Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 20 (N.F.) (XX=56)

Die  Anfänge  des  Claude  Lorkain  129
sturmlandschaften  auf  den  Folii  72  und  74 188 .  Maßgebend  für  die  Eintragung  war  jeweils  der  Zeitpunkt
des  Verkaufes,  nicht  der  der  Entstehung.  So  ist  aber  auch  zu  verstehen,  daß  manche  späteren  Gemälde
nicht  aufscheinen,  weil  sie  Claude  eben  nicht  hergab.  Dazu  zählt  die  Landschaft  mit  Schafhürde  in  der
Galerie  der  Akademie  der  bildenden  Künste  in  Wien,  die  er  seinem  Neffen  Giuseppe  Gellee  vermacht
hatte,  und  auch  das  dal  naturale  in  der  Vigna  Madama  gemalte  Bild,  von  dem  Baldinucci  und  Pascoli
berichten  und  um  das  sich  Papst  Clemens  IX.  vergebens  bemüht  hatte 189 .  Insofern  war  der  Liber  Veritatis
  auch  tatsächlich  eine  Hilfe  gegen  Plagiate,  natürlich  nur  für  den  Meister  selbst.  Kriterium  im
modernen  Sinne,  um  Fälschungen  einwandfrei  zu  erkennen,  konnte  er  freilich  nicht  sein.  Das  haben
Kitson  und  Röthlisberger  ausführlich  dargelegt.
Dem  zuvor  besprochenen  Blatt  des  Ashmolean  Museums  ist  zeichnerisch,  besonders  im  kleinteiligen
Kräuselduktus,  eine  Ruinenlandschaft  mit  einem  Fluß  und  einem  Ziegenhirten  auf  Schloß  Chatsworth
verwandt,  eine  der  vollendetsten  und  stimmungsreichsten  frühen  Kompositionszeichnungen  Claudes
(Inv.  875.  Feder,  mit  Bister  laviert,  215:280).  Ihre  Motive,  auch  die  Säulentrümmer,  tauchen  in  einem
frühen  Gemälde  auf  Schloß  Windsor  wieder  auf,  das  unter  dem  Namen  ,,Der  Zeichner“  bekannt  ist
(Abb.  186)™°.
Zuletzt  sei  noch  eine  Zeichnung  des  Ashmolean  Museums  in  Oxford  angeführt,  eine  Landschaft  an
einem  See  mit  einer  Mühle,  die  eher  als  Naturstudie  anmutet  (Parker  415.  Feder  und  Pinsel  mit  Tusche,
142:199;  Abb.  164).  Das  unscheinbare  Motiv  und  die  gleichmäßig  ruhige  Stimmung  erinnern  an  Werke
Swanevelts.  Die  Zeichnung  wurde  auch  stets  als  Naturstudie  angesehen,  und  niemand  scheint  bisher
bemerkt  zu  haben,  daß  sie  in  der  bekannten  Radierung  „Tanz  am  Wasser“  (R.  D.  6  -  Blum  19;  Abb.  165)
und  dem  gleichnamigen  Gemälde  der  Sammlung  Edgar  Kaufmann  in  New  York  verwendet  wurde 191 .
Bild  und  Radierung  zeigen  die  Landschaft  im  Vordergrund  geöffnet,  um  Platz  für  die  Figuren  zu  geben,
die  auf  der  Zeichnung  noch  fehlen.  Es  fällt  auf,  daß  die  Zeichnung  seitenrecht  zur  Radierung  und
seitenverkehrt  zum  Gemälde  ist,  anstatt  umgekehrt.  Das  mag  in  diesem  Falle  bedeuten,  daß  die  Zeichnung ­
  ein  sehr  frühes  Stadium  der  Komposition  darstellt,  sozusagen  deren  Naturvorbild,  aus  dem  diese
nach  allerlei  Umgestaltungen,  wozu  auch  die  von  Claude  gerne  erprobte  Seitenverkehrung  gehört,
hervorgewachsen  ist.  In  der  Zeichenweise  steht  das  Blatt  der  Waldlandschaft  mit  den  Drei  Grazien  im
Teyler  Museum  nahe  (Hind,  PI.  22).  Es  bestätigt  von  neuem  den  genetischen  Zusammenhang  von
Naturstudium  und  Komposition  im  Schaffen  des  Claude  Lorrain 192 .
Radierungen
Radierungen  stehen  Zeichnungen  arbeitstechnisch  näher  als  Gemälde.  Deshalb  seien  sie  vorausgenommen. ­
  obwohl  nach  der  Zeichnung  von  1627  das  nächstälteste  datierte  Werk  des  Claude  Lorrain
ein  Gemälde  ist,  und  obwohl  seine  Radierungen  nicht  selten  wiederholen,  was  er  vorher  gemalt  hat.
188 )  Ebenso  die  in  den  frühen  Vierziger]ahren  anzusetzende  Hafenlandscbaft  auf  Folio  130,  wo  sie  zwischen  1653  und  1654
datierten  Kompositionen  liegt  (Abb.  in:  The  Burlington  Magazine,  Vol.  97  London  1955,  S.  237,  PI.  VII).
189 )  In  Claudes  Nachlaß  befanden  sich  154  Bilder,  Zeichnungen  und  Stiche,  darunter  21  gerahmte  Gemälde.  Diese  Bilder  dürften
kaum  alle  während  der  letzten  Jahre  entstanden  sein,  da  Claude  das  Malen  schon  sehr  beschwerlich  war.  Siehe  Ferdinand  Boyer,
Les  Inventaires  apres  deces  de  Nicolas  Poussin  et  de  Claude  Lorrain,  in:  Bulletin  de  la  Societe  de  1  Histoire  de  1  Art  fran^ais,
Paris  1928,  S.  152  ff.  -  Die  Landschaft  mit  Schafhürde  in  der  Akademie  der  bildenden  Künste  in  Wien  trägt  auf  der  Rückseite
folgende  von  der  Originalleinwand  kopierte  Aufschrift:  jo  clauio  Gellei  essendo  morto  il  Signore  Caussei  lascio  questo  quadro  al
mio  nepote  Giuseppe  Gellei  per  kauere  di  me  memoria  Roma  1680  Iber.  Die  darauf  bezügliche  Testamentsstelle  lautet:  A  di  13  feb.
1682.  Claudio  Gellee  del  defunto  Giovanni  di  Sciamagne  in  Lorena  sano  faceva  un  codicillo  nel  quäle  ammentova  il  lascito  a  Giuseppe
Gellee  figlio  di  Melchiorre  piu  un  quadretto  con  pecorelle.  Abitava  all’  arco  de  Greci  presente  Giacomo  Zimet  jrancese,  Martino  Fostier
fiammingo  e  G.  B.  Larmour  fiammingo.  Siehe  Pattison,  S.  205,  und  Ludwig  Münz,  Akademie  der  bildenden  Künste  in  Wien,
Katalog  und  Führer  durch  die  Gemäldegalerie,  II.  Teil,  Wien  1955,  Nr.  51.  Der  Zusammenhang  zwischen  Bildaufschrift  und
Testament  war  bisher  nicht  bekannt.
i9 °)  Richard  Earlom  hat  die  Zeichnung  im  sogenannten  3.  Teil  des  Liber  Veritatis  auf  Folio  85  radiert.
191 )  Siehe:  Sterling,  S.  48,  Nr.  35,  Taf.  XIV.  -  French  Painting  1100-1900  (Ausstellungskatalog),  The  Carnegie  Institute,
Pittsburg  (Pennsylvania)  1951.  PI.  61.  Das  Gemälde  (Öl  auf  Leinwand,  74:99  cm)  befand  sich  im  18.  Jh.  in  den  Sammlungen
John  Barnard  und  Dr.  Mead.
192 )  Die  in  meinem  Aufsatz  in  „Alte  und  Neue  Kunst“  (1953)  als  Frühwerke  Claudes  besprochenen  Zeichnungen  der  Albertina
„Hafenlandschaft“  und  „Bachlandschaft“  (Inv.  11.519,  11.512;  Abb.  1,  3)  stammen  von  anderer  Hand  (van  de  Velde-Kreis
und  Swanevelt).  Ebenso  die  bereits  unter  Anm.  177  erwähnte  Zeichnung  des  „alten  Hafens  von  Marsedle“.

Jahrbuch  60

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