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224. Leonhard Kern, Kreuzgruppe. Wien, Kunsthistorisches Museum, Geistliche Schatzkammer
de France angelegten, zurückverfolgen. Ältere Inventare der Schatzkammer wurden leider anläßlich der
Neuordnung der Sammlungen unter de France vernichtet. Diesem Inventar zufolge waren von den drei
Elfenbeinreliefs, welche die Beweinung Christi darstellen, die beiden figurenreichcren im Hauptkasten
der Geistlichen Schatzkammer, der so gebaut war, daß er im Bedarfsfall auch als Altar verwendet werden
konnte, aufgestellt; an die Stelle des Retabels trat nämlich dann die dicht mit Reliquiaren und Kunst
werken religiösen Inhalts geschmückte Schauwand des hohen Kastenaufbaues: „Nr. (118) Rechter hand
in dem seithenkasten dieses altars folgende von helfenbein künstlich erhoben geschnittene bilder, nemlich
in der mitte die grablegung Christi, . . .“ bzw. „Nr. (119) Linker hand in dem seithenkasten dieses altars,
gleichfalls von erhoben geschnittenen helfenbein, die grablegung Christi; . . ,“ 7 . Das dritte der Stücke
war, von den beiden verwandten getrennt, im Untersatz eines der Kästen deponiert: „In dem unteren
theil des Kastens no V: (1) Ein bild von helfenbein: der todte leichnam Christi mit Maria und Magdalena,
in einer glatten rahm von ebenholz“ 8 . Diese verhältnismäßig ausführliche Beschreibung gestattet es, das
eben geschilderte Werk mit dem einfachsten der drei Grablegungs-Reliefs in Verbindung zu bringen.
Leider ist der beschriebene Rahmen aus Ebenholz nicht mehr erhalten. An seine Stelle trat vermutlich im
19. Jahrhundert eine nicht sehr günstig profilierte Kassette aus Mahagoniholz (Abb. 225). Durch diese
genaue Beschreibung sind wir aber auch in der Lage, die beiden reicheren szenischen Darstellungen der
Beweinung Christi, die anscheinend in originalen Kassetten erhalten sind, mit den beiden ausgestellten
Stücken desselben Themas gleichzusetzen (Abb. 226, 227). Diese Aufteilung der drei Werke, die Isolierung
der knappen Komposition und die Zusammenstellung der szenenreicheren, ist bei ihrer letzten Aus
stellung 1891 in der Sammlung der kunstindustriellen Gegenstände, den späteren Sammlungen für
Plastik und Kunstgewerbe im Kunsthistorischen Museum, wiederzufinden. In dem im gleichen Jahre, dem
der Eröffnung des Kunsthistorischen Museums, erschienenen Führer durch die Sammlung finden wir alle
drei Werke im Saal XXII, in welchem dem damaligen Aufstellungsprinzip folgend die Arbeiten aus
Elfenbein untergebracht waren. Allerdings sind wieder die beiden großen Beweinungen in derselben
7 ) fol. 21 22. Jb. XVI, S. XI. (Die Abkürzung Jb. betrifft das Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, die
folgende römische Ziffer bezeichnet die Bandzahl.)
8 ) fol. 103’. Jb. XVI, S. XXIV.