Karl Oettinger
96
Geißelungsstich der Mantegnawerkstatt 63 gewonnen haben. Das Motiv der Schergenfigur ganz rechts als
Flügelgestalt ist dem Flügelmann der Kreuzigung von 1511 gemäß. Auch zeigt der Geißler dieses Kupferstiches
links den zurückgeworfenen Kopf, dem man in die Nasenlöcher sieht, und sein derber, breitknochiger
Typus mit dem offenen Mund und dem kubischen Schädelbau gehört in den Stammbaum
vieler ähnlicher Hubermotive. Von diesen Mantegna-Blättern her wird ebenso die Quelle der Korrekturen
sichtbar, die Huber bei seiner Parisszene an dem Holzschnitt Cranachs vorgenommen hat. Nach Typus
und Bewegung ist die Rückenfigur vorne wie die zu Boden weisende Göttin im Mittelgrund von Mantegna
her zu verstehen.
Es scheint jedoch, als habe Wolf Huber nicht nur die Stiche Mantegnas- und mit Sicherheit zumindest
den Kreuzabnahmestich gekannt. Es spricht manches dafür, daß er in Verona und Padua gewesen
ist und den San Zeno-Altar wie die Eremitani-Fresken gesehen hat. Bei der Himmelfahrt Mariae in
Padua finden sich zwei Bewegungsmotive, die auch Huber verwendet hat: die Rückenfigur als Flügelgestalt
der Komposition, welche mit dem Arm den Pfeiler umfaßt, könnte die Anregung für den das
Kreuz umfassenden Jüngling der Kreuzigung von 1511 geboten haben, und die Gestalt, die mit der Hand
das Licht der Erscheinung von ihren Augen abhält, kommt motivisch bei dem Hirten der Joachim-Verkündigung
von 1514 wieder vor. Auch für das offensichtlich von Mantegna abstammende Liegemotiv
des schlafenden Paris bei Hubers Zeichnung von 1509 ist auf den uns bekannten Stichen nach Mantegna
oder von Mantegna kein Vorbild nachzuweisen, wohl aber auf dessen Gemälden, wie bei dem Christoph
der Eremitani-Wegschleppung oder bei dem Jakobus des heute in London befindlichen Ölbergs 04 . Auch
eine Beweinung Christi Mantegnas könnte hier das Vorbild abgegeben haben. Für den San Zeno-Altar
in Verona hat schon Weinberger eine Kenntnis Hubers sehr wahrscheinlich gemacht mit dem Hinweis
auf die Marientod-Pause in Basel 65 . Die heute in Paris und Tours befindlichen Predellen dieses Altars
sprechen ebenso dafür, daß Huber ihn kennengelernt hat. Man kann seine Kreuzigungszeichnung von
1511 alseine geniale Umsetzung von Mantegnas Pariser Kreuzigungsbühne in Cranachs Münchener Raumschema
betrachten: zu völlig neuem und Huber gänzlich eigenem Ergebnis. Die Johannesfigur dieser Kreuzigung
scheint in der Berliner Kreuzigungszeichnung von 1517 und dem zweiten Holzschnitt des lhetnas
nachzuklingen. Mantegnas Himmelfahrt Christi auf dem linkenFlügel des Florentiner Triptychons 66 nimmt
Kreiskomposition und Orantenmotiv von Hubers Jüngstem Gericht in London von 1510 vorweg. Ein
sicher mantegneskes Motiv ist bei dem Parisblatt von 1509 endlich die Bekrönungsfigur des Brunnens.
Auch Hubers blechfaltiger Gewandstil, wie ihn die Zeichnung der Frauengruppe des Kreuzigungsblattes
von 1511 schon rein repräsentiert, ist von Mantegna mit inspiriert und erhält dadurch seinen
Sondercharakter innerhalb der Donauschule. Er dient als Mittel für Hubers Linienabstraktion. Es scheint,
als ob über Stiche hinaus dafür Zeichnungen Mantegnas als Muster gedient haben. Man vergleiche das
Florentiner Judith-Blatt 67 .
Aus diesen Gründen halten wir für sicher, daß Huber schon vor 1509 die für ihn entscheidende
künstlerische Begegnung mit Mantegna gehabt hat—gewiß mit Mantegnas Stichen, wahrscheinlich aber
auch mit Malereien und Zeichnungen und demnach vermutlich auf einer Italienreise über Verona und
Padua vor jenem Zeitpunkt.
Wesentlich aber ist, daß ihn ausschließlich Werke des frühen Mantegna aus der Zeit um 1450 147U
befruchten, nicht die Mittel- und Spätwerke des Italieners von 1470 bis nach 1500. Es ist der raum-,
bühnen- und perspektive-besessene Mantegna, der allein Hubers eigenem Wesen entsprach und deshalb
gesucht wurde — also ein echter Rückgriff um ein halbes Jahrhundert. Darin enthüllt sich wieder die
souverän wählende Weise unseres Meisters: schon vor 1509.
Nichts dagegen ist in Hubers frühen Zeichnungen von irgendwelcher Mittlerschaft Michael oder
Friedrich Pachers zu bemerken. Es ist Mantegna selbst, direkt und unmittelbar, der auf ihn gewirkt
hat. Ebensowenig werden Marx Reichlich oder Jörg Kölderer (soweit diesen seine wirklich gesicherten
Werke erkennen lassen) damals für Huber als in irgendeinem Punkt anregend erkennbar. Ferner zeigt
sich keine Berührung mit den Triumphzugminiaturen. Diese gehören auf Altdorfers Seite.
63 ) Tietze-Conrat, Anhang, Abb. 45.
64 ) Tietze-Conrat, Abb. 25.
G5 ) Weinberger, Abb. 39, S. 86, 87; Tietze-Conrat, Abb. 36—42.
66 ) Tietze-Conrat, Abb. 50.
6 ’) Tietze-Conrat, Abb. 124.