Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 20 (N.F.) (XX=56)

Hieremias  Gundlach:  Nova  Hispaniae  regnorum  desgriptio

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deckeis  trägt  ein  Papierschildchen  mit  der  noch  jetzt  geltenden  Signatur  6481;  dieselbe  Signatur  steht,
in  Bleistift  geschrieben,  auf  dem  ersten  Vorsatzblatt.  Dieses  erste  Vorsatzblatt  zeigt  die  Spuren  einer
einst  mit  Bleistift  eingetragenen,  dann  ausradierten  Signatur  XII.  G.  31.  -  es  handelt  sich  wahrscheinlich
um  die  Signatur,  die  zur  Zeit  Lambecks  galt.  Darunter  sieht  man,  in  derselben  Weise  ausradiert,  die
Spuren  der  Denis-Signatur  DCXXVI*.
Der  Einband  und  die  gesamte  äußere  Ausstattung  der  Handschrift  sind  gediegen  und  geschmackvoll,
aber  ohne  irgendein  spezifisches  Merkmal  für  die  Herkunft;  der  Einband  könnte  ebensogut  niederländisch ­
  wie  österreichisch  sein.

b)  Die  innere  Ausstattung
Die  große  Sorgfalt,  die  auf  die  Eleganz  des  Bandes  von  außen  verwendet  wurde,  ist  berechtigt,  wenn
man  die  innere  Ausstattung  des  Werkes  sieht.
Die  Schrift  Gundlachs  ist  klein  und  zierlich,  in  einer  gut  leserlichen  Kursive  geschrieben.  Die  Unterlängen ­
  sind  durchwegs  mit  starker  Verdickung  nach  links  ausgezogen,  ebenso  die  umfangreichen  Unterschlingen ­
  der  g.  Dadurch  erhält  die  Schrift  eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  der  spanischen  Kanzleikursive
der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts.  Wenn  eine  Seite  gleichmäßig  beschrieben  ist,  zählt  sie  44  Zeilen;
die  meisten  Seiten  sind  aber  durch  Zwischentitel  aufgelockert.  Außerhalb  des  Schriftspiegelrandes  sind
vielfach  kurze  Hinweise  auf  den  Inhalt  der  Textabsätze.
Die  Tinte  ist  leicht  bräunlich,  in  manchen  Partien  des  Buches  schon  stark  verblaßt.
Wie  schon  Lambeck  festgestellt  hat,  verdient  das  Buch,  außer  wegen  seines  gediegenen  sachlichen
Inhaltes,  besonders  propter  .  .  .  incredibilem  chorographicarum  et  topographicarum  tabularum  elegantiam
Beachtung.  Wie  Gundlach  auf  dem  Titelblatt  betont,  ist  der  künstlerische  Schmuck  des  Buches  von
seiner  Hand.  Dieser  Schmuck  besteht  aus  verschiedenen  Elementen:
1.  Ornamentale  Federzeichnungen.  Am  Beginn  eines  jeden  der  neunzehn  größeren  Abschnitte
stehen  auf  einem  sonst  leeren  Blatt  die  Titel  in  Kartuschen  aus  Roll-  und  Bandwerk  (Abb.196,197).
Als  Vorlagen  dafür  haben  die  Titelkartuschen  des  ,,Theatrum  Orbis  Terrarum“  von  Ortelius  gedient.
In  ähnlicher  Art  ist  auch  das  Titelblatt  des  ganzen  Werkes  gestaltet:  der  Titel  mit  dem  Namen  des
Verfassers  und  dem  Chronogramm  ist  von  Kartuschen  umrahmt,  in  denen  die  Bilder  der  berühmtesten
mythischen  und  historischen  Herrscher  Spaniens  gezeichnet  sind  (Abb.  193).
2.  Geographische  Karten.  Die  5  Darstellungen  der  gesamten  Halbinsel  und  die  18  Spezialkarten
von  einzelnen  Königreichen  und  Provinzen  sind  nicht  nur  kartographisch  bemerkenswert,  sondern  jede
dieser  Karten  ist  zugleich  auch  durch  ihre  farbige  Tönung  und  die  vielfache  Verwendung  von  Goldlichtern ­
  ein  kleines  Meisterwerk.  Alle  Ortschaften  sind  mit  Gebäuden  mit  aufgesetztem  Gold  dargestellt,
die  Ortsnamen  sind  in  der  zierlichen  Schrift  Gundlachs  beigesetzt.  Der  Name  der  dargestellten  Provinz
steht  jedesmal  in  farbigem  Zierrähmchen,  das  Wappen  ist  entweder  an  dieser  Rahmung  angebracht
oder  an  einer  anderen  freien  Stelle  innerhalb  der  Karte.  Jeder  Karte  ist  eine  vielfarbige  Windrose  beigegeben, ­
  nach  Art  der  farbigen  Portulane.
3.  Städtebilder  und  Bilder  von  Einzelgebäuden.  Den  umfangreichsten  Teil  des  künstlerischen
Schmuckes  bilden  die  47  Bilder  von  Städten  oder  Landschaften,  von  denen  33  zweiseitig  sind,  sowie  die
10  Bilder  von  einzelnen  Denkmälern  oder  Gebäuden.  Alle  diese  Bilder  sind  in  Federzeichnung  angelegt
und  mit  hellen  Aquarellfarben  bemalt.  Die  Dächer  der  sehr  klein  gezeichneten  Häuser  sind  immer  rot
gefärbt,  die  Schattierungen  der  Dächer  und  Bäume,  die  Turmkreuze  und  Phialen  gotischer  Dome,  oft
auch  die  Feldgrenzen  sind  mit  feinen  Goldstrichen  wiedergegeben.  Jede  Stadt-  oder  Landschaftsdarstellung ­
  weist  auch  eine  32teilige  bunte  Windrose  auf  wie  die  Landkarten.  Der  Rahmen  dieser  Bilder
ist  in  Gold  und  Rot  gehalten.
Gundlach  hat  auf  die  Herstellung  dieser  Bilder  unendlichen  Fleiß  verwendet.  Bei  seiner  Vorliebe  für
saubere  Ausführung  winzigster  Kleinigkeiten  läßt  er  es  sich  nicht  verdrießen,  die  ohnehin  nur  millimeterhohen ­
  Häuser  einer  Stadt  auch  noch  mit  zahlreichen  Fenstern  zu  versehen.  Was  dieser  eher
kindlichen  Darstellungsweise  aber  Leben  gibt,  das  sind  die  Farben,  in  den  meisten  Fällen  wohl  der
einzige  echte  Originalbeitrag  Gundlachs:  denn  von  den  47  Bildern  von  Städten  und  Landschaften
finden  sich  nicht  weniger  als  42  in  den  Städtebildern  von  Braun-Hogenberg.  Auch  drei  der  bei  Gundlach
abgebildeten  Einzeldenkmäler  finden  wir  bei  Braun-Hohenberg,  nämlich  die  drei  Detailwiedergaben
von  Denkmälern  in  Granada.
            
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