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Ch. Becher - O. Gamber - W. Irtenkauf
Pernsteiner war Rat und Kämmerer Maximilians II., welcher erst 1562 Römischer König, 1564 Kaiser wurde. Die
Eintragung müßte demnach zwischen diesen beiden Daten erfolgt sein.
Anstelle der bildlichen Angaben über Zubehörstücke auf den ersten acht Blättern, erscheinen von fol. 9 bis 31
schriftliche Notizen darüber. Sie stehen gewöhnlich auf der linken Seite und in Hüfthöhe der Figurinen, so z. B.
auf fol. 9: Mer ain hauben gupffen / bertli halbe Stirn sattell.
Auf den ersten sechs Blättern kommen Buchstaben und Zeichen vor, die durchgestrichen oder überhaupt dick
übermalt worden sind. Die einzige intakte Zeile auf fol. 5 v bringt die Lösung, da über den Strichmarken das Wort
„Rechnung“ steht. Es handelt sich also - wie schon W. Boeheim vermutet hat - um Zählzeichen für Stückzahlen
bzw. geleistete Arbeit.
Genau beiderseits des Buges von fol. 1 v zu fol. 2 ist eine große schraffierte Zahl „50 eingetragen, die sich in
dünnen kleinen Ziffern unterhalb des Handschuhs von fol. 1 v wiederholt, ebenso wiederholt sich die große Ziffer
„40“ von fol. 4 v kleiner im Bodenstreifen. Fol. 5 trägt im Bodenstreifen die Zahl „24“ und darüber, neben dem
Rundschild, die - wohl korrigierende - Ziffer „30“. Von da an stehen häufig im Bodenstreifen zwischen den
Füßen der Figurinen schön geschriebene Ziffern. Ihre Bedeutung läßt sich erklären. Der „knechtische Harnasch
auf fol. 7 v besteht aus sechs Stücken: Sturmhaube, Kragen, zwei Achseln, Brust samt Beintaschen, Rücken.
Darunter steht die Ziffer „6“. Der „Harnasch“ daneben auf fol. 8 zählt 12 Stücke: Sturmhaube, Kragen, Brust,
Rücken, zwei Achseln, zwei Armzeuge, zwei Handschuhe, zwei Sattelbleche. Darunter steht die Ziffer „12 . Es
handelt sich also um die Stückzahl der Harnischteile. Bei größeren zusammengehörigen Lieferungen, die durch
mehrere Figurinen dargestellt sind, findet sich die Ziffer der Stückzahl zusammenfassend oft nur an einer oder
zwei Stellen. So ist die riesige Bestellung des Ludwig Ungnad auf fol. 22 v - 24 erst auf fol. 24 mit der gesamten
Stückziffer „80“ ausgewiesen. Die Deutung der Ziffern im Stuttgarter Codex als Liefervermerke ist von
eminenter Bedeutung für das Verständnis der Leistungen und Arbeitsnormen der Augsburger Plattner und Ätzer.
DIE KULTUR- UND K U N S T G E S C H I C H T L I C H E
BEDEUTUNG DES STUTTGARTER CODEX
Vom „Harnisch“, der stählernen Schutzhülle des Mannes, ist stets eine gewisse Faszination ausgegangen. In
der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entwickelt und von Mailänder Harnischschmieden zu Beginn des
15. Jahrhunderts technisch vollendet 10 , schien er zunächst den alten Menschheitstraum von der Unverwundbarkeit
zu erfüllen. Er hat die in ihn gesetzten Erwartungen auch bis um die Mitte dieses Jahrhunderts weitgehend
erfüllt. Die Änderung der Kampfmittel und der Kriegstaktik ließen jedoch von da an seinen Wert immer mehr
sinken. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war seine tatsächliche Nützlichkeit schon recht problematisch
geworden. Aber gerade in diesen hundert Jahren des allmählichen Schwindens seiner Bedeutung als verläßlicher
Schutz, hat er sich - wie dies oft mit einstmals nützlichen Dingen geschieht - zu einem künstlerischen Gegenstand
entwickelt, in den der Adel Europas verliebt war, wie wohl in kaum ein anderes Zubehör seiner von der Masse
abgehobenen Lebenshaltung. Der Harnisch war zum stets gesellschaftsfähigen Standeskleid des Aristokraten bei
politischen und militärischen Ereignissen geworden - so wie die Uniform im 18. und 19. Jahrhundert. Seine
prunkvolle Ausführung zeigte von vornherein den Rang und die Stellung des Trägers in der gesellschaftlichen
Hierarchie an. Ein Harnisch von ungewöhnlicher Pracht verlieh Exklusivität. Der Preis eines solchen
Prunkstückes war auch entsprechend, er läßt sich - um einen Vergleich mit der Gegenwart zu wagen - mit dem
Preis eines heutigen Luxusautos, in einigen Fällen sogar mit dem eines Privatflugzeuges vergleichen. Eine weitere
wichtige Funktion hatte der Harnisch als Ausrüstung zu den zahlreichen ritterlichen Turnierarten, für welche sich
an den Höfen Spezialausführungen herausgebildet hatten, deren Teile und ihre Zusammensetzung immer mehr
einer aus Übereinkunft geschaffenen Norm entsprachen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war der ritterliche
Harnisch kaum mehr ein Kriegsgerät, sondern vielmehr eine luxuriöse Standestracht und Sportausrüstung, die
sich von der schlichten Massenware für den einfachen Kriegsknecht und Reitersmann klar unterschied.
Die Entwicklung des Harnisches vom ernsten kriegerischen Gebrauchsstück des Adels zur exklusiven
Standestracht und vielteiligen luxuriösen Sportausrüstung hat die neuere Forschung geklärt. Die Harnisch-,0
) L. Boccia - E. Coelho, L’Arte dell’Armatura in Italia, Mailand 1976.