Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 40 (N.F.) (XL=76)

VERÄNDERUNGEN  IM  INVENTARBESTAND
DER  TAPISSERIENSAMMLUNG
DES  KUNSTHISTORISCHEN  MUSEUMS  IN  WIEN
Von  Rotraud  Bauer

Das  in  den  beiden  ersten  Bänden  des  Jahrbuches  der  Kunsthistorischen  Sammlungen  des  Allerhöchsten
Kaiserhauses  abgedruckte  Inventar  der  Tapisseriensammlung  des  ehemaligen  Kaiserhauses 1  hat  im  Laufe  von
nahezu  hundert  Jahren  einige  Veränderungen  erfahren.  Diese  Veränderungen  im  Inventar  der  Wiener
Tapisseriensammlung  betreffen  auf  der  einen  Seite  die  Abgänge,  die  ihre  Ursache  in  den  beiden  Weltkriegen  und
in  Verkäufen  haben,  und  zum  anderen  den  zahlenmäßig  nicht  sehr  großen  Zuwachs.
Ziel  dieser  Publikation  ist  es,  zum  einen  diese  Abgänge,  der  Numerierung  des  Inventares  folgend,
katalogmäßig  aufzuzählen  und  somit  bekannt  zu  machen,  da  auch  in  rezenter  Literatur  häufig  das
Kunsthistorische  Museum  in  Wien  als  Besitzer  von  Tapisserien  angeführt  wird,  die  es  nicht  mehr  in  Verwahrung
hat;  zum  anderen  ist  beabsichtigt,  durch  Abbildung  und  Angabe  verschiedener  Merkmale  wie  Marken  oder
Maße 2  der  seit  Ende  des  Zweiten  Weltkrieges  als  „verschollen“  geltenden  Tapisserien,  Museumskollegen  und
Kenner  privater  Sammlungen  zur  Mitarbeit  anzuregen,  diese  Kunstwerke  aus  dem  Besitz  des  Kunsthistorischen
Museums  aufzuspüren  und  identifizieren  zu  helfen.
Bevor  auf  die  Abgänge  im  Inventarbestand  der  Wiener  Tapisseriensammlung  im  einzelnen  eingegangen  wird,
sollte  man  sich  fragen,  wie  es  zu  diesen  Verlusten  überhaupt  kommen  konnte.  Die  Antwort  liegt  in  der  Tatsache,
daß  man  in  den  Tapisserien  schon  von  jeher  hauptsächlich  ein  Gebrauchsgut  zu  Ausstattungszwecken  gesehen
hat,  welches  man  nach  Bedarf  aus  dem  „Magazin“  holte  und  zu  den  verschiedensten  Anlässen  in  Schlösser  und
Kirchen  oder  auch  in  weiter  entfernte  Residenzen  der  Monarchie  verbrachte.  Die  folgenden  Beispiele,  die  diese
Gepflogenheiten  illustrieren  sollen,  sind  wahllos  herausgegriffen  und  stehen  für  viele  andere.  Der  kaiserliche
Hoftapezierer  Lorenz  Khann  erhielt  am  4.  November  1652  einen  Paßbrieff,  um  7  schwehre  mit  khay.  tapezereyen
beladene  wagen  von  hinnen  [Wien]  nachher  Regenspurg  zur  khay.  hoffstattsnotturfften  ...  zu  bringen,  und  der
Tapezierergehilfe  Andreas  Streller  folgte  ihm  mit  6  wagen  mit  tapezereyen,  so  erst  nach  ihrer  khay.  may.  abraiß
von  hinnen  weggethann  und  folgennts  nacher  Regenspurg  abgeführt  werden  sollen 3 .  Nach  Beendigung  der
Festlichkeit,  im  genannten  Fall  des  Reichstages  zu  Regensburg,  transportierte  man  die  Tapisserien  wieder  nach
Wien  zurück  und  verwahrte  sie  bis  zu  neuerlichem  Gebrauch 4 .  Auch  bei  kaiserlichen  Hochzeiten  wurden
Tapisserien  verwendet  und  diese,  wie  anläßlich  der  zweiten  Vermählung  Kaiser  Ferdinands  III.  in  Linz,  sogar  auf
dem  ainen  bedekten  schiff  dorthin  und  wieder  zurückgebracht 5 .  Die  Tapisserien  waren  ein  Ausstattungsgut,  für
welches  der  Besteller  respektable  Summen  auszugeben  bereit  war.  Auch  dies  sei  an  einem  Beispiel  unter  vielen
demonstriert.  Kaiser  Ferdinand  III.  bestellte  über  seinen  Bruder  Erzherzog  Leopold  Wilhelm  eine  Anzahl
niederländischer  Tapisserien  zur  Ausstattung  des  Prager  Schlosses,  wobei  er  bereit  war,  bis  zu  10.000  Gulden
auszugeben 6 .  Hinter  diesem  Begehren  steht  zugleich  höchster  Anspruch.  Der  Fürst  wünschte  sich  mit
Kunstwerken  allererster  Qualität  zu  umgeben,  die  seine  Stellung  betonten  und  seiner  Repräsentation  dienten.  Die
Tapisserien  hatten  für  ihn  die  selbe  Funktion  wie  Bilder  und  Kunstkammerstücke.

3 )  Ernst  Ritter  von  Birk,  Inventar  der  im  Besitz  des  Allerhöchsten  Kaiserhauses  befindlichen  Niederländer  Tapeten  und  Gobelins,  in:
Jahrbuch  der  Kunsthistorischen  Sammlungen  des  Allerhöchsten  Kaiserhauses,  Band  I,  Wien  1883,  S.  213-248,  und  Band  II,  Wien  1884,
S.  167-216.
2 )  Diese  letzteren  sind  jedoch  nur  als  Richtlinien  zu  verstehen.  Heute  vorgenommene  Kontrollmessungen  zeigen,  daß  die  aus  der  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  stammenden  Maßangaben  nur  in  Ausnahmefällen  richtig  sind.  Differenzen  bis  zu  20  Zentimetern  sind  keine
Seltenheit.
3 )  Herbert  Haupt,  Archivalien  zur  Kulturgeschichte  des  Wiener  Hofes,  1.  Teil:  Kaiser  Ferdinand  III.:  Die  Jahre  1646-1656,  in:  Jahrbuch
der  Kunsthistorischen  Sammlungen  in  Wien,  Band  75,  1979,  Nr.  517.  (Im  folgenden  zitiert:  Haupt  1979.)
4 )  Haupt  1979,  Nr.  702.
5 )  Haupt  1979,  Nr.  80  und  81.
6 )  Haupt  1979,  Nr.  418  und  441.

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