Zu Wolf Hubers Frühzeit
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Das Jüngste Gericht von 1510 scheint dagegen auf einen dritten Meister hinzudeuten, der für Wolf
Huber schon in diesem Zeitpunkt bedeutsam geworden ist. Für die Hinmielsvision des Richters über dem
Regenbogen und seines Gefolges ist uns weder in der italienischen, noch in der deutschen Malerei des
späteren 15. und des frühesten 16. Jahrhunderts eine überzeugende Vorform bekannt, Die geisterhaft
in den Wolken schwimmenden kleinen Figuren im unendlich weiten Raum finden sich aber bei Hieronymus
Bosch. Eine Anregung von dieser Seite halten wir für möglich, so sehr zu betonen ist, wie ganz auch
diese Anregung schon in Wolf Hubers eigene Gestaltung überführt sein müßte — und wie erstaunlich
weit diese in Spätmanierismus und Spätbarock vorausdeutet. Boschs Frühwerk des Jüngsten Gerichts
in der Wiener Akademie 68 gibt das Gerichtsmotiv noch symmetrisch, aber das Verhältnis von Raum,
Himmel und Erde ist ähnlich. Es wäre in diesem Zusammenhang zu prüfen, wie weit auch die Typenverwandtschaft
vieler Huber-Gestalten mit Bosch (zumal bei der Wiener Kreuzaufrichtung, den Passionsszenen
in München und St. Florian und den Kopfstudien von 1522) eine solche Berührung stutzen konnte.
Scheint doch auch für Hubers Landschaften Bosch in vielem vorwegnehmend 69 . Dabei wäre jedoch zu
bedenken, ob für die letzteren Zusammenhänge nicht auch eine spätere, vielleicht neuerliche Berührung
mit der niederländischen Landschaftskunst der Bosch-Patinierlinie stattgefunden haben könnte.
Cranach, Mantegna und vielleicht Bosch sind danach die großen Anreger für Hubers Fruhzeit. Uber
seinen eigentlichen Lehrmeister ist damit nichts ausgesagt. Ob er die entscheidende Schulung noch m
Südwestdeutschland erhielt oder erst in dem bayerisch-österreichischen Inngebiet, in welchem er sich
als Meister niederließ, bleibt noch offen. Doch scheiden nach unserer Altersbestimmung die von Wemberger
zitierten Salzburger Maler um 1510—1515, Gordian Guckh, der Meister von Mühldorf und der
Passauer Hans Pruckendorfer aus. Sie sind Zeitgenossen und zum Teil wohl selbst schon von Huber berührt
wenn sie uns vor Augen treten. Hubers Lehrer müssen um oder gar vor 1500 auf ihrer Höhe
gewesen sein und zumindest der Generation Holbein d. Ä„ Strigl, Mair von Landshut oder Frueauf d. J.
angehört haben.
Altdorfer und Huber um 1509 — 1511
Die neue Vorstellung von Hubers Frühzeit und seiner Altersstellung gegenüber Altdorfer, die höchstens
einen sehr geringen Geburtsvorsprung zugunsten Altdorfers wahrscheinlich macht, erfordert eine l beiprüfung
ihrer Beziehungen zueinander.
Hubers Brückenlandschaft von 1505 (Abb. 130) und die Landschaft auf Altdorfers New Yorker Snnson-Blatt
von 1506 70 erweisen sehr verschiedene Raumgesinnung. Bei Altdorfer wird die Landschaft durch
den steigenden Boden und die abschließende Querstellung der Bergkulisse bestimmt: eben einer Abschlußkulisse,
die den Blick des Beschauers aufhält. Licht und Schatten dienen einer malerisch-illusionistischen
Schilderung, die mit der Feder oder mit Deckweiß in gleicher Weise atmosphärisch reizvoll
belebt. „ . ,
Hubers Landschaftszeichnung ist nach Erfindung und Technik grundanders. Man kann ihren Strich
und zumal die schweren Konturen und Schraffierungen des Vordergrunds ungeschlacht nennen; von
Licht -Schatten -11 lusion, von vibrierendem Leben ist in den Architekturen nichts zu finden. Aber sein
Genius ist bei dem Tiefenschwung in die Weite hinein schon zu spüren. Die Staffelung bei den r l urmen
und den Zaunstangen, der Sprung über Brücke und See bis zu den sich nach links immer weiter zuruc <-ziehenden
Bergsilhouetten: das ist schon über allen Kulissenabschluß hinaus, ebenso wie die Entscheidung
zur Landschaftszeichnung als Typus schon gefallen ist und wie die Jahreszahl in der Himmelszone als
kompositorisches Herzmotiv schon feststeht.
Zu diesem Zeitpunkt ist zwischen den beiden Meistern keinerlei künstlerischer Kontakt ersichtlich;
und erst recht von einer Ableitung Hubers von Altdorfer kann keine Rede sein. So deutlich Altdorfers
Landschaftskulisse von Cranach und seinen Burgenmotiven herkommt (dem ja das Berliner Liebespaar
von 1504 seit alters her zugeschrieben worden war) und wiewohl wir doch auch für Hubers Landschatt v on
1505 eine Beziehung zu Cranach, wenn auch nur zu den Holzschnitten um 1505/06, zu erkennen glau >
68 ) Baldass, Hieronymus Bosch, Wien 1943, Taf. 58—60; vgl. auch Taf. 31.
•») Vgl. z. B. Baldass, a. a. O., Taf. 68, 69, 72, 97.
,0 ) European Drawings of tlie Metropolitan Museum of Art, New \ ork, 194 7.
Feder, weiß gehöht, auf braun grundiertem Papier, 171 X 120 mm, signiert,
Vol.II T. 17; Oettinger, a. a. O., S. 43,
1506 datiert. Nicht bei Winzinger.
47, Nr. 53.
Jahrbuch 53