Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 20 (N.F.) (XX=56)

Die  Anfänge  des  Claude  Lorrain

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Jan  Both,  Asselijn,  Bereitem  und  ebenso  Swanevelt,  zum  Vorbild  wurde.  „Campo  Vaccino“  und  ,,Le
Bouvier“  können  nicht  mehr  als  Früh  werke  im  eigentlichen  Sinne  angesprochen  werden.  Sie  fußen
zwar  auf  jenen,  fassen  aber  deren  Errungenschaften  in  eine  Form,  die  für  mehr  als  ein  Jahrzehnt  Claudes
weiteres  Schaffen  bestimmen  sollte.
Die  neue,  plastischere  Darstellung  von  Figuren,  die  deren  Funktion  in  der  Landschaft  bewußt  macht,
wie  sie  in  der  „Herde  an  der  Tränke“  und  im  „Campo  Vaccino“  auffällt,  zeigen  auch  Radierungen,
deren  Komposition  noch  altertümlich,  diagonal  und  vielgliedrig  ist,  wie  der  „Aufbruch  der  Herde“
(„Le  Depart  pour  les  champs“,  R.  D.  16  -  Blum  15;  Friedlaender,  Abb.  S.  129)  und  der  „Zeichner“
(„Le  Dessinateur“,  R.  D.  9  -  Blum  14) 208 .  Sie  sind  als  Übergangswerke  zu  bezeichnen.  Im  landschaftlichen ­
  Aufbau  erinnern  sie  an  Bril,  die  zweite  mit  dem  Hafen  auch  an  Tassi.  Bemerkenswert  sind  in
ihnen  die  betonten  Gesten  der  Figuren,  die  den  Beschauer  auf  einzelne  Motive  oder  in  den  Raum,  in  die
Bewegungsrichtung  weisen,  ein  von  nun  an  häufig  verwendetes  Mittel  Claudes,  Aufmerksamkeit  zu
erregen.  Im  „Zeichner“  ist  es  zu  oft  gebraucht,  was  auf  neue  Errungenschaft  deutet.  Allgemein  ist  festzustellen, ­
  daß  nun  auch  die  menschlichen  Figuren  mit  größerer  Sicherheit  gezeichnet  sind.
Daß  Altes  neben  Neuem  fortlebt,  zeigt  auch  die  Radierung  „Schiffbruch“  („Le  Naufrage“  R.  D.  7  -
Blum  12),  die  an  den  „Sturm“  von  1630  anknüpft  und  in  ihrer  hohen  Bewegtheit  an  die  „heroischen“
Meerlandschaften  der  Frühzeit  Paul  Brils  erinnert.  Zu  dieser  Radierung,  die  abermals  ein  im  Liber
Veritatis  (fol.  33)  verzeichnetes  Gemälde  wiederholt,  sind  Studienzeichnungen  bekannt,  auf  stürmischen
Wogen  segelnde  Schiffe,  die  den  schwungvollen  malerischen  Stil  der  mittleren  Dreißigerjahre  zeigen 209 .
Kompositionsgedanken  Elsheimers,  besonders  seiner  Spätwerke  wie  der  „Morgen  im  Gebirge“  im
Herzog-Anton-Ulrich-Museum  in  Braunschweig,  leben  in  der  „Flucht  nach  Ägypten“  (R.  D.  1  -  Blum  2;
Friedlaender,  Abb.  S.  128)  fort.  Die  Heilige  Familie  zieht  im  Schutze  einer  geschlossenen  Waldkulisse,
hinter  der  sich  eine  weit  überschaubare  Landschaft  öffnet.  Auf  ähnliche  Weise  hat  Elsheimer  auch  in
seinen  zahlreichen  Tobiasdarstellungen  die  Figuren  mit  Baumkulissen  begleitet 210 .  Wegen  ihrer  Verwandtschaft ­
  mit  Elsheimer  wird  diese  Radierung  allgemein  früh  datiert.  Ihre  weite  Horizontalkomposition ­
  und  die  entschiedenen  Bewegungen  der  Figuren  weisen  aber  auf  die  mittleren  Dreißigerjahre.
Elsheimers  Einfluß  wirkt  im  Kompositionellen  bei  Claude  lange  nach,  bis  ins  Alter 211 .  Wichtig  ist  festzustellen, ­
  daß  Claude  die  Horizontalkomposition,  die  Annibale  Carracci  in  die  Landschaftskunst  eingeführt ­
  hatte,  auch  von  Werken  Elsheimers  übernommen  hat.
In  der  Art  des  „Hafens  bei  Sonnenaufgang“  von  1634  sind  die  Radierungen  „Hafen  mit  großem
Turm“  („Le  Port  de  mer  ä  la  grosse  tour“,  R.  D.  13  -  Blum  16;  Friedlaender,  Abb.  S.  130)  und  „Hafen
mit  Leuchtturm“  („Le  Port  de  mer  au  fanal“,  R.  D.  11  —  Blum  13)  komponiert.  Die  erste  stimmt  mit
dem  auf  Folio  17  des  Liber  Veritatis  wiedergegebenen  Bild  überein,  zu  dem  sich  eine  \  orzeichnung  in
den  Uffizien  befindet 212 ;  die  zweite  ist  der  Komposition  auf  Folio  4  des  Liber  Veritatis  verwandt.
Gegenüber  der  Radierung  von  1634  ist  in  diesen  Hafendarstellungen  mehr  Gewicht  auf  das  Konstruktive
der  Komposition  gelegt,  auf  technische  Einzelheiten  und  die  Figuren,  die  besonders  artikuliert  sind  -
wohl  auf  Kosten  der  landschaftlichen  Stimmung.  Diese  betont  konstruktive  Gestaltungsweise,  in
welcher  Claude  sein  perspektivisches  Können,  das  er  von  Tassi  erlernt  hat,  vor  Augen  führt,  zeigen
mehrere  der  zahlreichen  Hafenbilder,  die  er  in  diesen  Jahren  gemalt  hat 213 .
2H8 )  Dio  Radierung  „Le  Dessinateur"  ist  nach  einem  heute  im  Cincinnati  Museum  of  Art  befindlichen  Gemälde  (L.  \  .  44)  ausgeführt. ­
  Eine  friesartige,  sehr  trocken  ausgearbeitete  Zeichnung  zu  dieser  Komposition,  in  der  die  in  die  Weite  weisenden  Gesten
sinnvoller  wirken,  besitzt  das  British  Museum  (Hind  198).
20 »)  British  Museum:  Hind  4  (Abb.:  Govvans,  S.  16).  Auf  der  Rückseite  zwei  Ansichten  von  Civitavecchia.  Louvre:  Demonts  12,
13.  Ehern.  Slg.  Henry  Oppenheimer,  reproduziert  in:  The  Vasari  Society  for  the  Reproduction  of  Drawings  by  Old  Masters.
Second  Series,  Part  I,  1920,  Nr.  11  (heute  im  Museum  in  Chicago).  Vgl.  auch  L.  V.  72  und  74  und  L.  V.  III,  44.
21 °)  Weizsäcker,  Elsheimer  I,  Taf.  135  (Nr.  154),  50ff.
m )  Vgl.  Knab,  Alte  und  Neue  Kunst,  1953,  S.  158  ff.  und  dort  Anm.  52.
212 )  Das  entsprechende  Gemälde  im  Museum  in  Grenoble  ist  seitenrecht  zur  Radierung  und  vermutlich  eine  Wiederholung.
Vgl.  den  Ausstellungskatalog:  „Le  XVII”  Siede  frangais“,  Petit  Palais,  Paris  1958,  Nr.  46  (bearbeitet  von  M.  Kitson).  Die
Zeichnung  der  Uffizien  ist  locker  und  malerisch  angelegt  und  zeigt  Übertragungsspuren.  Sie  dürfte  also  auch  für  die  Radierung
benützt  worden  sein  (Inv.  1373  E;  Photo  Braun,  Nr.  933).
2n )  Siehe  L.  V.  6.  14,  19,  28-31  ;  ferner  Vallery-Radot  (zit.  Anm.  180),  PI.  64:  in  dieser  Hafenzeichnung  des  British  Museum
(Hind  257)  schließt  ähnlich  wie  in  der  Radierung  „Le  Port  de  mer  au  fanal“  ein  Schiffsheck  die  offene  Seite  der  Komposition
ab:  eine  frühe  Form  symmetrischer  Kompositionsgestaltung  bei  Claude,
            
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