Full text: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 17 (N.F.) (XVII=53)

ZU LEONHARD KERN — NEU GEFUNDENE WERKE SEINER HAND 
VON HERMANN FI LUTZ 
Die grundlegende Arbeit über Leonhard Kern als Kleinplastiker hat, vor nunmehr fast 40 Jahren, 
Christian Scherer veröffentlicht 1 . Im Anschluß daran ist vornehmlich in der Zeitschrift Belvedere eine 
Folge von Aufsätzen namhafter Gelehrter erschienen, die das Oeuvre des Künstlers durch neue Funde, 
bzw. Neuzuschreibungen bereicherten 2 . Sie alle haben auch die Fragen der künstlerischen Herkunft des 
Meisters und seine Beeinflussung erörtert, wobei auf den italienischen Manierismus, auf die flämische 
Kunst um Rubens, bzw. auf die klassische Kunst der deutschen Renaissance als Wurzel für Kerns Stil 
verwiesen wurde. Seither ist es, wenn wir von den fallweisen Katalogbearbeitungen, von Auktionskatalogen 
und ähnlichen Publikationen, in denen des Künstlers Name aufscheint, um die Person Leonhard Kerns 
wieder stiller geworden, obwohl er zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern des Frühbarock gehörte 
und zu seinen Lebzeiten weit über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus berühmt war 3 . Nicht zufällig 
ist es wohl, daß Sandrart in seiner „Teutschen Akademie“ ihn gleich hinter Georg Petel rangiert, Die 
Verbreitung, die Kerns Arbeiten gefunden haben, spricht ebenfalls für die hohe Einschätzung seines 
Könnens bei Kennern und Sammlern seiner Zeit. An allen bedeutenden Fürstenhöfen, bei Vornehmen und 
Reichen befanden sich Werke seiner Hand. So darf es denn nicht wundernehmen, daß auch in den einst 
mals habsburgischen Kunstsammlungen eine stattliche Zahl der Arbeiten Kerns anzutreffen ist, die zum 
Teil durch das bekannte Monogramm des Meisters und anderseits durch einwandfreie stilistische Beweise 
für ihn beansprucht werden konnten 4 . Diesem Oeuvre können nun aus der Geistlichen Schatzkammer 
einige weitere Werke zugefügt werden. Sie sind, soweit ich sehe, deshalb von besonderem Interesse, 
weil sie uns den Meister von Seiten zeigen, die durch schriftliche Quellen als sein Schaffensbereich zwar 
bekannt sind, aber noch nicht durch sichere Arbeiten seiner Hand belegt werden konnten. Es handelt 
sich um eine Kreuzigungsgruppe 5 und drei Reliefs, die, kompositioneil weitgehend übereinstimmend, 
die Beweinung Christi 6 zum Thema haben. 
Alle genannten Werke lassen sich in der Geschichte der Sammlungen bis zum ältesten Inventar der 
Geistlichen Schatzkammer, nämlich dem im Jahre 1758 unter der Generaldirektion des Joseph Angelo 
i) Christian Scheuer. Leonhard Kern als Kleinplastiker. Jahrbuch der Preuß. Kunstslgn., 3i. Bd.. Berlin 1916. S. 302ff. Dcis., 
Elfenbeinplastik seit der Renaissance. Monographien des Kunstgewerbes VIII. Bd., Leipzig o. J. (1905). 8. 51 ff. 
•) Ludwig Bald ASS, Zum Werke des Leonhard Kern. Belvedere, Bd. III, Heft 7/8, Wien 1923, S. 8 ff. - Max Sauerlandt, 
Unveröffentlichte Arbeiten von Leonhard Kern und seiner Schule. Belvedere, Bd. V. Heft 19, Wien 1924, S. 50ff. Morton 
H. Bernath, Zu Leonhard Kern. Belvedere, Bd. IX/X, Heft 1, Wien 1926, S. lf. 
3 ) «eit dem von J. Müller in Thieme-Beckers Künstlerlexikon, Bd. 20, Leipzig 1927, zusammengestellten Literaturverzeichnis 
ist m. W. außer Einzelpublikationen von neu gefundenen Werken Kerns und dem im folgenden noch zu zitierenden Passus über 
den Meister bei Feulner-MÜller, Geschichte der deutschen Plastik, keine grundsätzliche Äußerung über Kern publiziert worden. 
4 ) Julius v. Schlosser, Werke der Kleinplastik in der Skulpturensammlung des Ah. Kaiserhauses, II. Bd., Bildwerke m Holz, 
Wachs und Elfenbein, Wien 1910, Taf. XLIff — Leo Planiscig und Ernst Kris, Katalog der Sammlungen für Plastik und 
Kunstgewerbe des Kunsthistorischen Museums, Wien 1935, S. 129 und 131. 
0) Christus, 363 mm hoch, Inv.-Nr. E 45. — Die beiden Schächer, 330 mm, bzw. 355 mm hoch, Inv.-Nr. E 4. — Alle drei Figuren 
Elfenbein, auf Mahagonikreuzen. Christus ist an das Kreuz genagelt, die beiden Schächer sind mit Schnüren festgebunden. Abb. 224. 
6) a) Beweinung Christi mit Maria und Maria Magdalena, 265 x 222 mm. Aus drei Elfenbeinplatten, aufgesetzt auf Mahagoniholz. 
In einer Kassette aus Mahagoniholz. Inv.-Nr. D 206. Abb. 225. — b) Beweinung Christi mit 9 Begleitfiguren. Links lmieender Mann 
mit langem Vollbart, dahinter Jüngling mit verschränkten Händen. Ihm folgen (nach rechts) ein älterer Mann und eine Frau mit 
gefalteten Händen; weiter weibliche Gestalt mit erhobener Rechten, während die Linke ein Tuch zum Auge führt; Mann mit 
Turban (Joseph von Arimathäa?); Maria und Johannes; zu Füßen Christi kniet Maria Magdalena. 402 x 245 mm. Aus sechs 
Elfenbeinplatten, aufgesetzt auf Ebenholz. In einer braun gestrichenen Holzkassette (458.x 311 mm). Inv.-Nr. D 198. Abb. 226. - 
c) Beweinung Christi mit 11 Begleitfiguren. Links lmieender Mann mit kurzem Vollbart, dahinter Gruppe zweier Männer und 
einer Frau der Jüngling hält die drei Kreuzesnägel. Es folgt Maria Magdalena mit gefalteten Händen; Gruppe zweier Frauen; 
schließlich Maria und Johannes. Zu Füßen Christi sind ein bärtiger Mann und eine Frau mit dem Überziehen des Leichentuches 
beschäftigt. 410 x 225 mm. Aus fünf Elfenbeinplatten, aufgesetzt auf Ebenholz. In einer braun gestrichenen Holzkassette 
(465 x 288 mm). Inv.-Nr. D 197. Abb. 221.
	        
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