Karl Oettinger
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ten: dennoch ergibt unser Vergleich keine Berührung. — Anders steht es uni 1509—1511: Hier sind offensichtlich
Zusammenhänge gegeben. Hubers Pariskomposition von 1509 (Abb. 124) steht neben Altdorfers
Ölbergzeichnung 71 aus dem gleichen Jahr. Gemeinsam ist den beiden Meistern da der hohe und weite
Raum, die romantische Waldkulisse, die Tendenz zur Tiefenweite, die Disposition der Figuren in den
Vorder- und Mittelgrund und die Freude an den mantegnesken Scorzi der liegenden Gestalten. Besonders
der Petrus ist dem Paris hierin ähnlich genug, und auf dem unecht, doch überzeugend 1510 datierten
Wiener Wilde-Leute-Blatt 72 kehrt bei dem Erschlagenen sein Motiv noch einmal wieder. Aber es ist auffällig,
daß die Verkürzung Huber hier schon so selbstverständlich gelingt wie bei späteren Wiederholungen
(Pyramuszeichnung, ehemals Bremen, von 1515, Johanneszeichnung Frankfurt 1518), während Altdorfer
zweifellos, bei den Ölbergaposteln wie bei dem Wilde-Leute-Toten, mit dem Perspektivischen
kämpft und anatomisch nicht überzeugt.
Auch die neue Raumdisposition der Figuren in Hubers Pariszeichnung, die Kreisanordnung, die Vorderund
Mittelgrund verbindet, ist bei dem Ölberg Altdorfers nicht ganz gelöst. Was Huber in raschen
Schritten mit dem Jüngsten Gericht in London von 1510 noch kühner und tiefer gestaltet und mit der
Berliner Kreuzigung von 1511 schon zu einem neuen, steigernden Raumtiefen verfahren weiterentwickelt
— das übernimmt Altdorfer erst 1511 bei der Sebastiansmarter 73 in Braunschweig und bei der Vorhölle
von 1512 74 in Oxford. Er beschränkt aber auch da die Tiefe der Bühne gegenüber Huber beträchtlich.
Offensichtlich ist er hier der Nehmende. Der Soldat hinter Sebastian mag sehr wohl auf den Lanzenträger
der Berliner Kreuzigung zurückgehen.
Unser Vergleich der Beschriftungsanordnung 75 beider Meister ergab, daß Huber schon 1505 das Datum
in die Himmelszone setzt und sich von da ab bei dem Parisurteil von 1509 und den folgenden Blättern
hierin immer treu bleibt; daß sich dagegen bei Altdorfer 1509 in diesem Punkt ein Bruch vollzieht. Die
Beschriftung in der Sockelzone am Boden, bei Altdorfers Zeichnungen von 1506—1508 festgehalten,
wird erst von dem Ölberg von 1509 an bis 1512 konsequent in die Himmelszone versetzt. Ebenso hat er bis
1508 bei allen Helldunkelzeichnungen die Beschriftung in Schwarz geschrieben. Erst 1509 gibt es Weiß-Beschriftung.
Besteht also in diesem Punkt ein Zusammenhang, so ist Huber hierin das Vorbild für die
neue Datierungsform Altdorfers gewesen.
All dem entspricht aber, daß sich auch im Stil der Zeichnungen bei Altdorfer zwischen 1508 und
1509 ein Bruch erkennen läßt. Alle Blätter von 1508, ob Federzeichnungen oder Helldimkelzeichnungen,
beschränken sich im Raum auf eine Nah- und Mittelzone, die durch walzenhafte und säulenhafte Gestalten
und Bäume beherrscht wird. Schlagartig erscheinen dagegen bei dem Ölberg und der Berliner
Margareta über dem Teufel von 1509 Tiefenfernsichten, und zwar zugleich mit den mantegnesken Scorzi,
die Altdorfer bis dahin nicht kennt. Wieder ist dieser Tiefenzug bei Huber schon vorher, in der Landschaft
von 1505, als das zentrale Anliegen postuliert. Auch in diesem Belang müßte, wenn eine Einwirkung
angenommen wird, also Huber der Gebende und für Altdorfers Wendung von 1509 Anregende sein.
Dasselbe Ergebnis ermöglicht Altdorfers Parisholzschnitt von 1511. Offensichtlich geht er sowohl von
Cranachs Holzschnitt von 1508 als von Hubers Zeichnungskomposition von 1509 aus. Von letzterem
stammt die frontale Göttin im Mittelgrund mit der nach unten weisenden Hand und die in die Tiefe
gestaffelte Kreisanordnung, die im Räumlichen so weit über Cranach hinausgeht. Denkt man sich Altdorfers
Vorzeichnung zu dem Holzschnitt im Spiegelbild, dann werden diese 1 luberelemente noch deutlicher.
Etwa gleichzeitig wird mit Recht die Berliner Helldunkelzeichnung Altdorfers mit dem toten
Pyramus um 1511 datiert 76 . Auch hier ist das ganze Motiv huberisch genug, bis in die Beinstellung des
Liegenden hinein; und zum Überfluß kehrt in gleicher Position vorn links der leuchtende Rhombenstein
von Hubers Parisblatt 1509 mit den feinen, weißen Gräsern wieder.
Diesen leuchtenden Zauberstein und die Grashalme um ihn finden wir auch bei einem Karlsruher
Georg 77 von 1511, wo durch Hubers Pariskomposition von 1509 auch der Baum links mit seinem hängen-71
) Winzinger, Nr. 13.
72 ) Winzinger, Nr. 24.
73 ) Winzinger, Nr. 26.
74 ) Winzinger, Nr. 37.
75 ) Oettinger, a. a. O., S. 23, 27, 36.
7e ) Winzinger, Nr. 27 (Farbtafel).
”) Becker, Nr. 148, sieht eine gewisse Verwandtschaft zu der Parisszene, jedoch auch stilistische Unterschiede. Winzinger (bei
Nr. 139, S. 104) schreibt das Blatt dem Meister der Vita Friderici zu.