Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 17 (N.F.) (XVII=53)

Karl  Oettinger

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Geißelungsstich  der  Mantegnawerkstatt 63  gewonnen  haben.  Das  Motiv  der  Schergenfigur  ganz  rechts  als
Flügelgestalt  ist  dem  Flügelmann  der  Kreuzigung  von  1511  gemäß.  Auch  zeigt  der  Geißler  dieses  Kupferstiches ­
  links  den  zurückgeworfenen  Kopf,  dem  man  in  die  Nasenlöcher  sieht,  und  sein  derber,  breitknochiger
  Typus  mit  dem  offenen  Mund  und  dem  kubischen  Schädelbau  gehört  in  den  Stammbaum
vieler  ähnlicher  Hubermotive.  Von  diesen  Mantegna-Blättern  her  wird  ebenso  die  Quelle  der  Korrekturen
sichtbar,  die  Huber  bei  seiner  Parisszene  an  dem  Holzschnitt  Cranachs  vorgenommen  hat.  Nach  Typus
und  Bewegung  ist  die  Rückenfigur  vorne  wie  die  zu  Boden  weisende  Göttin  im  Mittelgrund  von  Mantegna
her  zu  verstehen.
Es  scheint  jedoch,  als  habe  Wolf  Huber  nicht  nur  die  Stiche  Mantegnas-  und  mit  Sicherheit  zumindest
den  Kreuzabnahmestich  gekannt.  Es  spricht  manches  dafür,  daß  er  in  Verona  und  Padua  gewesen
ist  und  den  San  Zeno-Altar  wie  die  Eremitani-Fresken  gesehen  hat.  Bei  der  Himmelfahrt  Mariae  in
Padua  finden  sich  zwei  Bewegungsmotive,  die  auch  Huber  verwendet  hat:  die  Rückenfigur  als  Flügelgestalt ­
  der  Komposition,  welche  mit  dem  Arm  den  Pfeiler  umfaßt,  könnte  die  Anregung  für  den  das
Kreuz  umfassenden  Jüngling  der  Kreuzigung  von  1511  geboten  haben,  und  die  Gestalt,  die  mit  der  Hand
das  Licht  der  Erscheinung  von  ihren  Augen  abhält,  kommt  motivisch  bei  dem  Hirten  der  Joachim-Verkündigung
  von  1514  wieder  vor.  Auch  für  das  offensichtlich  von  Mantegna  abstammende  Liegemotiv
des  schlafenden  Paris  bei  Hubers  Zeichnung  von  1509  ist  auf  den  uns  bekannten  Stichen  nach  Mantegna
oder  von  Mantegna  kein  Vorbild  nachzuweisen,  wohl  aber  auf  dessen  Gemälden,  wie  bei  dem  Christoph
der  Eremitani-Wegschleppung  oder  bei  dem  Jakobus  des  heute  in  London  befindlichen  Ölbergs 04 .  Auch
eine  Beweinung  Christi  Mantegnas  könnte  hier  das  Vorbild  abgegeben  haben.  Für  den  San  Zeno-Altar
in  Verona  hat  schon  Weinberger  eine  Kenntnis  Hubers  sehr  wahrscheinlich  gemacht  mit  dem  Hinweis
auf  die  Marientod-Pause  in  Basel 65 .  Die  heute  in  Paris  und  Tours  befindlichen  Predellen  dieses  Altars
sprechen  ebenso  dafür,  daß  Huber  ihn  kennengelernt  hat.  Man  kann  seine  Kreuzigungszeichnung  von
1511  alseine  geniale  Umsetzung  von  Mantegnas  Pariser  Kreuzigungsbühne  in  Cranachs  Münchener  Raumschema ­
  betrachten:  zu  völlig  neuem  und  Huber  gänzlich  eigenem  Ergebnis.  Die  Johannesfigur  dieser  Kreuzigung ­
  scheint  in  der  Berliner  Kreuzigungszeichnung  von  1517  und  dem  zweiten  Holzschnitt  des  lhetnas
nachzuklingen.  Mantegnas  Himmelfahrt  Christi  auf  dem  linkenFlügel  des  Florentiner  Triptychons 66  nimmt
Kreiskomposition  und  Orantenmotiv  von  Hubers  Jüngstem  Gericht  in  London  von  1510  vorweg.  Ein
sicher  mantegneskes  Motiv  ist  bei  dem  Parisblatt  von  1509  endlich  die  Bekrönungsfigur  des  Brunnens.
Auch  Hubers  blechfaltiger  Gewandstil,  wie  ihn  die  Zeichnung  der  Frauengruppe  des  Kreuzigungsblattes
  von  1511  schon  rein  repräsentiert,  ist  von  Mantegna  mit  inspiriert  und  erhält  dadurch  seinen
Sondercharakter  innerhalb  der  Donauschule.  Er  dient  als  Mittel  für  Hubers  Linienabstraktion.  Es  scheint,
als  ob  über  Stiche  hinaus  dafür  Zeichnungen  Mantegnas  als  Muster  gedient  haben.  Man  vergleiche  das
Florentiner  Judith-Blatt 67 .
Aus  diesen  Gründen  halten  wir  für  sicher,  daß  Huber  schon  vor  1509  die  für  ihn  entscheidende
künstlerische  Begegnung  mit  Mantegna  gehabt  hat—gewiß  mit  Mantegnas  Stichen,  wahrscheinlich  aber
auch  mit  Malereien  und  Zeichnungen  und  demnach  vermutlich  auf  einer  Italienreise  über  Verona  und
Padua  vor  jenem  Zeitpunkt.
Wesentlich  aber  ist,  daß  ihn  ausschließlich  Werke  des  frühen  Mantegna  aus  der  Zeit  um  1450  147U
befruchten,  nicht  die  Mittel-  und  Spätwerke  des  Italieners  von  1470  bis  nach  1500.  Es  ist  der  raum-,
bühnen-  und  perspektive-besessene  Mantegna,  der  allein  Hubers  eigenem  Wesen  entsprach  und  deshalb
gesucht  wurde  —  also  ein  echter  Rückgriff  um  ein  halbes  Jahrhundert.  Darin  enthüllt  sich  wieder  die
souverän  wählende  Weise  unseres  Meisters:  schon  vor  1509.
Nichts  dagegen  ist  in  Hubers  frühen  Zeichnungen  von  irgendwelcher  Mittlerschaft  Michael  oder
Friedrich  Pachers  zu  bemerken.  Es  ist  Mantegna  selbst,  direkt  und  unmittelbar,  der  auf  ihn  gewirkt
hat.  Ebensowenig  werden  Marx  Reichlich  oder  Jörg  Kölderer  (soweit  diesen  seine  wirklich  gesicherten
Werke  erkennen  lassen)  damals  für  Huber  als  in  irgendeinem  Punkt  anregend  erkennbar.  Ferner  zeigt
sich  keine  Berührung  mit  den  Triumphzugminiaturen.  Diese  gehören  auf  Altdorfers  Seite.
63 )  Tietze-Conrat,  Anhang,  Abb.  45.
64 )  Tietze-Conrat,  Abb.  25.
G5 )  Weinberger,  Abb.  39,  S.  86,  87;  Tietze-Conrat,  Abb.  36—42.
66 )  Tietze-Conrat,  Abb.  50.
6 ’)  Tietze-Conrat,  Abb.  124.
            
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