Studien über die Anwendung des Helldunkels in den Werken Guido Renis
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unmittelbaren Realitätswirkung jedes Motives geschaffen.
Mögen bei den nun folgenden Werken
Einzelheiten ebenso vorbereitet sein wie zum Beispiel
der Hund auf dem Venus- und Adonisbild in
Wien 12 , so bestimmt den Eindruck das Schema
der Komposition, dem sich die Figuren anpassen,
die durchgehende Bewegung, die die Einzelheiten
in sich vollständig aufnimmt, ja manchmal gar
durch Streckung der Proportionen und infolge der
durch die Kompositionslinie gezwungenen Haltung
der dargestellten Figuren einen der vorhergehenden
Phase geradezu entgegengesetzten nicht Realitätscharakter
vermittelnden Eindruck hervorruft.
(Als bestes Beispiel, die in die Diagonalkomposition
eingefügte Gestalt der Venus, Wien 13 .) Renis
Schaffen setzt also zugleich mit einem auf den Hauptlinien
festzustellenden retardierenden Moment ein.
Gar nicht das Erscheinungsbild der Carracci als
der Revolutionäre gegen die vorhergehende Generation
spiegelt sich in den Frühwerken des Meisters,
sondern gerade das traditionell Verbindende. Diese
Situation am Anfang seiner Laufbahn ist äußerst
bestimmend für sein gesamtes Schaffen. Da er an
der großen Umwälzung gerade nicht beteiligt war,
sondern erst zusammen mit der bereits durch den
Rückgriff bereicherten, also auf eine kompliziertere
Genesis zurückblickenden Stilphase der Arbeiten
für den Palazzo Farnese beziehungsweise für die Capelia Cerasi die Prinzipien der carraccesken beziehungsweise
caravaggesken Erfahrungen als etwas Vorliegendes aufnahm, haben diese Errungenschaften auch weiterhin
nie zu Rückgriffen auf die Zeit vor diesem Stilwandel, wie zum Beispiel bei Caravaggio, Anlaß gegeben,
sondern vielmehr sind seine Rückgriffe immer im Sinne seiner ersten Entwicklungsphase gerichtet.
Die kleinen Rosenkranzbilder (Bologna, San Luca) sind wohl die besten Beweisstücke dafür, daß Renis
Schaffen von einer vom carraccesken Standpunkt aus gesehen retrospektiven Richtung des dritten
Viertels der Neunzigerjahre ausgeht. Ein Gefüge von gekurvten Linien bildet die Struktur der Bilder,
während von der direkten Umsetzbarkeit des dargestellten Vorganges in der Vorstellung des Betrachters
in die Wirklichkeit, das Ziel der Bemühungen der Carracci und Caravaggios vor und um 1(195, keine
Rede ist. Vielmehr sind die Gestalten in diesem Liniennetz vergewaltigt; die Profile der Figuren, zum
Beispiel der „Verkündigung“, sind einer gezogenen Kurve des Konturs eingebunden, ein extremes
Beispiel von Renis Art des Figurenaufbaues, das im Laufe seiner Entwicklung immer wieder anzutreffen
ist (Abb. 183). Ebenso entscheidend wie dieses Phänomen der Bindung der Einzelfigur erscheint als Struktur
des Bildaufbaues die Zuordnung zweier im Gegensinn gekrümmter Linien in der Bilddiagonale, ein
Grundsatz der Komposition, der ebenso in die Zukunft wie in die Vergangenheit weist 14 . Fortschrittlicher,
*
r.
183. Guido Reni, Madonna del Rosario, Ausschnitt: Verkündigung.
Bologna. Basilica di N. Luca
12 ) Studie eines Hundekopfes (schwarze Kreide auf getöntem Papier) im British Museum.
13 ) Annibale verwendet hier die beliebte Diagonalkomposition, wie sie vor allem bei Tintoretto mehrmals angetroffen wird.
Häufig ist diese Art des Komponierens bei den Arbeiten Agostinos vor allem vor 1695 festzustellen (vgl. Heinrich Bodmer,
Die Entwicklung der Stechkunst des Agostino Carracci, Die Graphischen Künste 1939 p. 121 ff., 1940 p. 41 ff).
14 ) Der kompositionelle Aufbau der Auferstehung hat jedenfalls seine Vorstufen in der emilianesischen Malerei seit den Spätwerken
Correggios, der im Ganymed die bedeutendste Komposition dieser Art geschaffen hatte. Das Abflachen der Profile infolge
Einbindung in eine einzige Kurve des Konturs ist bei Parmeggianino (Verkündigung B 2) bereits vorhanden. Es wäre allerdings
möglich, bei dem Ausdrucksmittel des gekurvten Lineaments, das gerade in der emilianesischen Malerei überhaupt eine besondere
Rolle spielt, an eine landschaftliche Eigenheit zu denken, die eben bei Reni wie übrigens auch bei Lodovico (namentlich in den
Frühwerken wie dem Martyrium der hl. Ursula, Bologna. Pinakothek) in Erscheinung tritt. Demnach müßte auch die Bindung
an die früheren Vertreter dieser Richtung eine intensive sein, da sie den genannten Meistern als ihre Vorbilder viel mehr als
etwa Calvart erscheinen mußten.