Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 21 (N.F) (XXI=57)

SPANISCHE  P0RTRA1TS  DES  16.  JAHRHUNDERTS

Von  FRID  ERIKE  Klauner

Die  große  Anzahl  von  Infanten-  und  Königsbildnissen  der  spanischen  Habsburger,  die  aus  dynastischen ­
  Gründen  in  der  Portraitsammlung  des  Kaiserhauses  zusammengekommen  ist  —  jetzt
befindet  sie  sich  im  Kunsthistorischen  Museum  -  fordert  dazu  auf,  sich  damit  zu  beschäftigen  und  sie
als  Komplex  zu  erfassen.  Tut  man  dies,  so  stellt  sich  gleich  zu  Anfang  heraus,  daß  kein  anderes
Land  außer  Spanien  es  zu  einer  so  dichten  und  geschlossenen  Produktion  von  höfischen  Familienbildern ­
  gebracht  hat 1 .  Der  Hauptbestand  dieser  Portraits,  der  sich  teils  in  Madrid  (im  Prado  und
in  den  Descalzas  Reales),  teils  in  Wien  befindet,  läßt  sich  in  zwei  Gruppen  teilen:  eine,  die  von
Anthonis  Mor,  dem  holländischen  Begründer  dieser  Portraitschule,  über  A.  Sänchez  Coello,  Juan
Pantoja  de  la  Cruz,  Andres  Lopez  bis  zu  Bartolome  Gonzalez  reicht,  also  von  Philipp  II.  bis  zum
jungen  Philipp  IV.,  das  ist  von  ungefähr  1550-1620,  und  eine  zweite,  die  Veläzquez  und  seine  Schüler
umfaßt,  das  entspricht  den  reiferen  Jahren  Philipps  IV.  sowie  Karl  II.,  dem  letzten  spanischen
Habsburger  (gest.  1700).  Der  auffälligste  Unterschied  zwischen  diesen  beiden  Gruppen  besteht  darin,
daß  das  Haupt  der  zweiten,  nämlich  Veläzquez,  nicht  nur,  sondern  auch  Portraitmaler  ist,  während
die  Maler  der  ersten  Gruppe  ausschließlich  Portraitisten  sind.  Die  wenigen  Kompositionen,  die  sie
nebenbei  gemalt  haben,  sind  von  sehr  mäßiger  Qualität,  denn  ihre  Grundeinstellung  konnten  diese
Maler  nicht  ändern.
Der  ausschließliche  Portraitmaler  hat,  ganz  allgemein  betrachtet,  eine  andere  Einstellung  zum
Modell  als  derjenige,  der  neben  Figurenkompositionen  unter  anderem  auch  Portraits  malt.  Dem
Maler  von  Kompositionen  sind  seine  Modelle  Mittel  zum  Zweck,  um  formale  oder  inhaltliche  Ideen
mit  ihrer  Hilfe  zur  Darstellung  zu  bringen.  Malt  er  nun  ein  Portrait,  so  ist  dieselbe  Haltung  dem  zu
portraitierenden  Modell  gegenüber  zu  spüren.  Der  Portraitmaler  hingegen  verfolgt  bei  seiner  Arbeit
keine  übergeordnete  künstlerische  Idee,  sondern  versucht  ausschließlich  ein  genaues  Abbild  der
Erscheinung  des  Modells  zu  geben.  Formale  Probleme  werden  also  nur  in  geringem  Maß  behandelt,
Komposition,  überhaupt  die  bildmäßige  Struktur  entsteht  als  Nebenergebnis.  Zwangsläufig  bedeutet
das  eine  Verarmung  des  Bildgefüges,  oder,  anders  ausgedrückt:  fast  immer  ist  der  reine  Portraitmaler
schon  von  vornherein  die  schwächere  künstlerische  Kapazität 2 .  Aber  seine  ausschließliche,  einseitige,
geradlinige  Gerichtetheit  auf  das  Modell  kann  ihn  befähigen,  dem  Abbild  eine  unerwartete  Intensität
zu  geben,  die  allerdings  durch  außerkünstlerische  Vorstellungen  begründet  ist.  Die  starke  Attraktion,
die  diese  Bilder  spontan  ausüben,  wird  bewirkt  durch  die  Eindringlichkeit,  mit  der  diese  außer  -
künstlerisehen  Werte  vorgetragen  werden.
In  sehr  fühlbarer  Weise  üben  die  spanischen  Portraits,  welche  die  erwähnte  erste  Gruppe  ausmachen,
diese  Anziehung  aus,  und  von  da  kommt  auch  der  wirkliche  Anreiz,  sich  mit  ihnen  zu  beschäftigen.  Wirft
man  einen  ersten  Blick  auf  die  Reihe  dieser  Bilder,  so  hält  man  sie  zunächst  für  nichts  anderes  als  für
Nachahmungen  der  Portraits  von  Mor,  und  ihr  einziger  Unterschied  zu  diesem  scheint  darin  zu
bestehen,  daß  sie  eben  schlechter  sind.  Dreht  man  sich  aber,  bewegt  von  einer  heimlichen  Anziehungskraft, ­
  ein  zweites  Mal  nach  ihnen  um,  so  entdeckt  man,  daß  der  Unterschied  nicht  nur  negativ  zu  bewerten
sein  kann,  daß  hingegen  eine  Kraft  spürbar  ist,  welche  die  von  Mor  gegebene  Form  in  fast  unmerklicher
Weise  so  abändert,  daß  dem  Betrachter  die  Person  des  Portraitierten  als  belebtes  Gegenüber  suggeriert
wird.  Das  geschieht  aber  nicht  durch  psychologische  Einsicht  -  die  läge  nicht  im  Interesse  der  Zeit
also  nicht  durch  eine  Belebung  des  Inneren,  sondern  durch  eine  Belebung  des  Äußeren,  der  Haltung  und
der  Meinung,  die  sie  zu  haben  hat.
')  Nur  die  französischen  Bildniszeichnungen  des  F.  Clouet  und  seines  Umkreises  sowie  die  Miniaturportraits  von  N.  Hilliard
sind  quantitativ  damit  vergleichbar.
2 )  Über  die  Rolle,  die  das  Porträtieren  in  der  Laienmalerei  spielt,  siehe  N.  Michailow,  Zur  Begriffsbestimmung  der  Laienmalerei, ­
  Zeitschrift  für  Kunstgeschichte,  Bd.  4/1935.
            
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