Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 20 (N.F.) (XX=56)

DIE  ANFÄNGE  DES  CLAUDE  LORRAIN*

Von  Eckhart  Kn  ab

Die  Frühzeit  des  Claude  Lorrain,  worunter  seine  Entwicklung  bis  ungefähr  zum  fünfunddreißigsten
Lebensjahr,  bis  1635  zu  verstehen  ist,  war  schon  mehrmals  Gegenstand  gesonderter  Untersuchungen 1 .
Sie  führten  zu  dem  Ergebnis,  daß  man  heute  Claudes  Schaffen  an  Hand  datierter  Gemälde  bis  zum
.Jahre  162»  zurückverfolgen  kann.  Noch  als  Walter  Friedlaender  über  diesen  Künstler  seinen  Artikel  in
Thieme-Beckers  Künstlerlexikon  (1920)  und  seine  bekannte  Monographie  (1921)  schrieb,  wurden  die
1639  datierten  Bilder  „Ländliches  Fest“  („La  Fete  villageoise“)  und  „Seehafen  bei  Sonnenuntergang“
(Liber  Veritatis,  fol.  13,  14),  beide  im  Louvre,  als  die  nachweisbar  frühesten  Gemälde  Claudes  angesehen®. ­
  Damals  war  er  aber  schon  weit  über  seine  Anfänge  hinaus,  ein  anerkannter  Künstler.  Be\or
Heinrich  Weizsäcker  (1930)  auf  dem  Kupferbildchen  des  Louvre  mit  der  Darstellung  der  Besetzung  von
Susa  am  Fuß  des  Mont  Cenis  (1629)  die  Jahreszahl  1631,  die  Louis  Hourticq  bereits  vermutet  hatte,
eindeutig  feststellte,  war  Claudes  tatsächliches  Frühwerk  nur  durch  Radierungen  belegt,  die  bis  zum
Jahre  1630  zurückreichen.  Im  übrigen  war  man  auf  literarische  Quellen  angewiesen.  Dann  entdeckten
publiziert  1941  und  1944  -  E.  P.  Richardson  und  W.  G.  Constable  zwei  weitere  1631  datierte  Gemälde,
die  aus  englischem  Adelsbesitz  in  die  Vereinigten  Staaten  gelangt  waren:  die  Abendlandschaft  im
Institute  of  Fine  Arts  in  Detroit  (L.  V.  12)  und  die  J  lußlandschaft  mit  Mühle  im  Aluseum  of  f  ine  Alts
in  Boston  (L.  V.  22),  genannt  „The  Boston  Mill“  zum  Unterschied  von  den  berühmten  Mühlendarstellungen ­
  der  Galerie  Doria  Pamphili  in  Rom  und  der  National  Gallery  in  London  (L.  \  .  I  13).  Anthon  \
Blunt  wies  sodann  (1953)  auf  ein  1629  datiertes  Gemälde  hin,  eine  Hirtenlandschaft,  die  sich  seit  einigen

*)  Die  vorgelegte  Arbeit  bringt  das  Ergebnis  von  mehrjährigen  Untersuchungen,  ihren  Ausgang  nahmen  sie  von  der  Albertina.
Zurückblickend  habe  ich  vor  allem  und  besonders  zwei  Wiener  Herren  zu  danken:  Ludwig  Münz,  weil  er  mich  meine  Neigung
zu  Claude  und  zur  römischen  Landschaft  wissenschaftlich  disziplinieren  lehrte,  und  Michael  Auner,  weil  er  mich  zum  Studium
der  historischen  und  kulturellen  Voraussetzungen  von  Claudes  Wirken  anregte.  Das  Bundesministerium  für  Unterricht  und  das
British  Council  verhalten  mir  in  dankenswerter  Weise  zu  notwendigen  Studienreisen.  Mein  Dank  gilt  nicht  weniger  den  Fachkollogen ­
  und  Freunden  im  Ausland  und  zuhause  sowie  den  zahlreichen  Sammlungen  und  Sammlern,  die  meine  Studien  ermöglichten ­
  und  erleichterten,  mir  wertvolle  Hinweise  gaben.  Die  namentliche  Aufführung  würde  eine  sehr  lange  Liste  ergeben.
I)  Gesonderte  Untersuchungen  über  die  Frühzeit  Claudes:  Louis  Houbticq.  Claude  Lorrain  et  Jacques  Callot,  in:  Melanges
Bertaux  Paris  1924  S  150ff  -  Heinrich  Weizsäcker,  Die  Anfänge  des  Claude  Lorrain  in  ihrem  Zusammenhang  mit  der  römischen ­
  Landschaft,  in:  Zeitschrift  für  bildende  Kunst,  N.  F.  64,  Leipzig  1930-31,  S.  25ff.  -  Ferdinand  Boyer,  Les  annees  d’apprentissage
  de  Claude  Lorrain  ä  Rome  (1613-1625),  in:  Stüdes  italiennes,  Paris  1933-34,  S.  308ff.  (künftig:  Boyer,  Etudes  italiennes
1933-34).  -  E.  P.  Richardson,  in:  Bulletin  of  the  Detroit  Institute  of  Arts,  Vol.  XX,  No.  7,  Detroit,  April  1941,  S.  6/ff.
W.  G.  Constable,  The  Early  Work  of  Claude  Lorrain,  in:  Gazette  des  Beaux-Arts,  6th  Ser..  Vol.  XXVI.  New  York  1944.
S.  305ff.  Marcel  Röthlisberger,  Les  Fresques  de  Claude  Lorrain,  in:  Paragone  109,  Arte,  Firenze,  Genna,o  1959.  S.  41  ff.
(künftig:  Röthlisberger,  Paragone).  -  Derselbe,  Ein  frühes  Gemäldepaar  von  Claude  Lorrain,  in:  Mitteilungen  (Berner
Kunstmuseum  u.  a.),  Bern,  März  1959,  S.  1-4  (künftig:  Röthlisberger,  Mitteilungen).  -  Untersuchungen  m  anderem  Zusammenhang: ­
  Edouard  Meaume,  Claude  Gellee  dit  le  Lorrain,  in:  A.  P.  F.  Robert-Dumesnil,  Le  Peintre-Graveur  fra„ 5 ais,  Tome
XP'
Lorr

nhang:  Edouard  Meaume,  Claude  Gellöe  dit  le  Eorrain,  in:  a.  r.  r.  ~  '
“■»  (Supplement  par  Georges  Duplessis),  Paris  1871,  S.  129ff.  (künftig:  Meaume).  -  Mark  Pattison  (Lady  Dilke),  Claude
rrain,  sa  vie  et  ses  ceuvres,  Paris  1884.  -  Leandro  Ozzola,  Claudio  Lorenese  e  il  suo  Studio  dal  vero,  in:  L  Arte  11,  Roma  1908.

laender,  Thieme-Becker).  -  Derselbe,  Claude  Lorrain,

Berlin  1921,  besonders  S.  21ff.,  35ff.,  115ff.,  157ff.  und  Anm.  17
(künftig:  Friedlaender).  -  Jacob  Hess,  Agostino  Tassi.  der  Lehrer  des  Claude  Lorrain,  München  1935  (künftig:  Hess  Tassi).  -
Anthony  Blunt,  Art  and  Architecture  in  France  1500-1700,  The  Pelican  History  of  Art,  London  1953,  S.  19off„  221,  Anm.
226  -  Eckhart  Knab  Die  Zeichnungen  Claude  Lorrains  in  der  Albertina,  in:  Alte  und  Neue  Kunst,  Wiener  kunstwissenschaftliche ­
  Blätter  2  Jg  Wien  1953,  S.  132ff.  (künftig:  Knab,  Alte  und  Neue  Kunst  1953).  -  Michael  Kitson,  Swanevelt,  Claude
Lorrain  et  le  Campe  Vaccine,  in:  Revue  des  Arts,  Paris  1958,  No.  5,  S.  215ff„  No.  6,  S.  259ff.  (künftig:  Kitson,  Revue  des
Arts  1958).  -  Michael  Kitson  and  Marcel  Röthlisberger,  Claude  Lorrain  and  the  Liber  Veritatis,  in:  The  Burlington  Magazine, ­
  Vol.  CI,  London  1959,  S.  14ff.,  328fL,  381ff.  (künftig:  Kitson-Röthlisberger).
2 )  Über  den  Liber  Veritatis.  künftig  „L.  V.“  abgekürzt,  siehe  später,  S.  66,  126ff.
            
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