Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

HARNfSCHSTUDlEN
VI.  STILGESCHICHTE  DES  PLATTENHARNISCHES  VON  1440—1510
VON  ORTWIN  GAMBER

Einleitung
Der  vorliegende  Aufsatz  stellt  die  Fortsetzung  eines  Artikels  mit  dem  Titel:  „Stilgeschichte  des
Plattenharnisches  von  seinen  Anfängen  bis  um  1440“  dar,  der  im  vorigen  Jahrbuchbande  (JbKhS.
Wien,  50.  Bd.,  1953,  S.  53—92)  erschienen  ist.  Er  behandelt  die  Zeit  von  der  Reife  des  italienischen
Quattrocentoharnisches  bis  zur  Entstehung  des  Harnisches  der  klassischen  Hochrenaissance  und  die
entsprechende  Entwicklung  in  den  übrigen  europäischen  Ländern  unter  besonderer  Berücksichtigung
Deutschlands.  Diese  Arbeit  ist  so  abgefaßt,  daß  sie  auch  allein  benützt  werden  kann.  Da  sowohl  die
Anzahl  zeitgenössischer  Abbildungen  als  auch  die  Zahl  erhaltener  Harnische  und  Harnischteile  in  der
zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  erheblich  angewachsen  ist,  konnte  eine  vollständige  Erfassung
des  Materials  hier  nicht  verwirklicht  werden.  Die  Auswahl  beschränkt  sich  daher  auf  zeitlich  gesicherte
bzw.  sehr  charakteristische  Bildbelege  und  die  bedeutendsten  Originale.  Von  der  gruppenmäßigen  Zusammenfassung ­
  der  Bildquellen  wurde  abgegangen,  da  dieser  Zeitraum  schon  mehr  bearbeitet  ist  und
zusammenfassende  Listen  (siehe  Literaturverzeichnis)  zum  'Peil  bereits  bestehen.
Die  Vorschläge  für  eine  Zusammenfügung  der  Einzelstücke  des  Sanctuariums  Sta.  Maria  delle  Grazie
bei  Mantua  zu  ganzen  Harnischen  erfolgten  lediglich  auf  Grund  stilkritischer  Erwägungen  und  ohne
Autopsie,  haben  daher  hypothetischen  Charakter.
Der  genaue  Wortlaut  abgekürzter  Titel  ist  im  Literaturverzeichnis  am  Schluß  der  Arbeit  zu  finden.
Mit  „Harnischstudien  VI“  ist  der  Zyklus  von  Abhandlungen  über  die  Stilgeschichte  des  Plattenharnisches ­
  —  mit  Ausnahme  der  Italiener  des  16.  Jahrhunderts  —  für  den  Zeitraum  von  1350—1600
geschlossen.
Harnisch  und  Zeitstil
Um  1440  war  der  technische  Aufbau  des  italienischen  Plattenharnisches  festgelegt,  die  Normen  für
alle  Teile  gefunden,  die  den  Bedürfnissen  nach  Schutz  und  Beweglichkeit  gleichermaßen  Rechnung
trugen.  Was  nun  in  der  zweiten  Jahrhunderthälfte  vor  sich  geht,  betrifft  nur  die  Form,  die  künstlerische
Gestaltung  des  Harnisches  im  Sinne  des  jeweils  herrschenden  Geschmacks,  aber  nicht  das  System  an
sich,  das  man  höchstens  etwas  vereinfacht.  Erst  das  letzte  Jahrzehnt  des  15.  Jahrhunderts  sollte  entscheidende ­
  Veränderungen  bringen,  welche  die  Entwicklung  des  16.  Jahrhunderts  einleiten.
Erdacht  wurde  dies  alles  in  Italien,  das  auch  weiterhin  in  diesem  Zweige  künstlerischer  und  handwerklich-technischer ­
  Tätigkeit  die  Führung  behält.  Ihm  tritt  im  Laufe  der  zweiten  Jahrhunderthälfte
Deutschland  rivalisierend  zur  Seite.  Um  1480  schlägt  der  deutsche  Plattner  sogar  schon  den  italienischen,
soweit  es  Feinheit  und  Qualität  der  Ausführung  betrifft.  Der  italienische  Harnisch  bleibt  aber  stets
Grundlage  und  Vorbild,  dem  man  die  aus  zurückliegenden  Phasen  der  Entwicklung  stammenden  und
konventionell  bewahrten  eigenen  Formen  anzupassen  sucht,  den  man  auch,  dem  nördlich-gotischen
Geschmack  folgend,  abwandelt  und  dekoriert,  Darauf  beschränkt  sich  das  wirklich  Eigenständige  und
nicht  auf  die  Erfindung  neuer  Elemente.  Ganz  ähnlich  steht  es  um  die  Länder  des  westlichen  Kulturkreises, ­
  die  allerdings  ihrer  überwiegend  romanischen  Bevölkerung  gemäß,  der  italienischen  Formgebung ­
  mehr  zuneigen,  ihre  Harnische  also  in  einer  Mischung  italienisch-renaissancemäßiger  und
nördlich-spätgotischer  Formen  bilden.  Außerdem  offenbaren  Bildquellen  dieses  Bereiches  deutlich,  daß
ein  geradezu  ungeheurer  Export  italienischer  Harnische  nach  diesen  Gebieten  stattgefunden  haben
muß 1 ,  die  zwar  dem  Geschmacke  der  Abnehmer  deutlich  angepaßt  sind,  aber  doch  in  der  Grundhaltung
italienisch  bleiben.  Die  Nachahmung  dieser  begehrten  Ware  durch  die  heimischen  Plattner  hielt  den
Kontakt  mit  den  letzten  Ergebnissen  der  italienischen  Meister  zweifellos  aufrecht.  Auch  nach  Deutschland ­
  exportierte  Italien  nachweislich 2 ,  jedoch  anscheinend  nicht  in  diesem  Umfange.  Dieses  Sichq
  Trajansteppich  (italienische  Exportharnische)  und  Caesarteppiche  (italienische  Exportharnische  und  eigene  Erzeugnisse),
Tournai  um  1455—  1460,  Bern,  Historisches  Museum,  ferner  Alexanderteppiche  (italienische  Exportharnische  und  eigene  Erzeugnisse), ­
  Tournai  1459,  Rom,  Palazzo  Doria  (Abb.  27).  -  Siehe  B.  Kurth,  Bildwirkerkunst,
2 )  1473  kauft  ein  Basler  in  Mailand  Harnische  „facte  a  la  todescha“,  1480  suchen  zwei  Mailänder  beim  Herzog  um  die  Erlaubnis
zur  Herstellung  von  Harnischen  „more  teutonico  fabricata“  an.  —  Mann,  Armour  in  Germany,  S.  86  —  88.
            
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