Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 40 (N.F.) (XL=76)

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Ch.  Becher  -  O.  Gamber  -  W.  Irtenkauf

Pernsteiner  war  Rat  und  Kämmerer  Maximilians  II.,  welcher  erst  1562  Römischer  König,  1564  Kaiser  wurde.  Die
Eintragung  müßte  demnach  zwischen  diesen  beiden  Daten  erfolgt  sein.
Anstelle  der  bildlichen  Angaben  über  Zubehörstücke  auf  den  ersten  acht  Blättern,  erscheinen  von  fol.  9  bis  31
schriftliche  Notizen  darüber.  Sie  stehen  gewöhnlich  auf  der  linken  Seite  und  in  Hüfthöhe  der  Figurinen,  so  z.  B.
auf  fol.  9:  Mer  ain  hauben  gupffen  /  bertli  halbe  Stirn  sattell.
Auf  den  ersten  sechs  Blättern  kommen  Buchstaben  und  Zeichen  vor,  die  durchgestrichen  oder  überhaupt  dick
übermalt  worden  sind.  Die  einzige  intakte  Zeile  auf  fol.  5  v  bringt  die  Lösung,  da  über  den  Strichmarken  das  Wort
„Rechnung“  steht.  Es  handelt  sich  also  -  wie  schon  W.  Boeheim  vermutet  hat  -  um  Zählzeichen  für  Stückzahlen
bzw.  geleistete  Arbeit.
Genau  beiderseits  des  Buges  von  fol.  1  v  zu  fol.  2  ist  eine  große  schraffierte  Zahl  „50  eingetragen,  die  sich  in
dünnen  kleinen  Ziffern  unterhalb  des  Handschuhs  von  fol.  1  v  wiederholt,  ebenso  wiederholt  sich  die  große  Ziffer
„40“  von  fol.  4  v  kleiner  im  Bodenstreifen.  Fol.  5  trägt  im  Bodenstreifen  die  Zahl  „24“  und  darüber,  neben  dem
Rundschild,  die  -  wohl  korrigierende  -  Ziffer  „30“.  Von  da  an  stehen  häufig  im  Bodenstreifen  zwischen  den
Füßen  der  Figurinen  schön  geschriebene  Ziffern.  Ihre  Bedeutung  läßt  sich  erklären.  Der  „knechtische  Harnasch
auf  fol.  7  v  besteht  aus  sechs  Stücken:  Sturmhaube,  Kragen,  zwei  Achseln,  Brust  samt  Beintaschen,  Rücken.
Darunter  steht  die  Ziffer  „6“.  Der  „Harnasch“  daneben  auf  fol.  8  zählt  12  Stücke:  Sturmhaube,  Kragen,  Brust,
Rücken,  zwei  Achseln,  zwei  Armzeuge,  zwei  Handschuhe,  zwei  Sattelbleche.  Darunter  steht  die  Ziffer  „12  .  Es
handelt  sich  also  um  die  Stückzahl  der  Harnischteile.  Bei  größeren  zusammengehörigen  Lieferungen,  die  durch
mehrere  Figurinen  dargestellt  sind,  findet  sich  die  Ziffer  der  Stückzahl  zusammenfassend  oft  nur  an  einer  oder
zwei  Stellen.  So  ist  die  riesige  Bestellung  des  Ludwig  Ungnad  auf  fol.  22  v  -  24  erst  auf  fol.  24  mit  der  gesamten
Stückziffer  „80“  ausgewiesen.  Die  Deutung  der  Ziffern  im  Stuttgarter  Codex  als  Liefervermerke  ist  von
eminenter  Bedeutung  für  das  Verständnis  der  Leistungen  und  Arbeitsnormen  der  Augsburger  Plattner  und  Ätzer.

DIE  KULTUR-  UND  K  U  N  S  T  G  E  S  C  H  I  C  H  T  L  I  C  H  E
BEDEUTUNG  DES  STUTTGARTER  CODEX
Vom  „Harnisch“,  der  stählernen  Schutzhülle  des  Mannes,  ist  stets  eine  gewisse  Faszination  ausgegangen.  In
der  zweiten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  entwickelt  und  von  Mailänder  Harnischschmieden  zu  Beginn  des
15.  Jahrhunderts  technisch  vollendet 10 ,  schien  er  zunächst  den  alten  Menschheitstraum  von  der  Unverwundbarkeit ­
  zu  erfüllen.  Er  hat  die  in  ihn  gesetzten  Erwartungen  auch  bis  um  die  Mitte  dieses  Jahrhunderts  weitgehend
erfüllt.  Die  Änderung  der  Kampfmittel  und  der  Kriegstaktik  ließen  jedoch  von  da  an  seinen  Wert  immer  mehr
sinken.  Um  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  war  seine  tatsächliche  Nützlichkeit  schon  recht  problematisch
geworden.  Aber  gerade  in  diesen  hundert  Jahren  des  allmählichen  Schwindens  seiner  Bedeutung  als  verläßlicher
Schutz,  hat  er  sich  -  wie  dies  oft  mit  einstmals  nützlichen  Dingen  geschieht  -  zu  einem  künstlerischen  Gegenstand
entwickelt,  in  den  der  Adel  Europas  verliebt  war,  wie  wohl  in  kaum  ein  anderes  Zubehör  seiner  von  der  Masse
abgehobenen  Lebenshaltung.  Der  Harnisch  war  zum  stets  gesellschaftsfähigen  Standeskleid  des  Aristokraten  bei
politischen  und  militärischen  Ereignissen  geworden  -  so  wie  die  Uniform  im  18.  und  19.  Jahrhundert.  Seine
prunkvolle  Ausführung  zeigte  von  vornherein  den  Rang  und  die  Stellung  des  Trägers  in  der  gesellschaftlichen
Hierarchie  an.  Ein  Harnisch  von  ungewöhnlicher  Pracht  verlieh  Exklusivität.  Der  Preis  eines  solchen
Prunkstückes  war  auch  entsprechend,  er  läßt  sich  -  um  einen  Vergleich  mit  der  Gegenwart  zu  wagen  -  mit  dem
Preis  eines  heutigen  Luxusautos,  in  einigen  Fällen  sogar  mit  dem  eines  Privatflugzeuges  vergleichen.  Eine  weitere
wichtige  Funktion  hatte  der  Harnisch  als  Ausrüstung  zu  den  zahlreichen  ritterlichen  Turnierarten,  für  welche  sich
an  den  Höfen  Spezialausführungen  herausgebildet  hatten,  deren  Teile  und  ihre  Zusammensetzung  immer  mehr
einer  aus  Übereinkunft  geschaffenen  Norm  entsprachen.  Um  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  war  der  ritterliche
Harnisch  kaum  mehr  ein  Kriegsgerät,  sondern  vielmehr  eine  luxuriöse  Standestracht  und  Sportausrüstung,  die
sich  von  der  schlichten  Massenware  für  den  einfachen  Kriegsknecht  und  Reitersmann  klar  unterschied.
Die  Entwicklung  des  Harnisches  vom  ernsten  kriegerischen  Gebrauchsstück  des  Adels  zur  exklusiven
Standestracht  und  vielteiligen  luxuriösen  Sportausrüstung  hat  die  neuere  Forschung  geklärt.  Die  Harnisch-,0

 )  L.  Boccia  -  E.  Coelho,  L’Arte  dell’Armatura  in  Italia,  Mailand  1976.
            
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