselkragen - offenbar nach fremdem Vorbild -, Brust samt kurzen Beintaschen, Rücken und zwei 
„hentzen“ (Fausthandschuhen), die zu Ärmeln aus Ringelgeflecht getragen wurden. Es sind also sechs 
Harnischteile. Der Meister hat auch die Ziffer 6 dazugeschrieben. (Darneben steht hier nochmals eine 6 und auf 
fol. 10 eine 12, weil die dort abgebildete „fußknechtische rüstung“ ebenfalls aus sechs Teilen zusammengesetzt 
war und zur selben Lieferung gehörte, daher dazugezählt wurde.) 
Der „harnasch“ diente Unteroffizieren und Offizieren der Fußtruppe als Ausrüstung, war daher schon 
aufwendiger ausgestattet. Er setzte sich aus Sturmhaube, Kragen, Brust samt Schößen, Rücken, zwei Achseln, 
zwei Armzeugen und zwei Hentzen zusammen, wird folglich im Codex mit der Lieferzahl ,,10 bezeichnet. Hier 
gab es schon - nach Geschmack des Bestellers - einige Varianten. An die Stelle der Sturmhaube konnte eine 
Visiersturmhaube — vom Zeichner einfach „haube genannt — mit nach unten klappbarem Gesichtsschutz treten, 
an die Stelle der einfachen Achseln solche mit anhängenden Rundscheiben („schwebescheiben“) oder große 
Harnischschultern, an die Stelle der Hentzen Fingerhandschuhe und zuletzt an die Stelle der Schöße lange 
Knieschöße mit Kniebuckeln. Zwei dem Harnasch auf fol. 8 bildlich beigefügte Sattelbleche beweisen, daß dieser 
Harnischtypus auch zu Pferde zu verwenden war. Die Zahl 12 unter dem Bild sagt außerdem aus, daß der Meister 
die beiden Sattelbleche für die Stege des Kriegssattels als zwei Stück gerechnet hat. 
17 ) Vgl. O. GAMBER, Die Harnischgarnitur, in: Livrustkammaren, Bd. 7, Stockholm 1955-1957, S. 45-114. 
18 ) P. Krenn, Der Grazer Harnisch in der Türkenabwehr, Ausst.-Kat. Graz 1971, S. 53.
	        
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