SPANISCHE P0RTRA1TS DES 16. JAHRHUNDERTS
Von FRID ERIKE Klauner
Die große Anzahl von Infanten- und Königsbildnissen der spanischen Habsburger, die aus dynastischen
Gründen in der Portraitsammlung des Kaiserhauses zusammengekommen ist — jetzt
befindet sie sich im Kunsthistorischen Museum - fordert dazu auf, sich damit zu beschäftigen und sie
als Komplex zu erfassen. Tut man dies, so stellt sich gleich zu Anfang heraus, daß kein anderes
Land außer Spanien es zu einer so dichten und geschlossenen Produktion von höfischen Familienbildern
gebracht hat 1 . Der Hauptbestand dieser Portraits, der sich teils in Madrid (im Prado und
in den Descalzas Reales), teils in Wien befindet, läßt sich in zwei Gruppen teilen: eine, die von
Anthonis Mor, dem holländischen Begründer dieser Portraitschule, über A. Sänchez Coello, Juan
Pantoja de la Cruz, Andres Lopez bis zu Bartolome Gonzalez reicht, also von Philipp II. bis zum
jungen Philipp IV., das ist von ungefähr 1550-1620, und eine zweite, die Veläzquez und seine Schüler
umfaßt, das entspricht den reiferen Jahren Philipps IV. sowie Karl II., dem letzten spanischen
Habsburger (gest. 1700). Der auffälligste Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen besteht darin,
daß das Haupt der zweiten, nämlich Veläzquez, nicht nur, sondern auch Portraitmaler ist, während
die Maler der ersten Gruppe ausschließlich Portraitisten sind. Die wenigen Kompositionen, die sie
nebenbei gemalt haben, sind von sehr mäßiger Qualität, denn ihre Grundeinstellung konnten diese
Maler nicht ändern.
Der ausschließliche Portraitmaler hat, ganz allgemein betrachtet, eine andere Einstellung zum
Modell als derjenige, der neben Figurenkompositionen unter anderem auch Portraits malt. Dem
Maler von Kompositionen sind seine Modelle Mittel zum Zweck, um formale oder inhaltliche Ideen
mit ihrer Hilfe zur Darstellung zu bringen. Malt er nun ein Portrait, so ist dieselbe Haltung dem zu
portraitierenden Modell gegenüber zu spüren. Der Portraitmaler hingegen verfolgt bei seiner Arbeit
keine übergeordnete künstlerische Idee, sondern versucht ausschließlich ein genaues Abbild der
Erscheinung des Modells zu geben. Formale Probleme werden also nur in geringem Maß behandelt,
Komposition, überhaupt die bildmäßige Struktur entsteht als Nebenergebnis. Zwangsläufig bedeutet
das eine Verarmung des Bildgefüges, oder, anders ausgedrückt: fast immer ist der reine Portraitmaler
schon von vornherein die schwächere künstlerische Kapazität 2 . Aber seine ausschließliche, einseitige,
geradlinige Gerichtetheit auf das Modell kann ihn befähigen, dem Abbild eine unerwartete Intensität
zu geben, die allerdings durch außerkünstlerische Vorstellungen begründet ist. Die starke Attraktion,
die diese Bilder spontan ausüben, wird bewirkt durch die Eindringlichkeit, mit der diese außer -
künstlerisehen Werte vorgetragen werden.
In sehr fühlbarer Weise üben die spanischen Portraits, welche die erwähnte erste Gruppe ausmachen,
diese Anziehung aus, und von da kommt auch der wirkliche Anreiz, sich mit ihnen zu beschäftigen. Wirft
man einen ersten Blick auf die Reihe dieser Bilder, so hält man sie zunächst für nichts anderes als für
Nachahmungen der Portraits von Mor, und ihr einziger Unterschied zu diesem scheint darin zu
bestehen, daß sie eben schlechter sind. Dreht man sich aber, bewegt von einer heimlichen Anziehungskraft,
ein zweites Mal nach ihnen um, so entdeckt man, daß der Unterschied nicht nur negativ zu bewerten
sein kann, daß hingegen eine Kraft spürbar ist, welche die von Mor gegebene Form in fast unmerklicher
Weise so abändert, daß dem Betrachter die Person des Portraitierten als belebtes Gegenüber suggeriert
wird. Das geschieht aber nicht durch psychologische Einsicht - die läge nicht im Interesse der Zeit
also nicht durch eine Belebung des Inneren, sondern durch eine Belebung des Äußeren, der Haltung und
der Meinung, die sie zu haben hat.
') Nur die französischen Bildniszeichnungen des F. Clouet und seines Umkreises sowie die Miniaturportraits von N. Hilliard
sind quantitativ damit vergleichbar.
2 ) Über die Rolle, die das Porträtieren in der Laienmalerei spielt, siehe N. Michailow, Zur Begriffsbestimmung der Laienmalerei,
Zeitschrift für Kunstgeschichte, Bd. 4/1935.