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Eckhabt Knab
Jahren im Philadelphia Museum of Art befindet. Sie ist das früheste datierte Bild, das wir heute von
Claude Lorrain kennen 3 . 1959 veröffentlichte Marcel Röthlisberger ein 1633 datiertes Bilderpaar aus der
Sammlung des Herzogs von Buccleuch und Queensberry auf Schloß Bowhill in Schottland, eine Landschaft
mit dem Urteil des Paris (Abb. 185) und eine Hafenansicht, die beide im Frühjahr 1959 im Berner
Kunstmuseum ausgestellt wurden 4 . Vielleicht noch wichtiger ist Röthlisbergers Wiederentdeckung der
Fresken im ehemaligen Palazzo Crescenzi, gegenüber der Westflanke des Pantheon, am Anfang der
„Salita de’ Crescenzi“. Sie waren vorher nur aus der Literatur (Baldinucci) bekannt gewesen. Diese
Fresken Claudes - die einzigen wiedergefundenen - stellen die Brücke zu seinem Lehrer Agostino Tassi,
zu Paul Bril und zur dekorativen Landschaftsmalerei in Rom her. Wichtige Vorarbeit hat Jacob Heß
mit seinen Forschungen über Agostino Tassi geleistet, von dem man lange Zeit nur aus schriftlichen
Quellen wußte. Frucht dieser Untersuchungen ist auch die neue Einschätzung des Liber Veritatis, jenes
einzigartigen Bildgedächtnisbuches, das Claude seinen Erben vermacht hatte. Mehr als zwei Jahrhunderte
als kostbarer Schatz im Schlosse Chatsworth, Derbyshire in Mittelengland, dem Sitz der
Herzoge von Devonshire, verwahrt, ist es vor wenigen Jahren ins British Museum gelangt, zu der
dortigen schon vorher größten Sammlung von Zeichnungen des Claude Lorrain. Der Liber Veritatis
wurde, weil er vorwiegend Nachzeichnungen nach Gemälden enthält, in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
weniger geschätzt 5 . Doch haben Kitson und Röthlisberger seine Bedeutung als Vermächtnis
und Schaffensdokument neu bekräftigt und bewiesen, daß er bereits um 1635 begonnen wurde und nicht
erst gegen 1650, wie man bisher anzunehmen pflegte.
Claudes Anfänge fallen in eine künstlerisch sehr ereignisreiche Epoche: die der Entstehung und ersten
Ausbreitung der Barockkunst. Seinem Schaffen ist mannigfach vorgearbeitet worden - man hat mit
Recht auf Elsheimer und Paul Bril hingewiesen -, ehe er seine Lösung der Landschaftsdarstellung fand:
jene überzeugende Harmonie von idealem Wunschbild und scheinbarer Wirklichkeit, die Sandrart und
Baldinucci als größte „Natürlichkeit“, Goethe aber als „höchste Wahrheit“ empfanden 6 . Es gibt gerade
für die ins Auge gefaßte frühe Schaffensperiode (’laudes eine hervorragende authentische Quelle: Joachim
von Sandrarts „Teutsche Academie“.
DTE QUELLEN
Viten
Die wichtigsten Gewährsmänner für das Leben und Schaffen des Claude Lorrain sind Joachim von
Sandrart (1606-1688) und Filippo Baldinucci (1624-1696), zwei der bedeutendsten Kunstgelehrten ihrer
Zeit, die Claude und sein Schaffen aus eigener Anschauung kannten. Sandrart, der von 1629 bis 1635
in Rom weilte, war sogar mit Claude befreundet und hat, wie er berichtet, eine Zeitlang mit ihm im
gleichen Hause gewohnt. Auf den Angaben Sandrarts und Baldinuccis fußen die meisten späteren
Autoren, von denen nur Lione Pascoli (1674-1744) und Dezallier d’Argenville (1680-1765) nähere
Beachtung verdienen, weil sie gelegentlich glaubhafte Nachrichten bringen, die bei Sandrart und
3 ) Das Gemälde befand sich früher in der Sammlung des Marquis von Drogheda, Leigh Hill House, Cobham, Surrey, England,
Blunt erwähnt es als im New Yorker Kunsthandel befindlich (a. a. O., Anm. 226). Siehe auch: The Philadelphia Museum Bulletin.
Vol. 45-46, Philadelphia 1950-51, S. 46, und Vol. LII, No. 253, Philadelphia 1957, S. 51 ff. (Röthlisberger).
4 ) Boris Lossky, Das 17. Jahrhundert in der französischen Malerei (Ausstellungskatalog), Kunstmuseum Bern, Bern 1959,
Nr. 32, 33. — Röthlisberger, Mitteilungen.
5 ) Siehe Friedlaender, S. 223ff. Pierre Courthion spricht sogar vom „Livre de Mensonge“ (Claude Gellee, dit le Lorrain,
Paris 1932).—Der Liber Veritatis war bereits 1728 im Besitz des Herzogs von Devonshire (Kitson-Röthlisberger, S. 17.
Anm. 1).
G ) Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit. Claude Lorrain kannte die reale Welt bis ins kleinste
Detail auswendig, und er gebrauchte sie als Mittel, um. die Welt seiner schönen Seele auszudrücken. Und das ist. eben die wahre Idealität,
die sich realer Mittel so zu bedienen weiß, daß das erscheinende Wahre eine Täuschung hervorbringt, als sei es wirklich. (Goethe,
Gespräch mit Eckermann vom 10. April 1829. Siehe Ludwig Münz, Goethes Zeichnungen und Radierungen, Wien 1949, S. 87 f.). -
D’Argenville (siehe Anm. 7) sagt: C’est ainsi que le Lorrain saisissait heureusement tous les efjets de la. nature avec laquelle il
sembloit disputer de verite; aussi est il regarde comme le plus par/ait modele des paisagistes (S. 268). Bei Baldinucci bedeutet ,,vero"
soviel wie „wirklich“; die Trennung des Begriffs der Wirklichkeit von dem der Wahrheit besteht noch nicht. (Siehe Quellenauszug
S. 156.)