Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 20 (N.F.) (XX=56)

Die  Anfänge  des  Claude  Lorbain

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Nachricht  in  mehrfacher  Hinsicht  wichtig.  Sie  besagt,  daß  er  bereits  1633/34,  also  mehrere  Jahre  vor
den  Aufträgen  Urbans  VIII.,  ein  bekannter  Maler  war,  den  zu  kopieren  es  lohnte.  Ferner  daß  er  damals
auch  schon  große  Landschaften  malte,  nicht  nur  kleine  auf  Kupfer,  wie  bisher  angenommen  wurde.
Des  weiteren  erfahren  wir,  wie  lange  Claude  an  einem  großen  Gemälde  arbeitete:  einen  vollen  Monat.
Damit  werden  die  Angaben  Sandrarts  über  seine  langsame  Malweise  auch  von  anderer  Seite  bestätigt.
Schließlich  berührt  dieser  Bericht,  wenn  auch  nur  mittelbar,  das  Problem  der  Entstehung  des  Liber
Veritatis,  der  -  laut  Baldinucci  -  zum  Schutz  gegen  Fälschungen  angelegt  wurde.  Die  Tat  Bourdons
dürfte  einer  der  ersten  Vorfälle  gewesen  sein,  die  Claude  veranlaßten,  seine  künstlerischen  Erfindungen
zu  sichern.  Die  von  Kitson  und  Röthlisberger  aus  technisch-stilistischen  Gründen  vorgeschlagene  frühe
Datierung  des  Liber  Veritatis  wird  damit  historisch  bekräftigt.

Urkunden

Die  ersten  Urkunden  über  Claude  Lorrain  hat  der  bekannte  Archivar  Antonio  Bertolotti  ans  Licht
gebracht.  Angeregt  von  den  Forschungen  Mark  Pattisons,  entdeckte  er  1881  in  den  kapitolinischen
Notariatsarchiven  Claudes  Testament  aus  dem  Jahre  1663,  eine  der  aufschlußreichsten  Quellen,  besonders ­
  für  das  spätere  Leben  und  Schaffen  des  Meisters.  Für  diesen  Zusammenhang  ist  wichtig,  daß  es
die  Angaben  Baldinuccis  über  die  Herkunft  Claudes  und  dessen  familiäre  Verhältnisse  bestätigt 33 .
Schon  vorher  hatte  Bertolotti  die  früheste  bisher  bekannte  urkundliche  Erwähnung  Claudes  gefunden:
in  einer  Prozeßaussage  Agostino  Tassis  vom  8.  Oktober  1619  (Quellenauszug  S.  161) 34 .  Tassi  war  wegen
Ehebruches  mit  seiner  Schwägerin  angeklagt.  Die  bei  der  Aussage  in  Rede  stehenden  Ereignisse  spielten
allerdings  noch  sechs  Jahre  früher,  im  Jahre  1614,  wenn  man  richtig,  im  römischen  Sinne,  das  erste
Jahr  mitzählt:  als  Tassi  in  Bagnaia  bei  Viterbo  war  und  die  heute  noch  erhaltenen  Fresken  im  Casino
Montalto  der  Villa  Lante  malte.  In  der  besagten  Aussage  führt  Tassi  neben  anderen  Gehilfen,  die  ihm
in  Bagnaia  zur  Seite  standen,  einen  Claudio  di  Lorena  an.  Ausdrücklich  fügt  er  noch  hinzu,  daß  diese
Gehilfen  alle  im  Dienste  des  Kardinals  Montalto,  des  Bauherrn,  waren;  sie  unterstanden  zwar  ihm,  wurden ­
  aber  nicht  von  ihm  ausgehalten 38 .  Ein  Zeuge  des  gleichen  Prozesses  von  1619,  der  Maler  Francesco
di  Orazio  Procachi  aus  Castiglion  Fiorentino,  gibt  an,  daß  Claude  damals  Diener  des  Cavalier  d’Arpino
(Giuseppe  Cesari,  auch  Cavalier  Giuseppino  genannt)  war,  der  mit  Tassi  in  Bagnaia  zusammenarbeitete

Ebbinge  Wubben,  Nolfo  di  Caepegna,  Michael  Sweerts  e  i  Bamboceianti  (Ausstellungskatalog),  Rom  1958,  Nr.  66,  Abb.  69.  -
Über  das  Kopistentum  im  17.  Jahrhundert  siehe  Floerke,  S.  96  und  Anm.  207.
33 )  Antonio  Bertolotti,  Artisti  francesi  in  Roma  nei  secoli  XV,  XVI  e  XVII  (künftig:  Bertolotti,  Artisti  francesi),  Mantova
1886,  S.  113.  -  Pattison,  S.  12f.  und  202ff.  (bei  beiden  Autoren  abgedruckt).  Ferdinand  Boyer  hat  ein  weiteres  Codicillum,
datiert  vom  3.  Februar  1682,  mit  wertvollen  Angaben  über  Claudes  Nachlaß  und  Wohnverhältnisse  gefunden:  F.  Boyer,  Les
Inventaires  apres  deces  de  NicolasPoussin  et  de  Claude  Lorrain,  in:  Bulletin  de  la  Sociöte  de  l’Histoire  de  l’Art  francjais,  Paris
1928,  S.  152ff.  -  Baldinucci  zu  bestätigen  scheint  auch  eine  Nachricht  über  einen  Nicola  Oile  de  Tulenta  ducatus  Lorenae,  die
Bertolotti  in  den  Akten  des  Notars  Julius  Ninus  (1612-16,  fol.  6)  gefunden  hat.  Dieser  Nicola  Gile  war  wahrscheinlich  aus  der
gleichen  Familie  und  mochte  zu  Claudes  Kommen  nach  Rom  beigetragen  haben.  Er  war  vom  11.  Oktober  1612  an  in  einen  Streit
mit  einem  römischen  Pächter  verwickelt,  also  etwa  zu  der  Zeit,  als  Claude  zum  ersten  Male  nach  Rom  kam.
31 )  Antonio  Bertolotti,  Agostino  Tasso,  suoi  scolari  e  compagni  pittori  in  Roma  (künftig:  Bertolotti,  Tassi),  in:  Giornale  di
Erudizione  artistica,  Vol.  V,  Perugia  1876,  S.  208.  -  Pattison,  S.  201.  -  Der  Wortlaut  dieser  wichtigen  Urkunde  wurde  sowohl
von  Bertolotti  als  auch  von  Pattison  unvollständig  und  ungenau  abgedruckt,  besonders,  was  die  Erwähnung  Claudes  betrifft,
so  daß  Unklarheiten  entstehen  konnten.  Dank  der  freundlichen  Hilfe  von  Herrn  Professor  Leopoldo  Sandri,  Direktor  des  römischen ­
  Staatsarchives,  bin  ich  in  der  Lage,  im  Anhang  die  richtige  und  vollständige  Wortfolge  der  betreffenden  Stelle  zu  geben.
Verschiedene  andere  Stellen  dieses  Prozesses  hat  mir  Herr  Dr.  Renato  Rubrichi  lesen  und  kontrollieren  geholfen,  wofür  ich
ihm  sehr  danke.  Wo  die  Edition  Bertolottis  von  dem  Originaltext  nur  unwesentlich  abweicht,  wurde  sie  beibehalten.  —
Frühere  Urkunden  über  Claude  Lorrain  wurden  bisher  nicht  entdeckt.  Emile  Michel  hat  festgestellt,  daß  die  Pfarrarchive  von
Chamagne,  Claudes  Geburtsort,  nur  bis  1672  zurückreichen  und  keine  Nachricht  über  den  Künstler  enthalten  (Pattison,  S.  124,
Anm.  1).  In  den  „Stati  delle  Anime“  des  Jahres  1617  der  Pfarre  Santa  Maria  sopra  Minerva  (S.  63  r.)  sind  im  Hause  eines  Messer
Cesio  ein  Nicolo  Gili  et  suo  fratello  erwähnt.  Ob  hiemit  Claude  Gellöe  gemeint  ist,  bleibt  vorläufig  offen.  Zeitlich  und  auch  örtlich
wäre  es  möglich,  zumal  Baldinucci  berichtet,  daß  Claude  anfangs  in  der  Nähe  des  Pantheon  gewohnt  hat.
35 )  Die  lateinische  Zählweise  ergibt  sich  auch  aus  den  übrigen  Prozeßprotokollen,  die  Bertolotti  veröffentlicht  hat  (a.  a.  O.,
S.  193ff.).  Tassi  arbeitete  von  1613  bis  Ende  1615  oder  Anfang  1616  in  Bagnaia.  Siehe  Jacob  Hess,  Die  Künstlerbiographien  von
Giovanni  Battista  Passeri  (künftig:  Passeri-Hess),  Leipzig  und  Wien  1934,  S.  122ff.  mit  den  zugehörigen  Anmerkungen  über
die  Geschichte  der  Villa  Lante  und  die  nähere  Literatur.  Ferner  Jacob  Hess,  Agostino  Tassi,  der  Lehrer  Claude  Lorrains  (künftig:
Hess,  Tassi),  München  1935,  S.  12ff.
            
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