Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 21 (N.F) (XXI=57)

DIE  TISCHUHR  DES  JEREMIAS  METZKER  VON  1564
UND  IHRE  NÄCHSTEN  VERWANDTEN
BEMERKUNGEN  ZUR  FORMENGESCHICHTE  EINER  GRUPPE
SÜDDEUTSCHER  STUTZUHREN  DER  RENAISSANCE
Von  Erwin  Neumann
Die  fürstliche  Kunstkammer  der  Renaissance  bietet,  aus  einer  bestimmten  Blickrichtung  betrachtet,
den  Aspekt  einer  enzyklopädischen  Anhäufung  verschiedenartiger  Realien  aus  allen  Reichen  der  Natur
und  Kunst.  Diese  knappe  Formel  simplifiziert  natürlich  den  Sachverhalt,  doch  bezeichnet  sie  zumindest
die  beiden  Grenzwerte  der  inhaltlichen  Breite  jener  Gegenstandsansammlungen:  die  Kategorie  der
„artificialia“  und  die  der  „naturalia“.  Die  Kategorie  der  „artificialia“  umfaßte,  wie  der  Name  sagt,  den
mannigfaltigen  Bereich  des  künstlich  geschaffenen  Menschen  Werkes,  die  Werke  der  „großen“  Kunst
sowohl  wie  auch  zahlreiche  andere  von  Menschenhand  geschaffene  Artefakte,  in  deren  Wesen  sich  künstlerische, ­
  praktische,  historische  und  sonstige  Werte  von  Fall  zu  Fall  in  sehr  verschiedenartiger  Weise
verflochten.  Demgegenüber  umfaßte  die  Kategorie  der  „naturalia“  eine  kleinere  oder  größere  Auswahl
exemplarischer  Produkte  aus  den  verschiedenen  Reichen  der  Natur,  die  vornehmlich  zum  Zwecke  der
Belehrung,  im  Grunde  also  aus  wissenschaftlichem  Interesse  gesammelt  wurden.  Die  Grenzen  dieser
Gegenstandsbereiche  blieben  freilich  fließend.  Denn  es  enthielt  eine  derartige  Kunstkammer  nicht
nur  pure  Kunstwerke  und  pure  Naturprodukte,  sondern,  und  dies  besonders  gerne,  Gegenstände
komplexer  Wesensbeschaffenheit,  Gegenstände,  in  deren  Wesen  sich  „Kunstfertigkeit“  und  „Natur“
in  irgendeiner  Weise  verschränkten.  Die  Gegenstände,  um  die  es  sich  dabei  handelt,  sind  die
der  sogenannten  „angewandten“  Kunst.  Sie  bestehen  (wie  alle  Gegenstände  der  bildenden  Kunst)
aus  Naturprodukten,  die  mit  Hilfe  der  menschlichen  Kunstfertigkeit  in  irgendeiner  Weise  künstlerisch
überhöht  sind.  Hinsichtlich  der  Verschränkung  von  Natur  und  Kunst  gibt  es  nun  bei  diesen  Gegenständen
alle  nur  erdenklichen  Möglichkeiten.  Namentlich  existieren  einerseits  Objekte,  die  sich,  trotz  betontestem ­
  Material-  und  Gerätcharakter,  ihrem  Wesen  nach  mehr  zur  Seite  des  „Kunstwerkes“  neigen,
und  andererseits  solche,  deren  Wesen,  aus  dem  Gesichtswinkel  der  „Kunst“  betrachtet,  eher  in  die  Nachbarschaft ­
  des  Bereiches  „Natur“  lokalisiert  werden  möchte.  Zu  der  einen  Gruppe  gehören  zum  Beispiel  die
verschiedenen  Gegenstände  und  Geräte,  die  aus  ungewöhnlichen  oder  besonders  kostbaren  Naturprodukten ­
  hergestellt  werden,  aus  Edel-  und  Halbedelsteinen,  aus  Elfenbein,  aus  verschiedenartigen  Hornarten, ­
  aus  Muscheln  und  dergleichen  -  sofern  es  sich  nicht  um  Kuriosa  prädominierend  naturgeschichtlichen ­
  Charakters  handelt.  Zu  der  zweiten  Gruppe  gehören  neben  verschiedenen  anderen  Geräten  vor
allem  die  wissenschaftlichen  Instrumente,  die  der  Mensch  ersonnen  hat,  um  Hand  an  die  Natur  zu  legen,
um  die  Dimensionen  des  Raumes  und  der  Zeit  zu  begreifen.
In  diesem  Grenzgebiet  bewegen  sich  die  Erörterungen  der  vorliegenden  Studie;  es  geht  ihr  um  ein  bestimmtes ­
  Problem  aus  der  Geschichte  des  Uhrenbaues.
I
Die  Uhr  war  zunächst  ein  praktisches  Gerät,  welches  lediglich  dazu  diente,  den  Ablauf  des  Tages  in
bestimmte  Einheiten  aufzuteilen  und  an  Hand  dieser  Einheiten  die  jeweilige  Tageszeit  festzustellen.  Die
„Zeit“,  um  die  es  sich  dabei  ursprünglich  handelte,  war  die  „wahre“  Zeit,  das  heißt  die  Zeit  des  betreffenden ­
  Ortes,  an  welchem  sie  eben  registriert  wurde.  Diese  wahre  Ortszeit  wurde  im  Altertum  und  im  Mittelalter
  am  Stande  der  Sonne  beziehungsweise  am  Stande  der  Gestirne  ermittelt;  das  Gerät,  dessen  man
sich  zu  dieser  Ermittlung  hauptsächlich  bediente,  war  die  Sonnenuhr 1 .  So  subjektiv  die  „Wahrheit“
b  Zur  Geschichte  der  Gnomonik  vgl.  Alfred  Rhode,  Die  Geschichte  der  wissenschaftlichen  Instrumente  vom  Beginn  der
Renaissance  bis  zum  Ausgang  des  18.  Jhs..  Hamburg  1923;  Ernst  Zinnkr,  Deutsche  und  niederländische  astronomische  Instrumente ­
  des  11.  bis  18.  Jhs.,  München  1956  (mit  der  in  diesen  beiden  Werken  ausführlich  angegebenen  älteren  Literatur).
            
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