Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

Studien  über  die  Anwendung  des  Helldunkels  in  den  Werken  Guido  Renis

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unmittelbaren  Realitätswirkung  jedes  Motives  geschaffen. ­
  Mögen  bei  den  nun  folgenden  Werken
Einzelheiten  ebenso  vorbereitet  sein  wie  zum  Beispiel ­
  der  Hund  auf  dem  Venus-  und  Adonisbild  in
Wien 12 ,  so  bestimmt  den  Eindruck  das  Schema
der  Komposition,  dem  sich  die  Figuren  anpassen,
die  durchgehende  Bewegung,  die  die  Einzelheiten
in  sich  vollständig  aufnimmt,  ja  manchmal  gar
durch  Streckung  der  Proportionen  und  infolge  der
durch  die  Kompositionslinie  gezwungenen  Haltung
der  dargestellten  Figuren  einen  der  vorhergehenden
Phase  geradezu  entgegengesetzten  nicht  Realitätscharakter ­
  vermittelnden  Eindruck  hervorruft.
(Als  bestes  Beispiel,  die  in  die  Diagonalkomposition ­
  eingefügte  Gestalt  der  Venus,  Wien 13 .)  Renis
Schaffen  setzt  also  zugleich  mit  einem  auf  den  Hauptlinien ­
  festzustellenden  retardierenden  Moment  ein.
Gar  nicht  das  Erscheinungsbild  der  Carracci  als
der  Revolutionäre  gegen  die  vorhergehende  Generation ­
  spiegelt  sich  in  den  Frühwerken  des  Meisters,
sondern  gerade  das  traditionell  Verbindende.  Diese
Situation  am  Anfang  seiner  Laufbahn  ist  äußerst
bestimmend  für  sein  gesamtes  Schaffen.  Da  er  an
der  großen  Umwälzung  gerade  nicht  beteiligt  war,
sondern  erst  zusammen  mit  der  bereits  durch  den
Rückgriff  bereicherten,  also  auf  eine  kompliziertere
Genesis  zurückblickenden  Stilphase  der  Arbeiten
für  den  Palazzo  Farnese  beziehungsweise  für  die  Capelia  Cerasi  die  Prinzipien  der  carraccesken  beziehungsweise ­
  caravaggesken  Erfahrungen  als  etwas  Vorliegendes  aufnahm,  haben  diese  Errungenschaften  auch  weiterhin ­
  nie  zu  Rückgriffen  auf  die  Zeit  vor  diesem  Stilwandel,  wie  zum  Beispiel  bei  Caravaggio,  Anlaß  gegeben, ­
  sondern  vielmehr  sind  seine  Rückgriffe  immer  im  Sinne  seiner  ersten  Entwicklungsphase  gerichtet.
Die  kleinen  Rosenkranzbilder  (Bologna,  San  Luca)  sind  wohl  die  besten  Beweisstücke  dafür,  daß  Renis
Schaffen  von  einer  vom  carraccesken  Standpunkt  aus  gesehen  retrospektiven  Richtung  des  dritten
Viertels  der  Neunzigerjahre  ausgeht.  Ein  Gefüge  von  gekurvten  Linien  bildet  die  Struktur  der  Bilder,
während  von  der  direkten  Umsetzbarkeit  des  dargestellten  Vorganges  in  der  Vorstellung  des  Betrachters
in  die  Wirklichkeit,  das  Ziel  der  Bemühungen  der  Carracci  und  Caravaggios  vor  und  um  1(195,  keine
Rede  ist.  Vielmehr  sind  die  Gestalten  in  diesem  Liniennetz  vergewaltigt;  die  Profile  der  Figuren,  zum
Beispiel  der  „Verkündigung“,  sind  einer  gezogenen  Kurve  des  Konturs  eingebunden,  ein  extremes
Beispiel  von  Renis  Art  des  Figurenaufbaues,  das  im  Laufe  seiner  Entwicklung  immer  wieder  anzutreffen
ist  (Abb.  183).  Ebenso  entscheidend  wie  dieses  Phänomen  der  Bindung  der  Einzelfigur  erscheint  als  Struktur
des  Bildaufbaues  die  Zuordnung  zweier  im  Gegensinn  gekrümmter  Linien  in  der  Bilddiagonale,  ein
Grundsatz  der  Komposition,  der  ebenso  in  die  Zukunft  wie  in  die  Vergangenheit  weist 14 .  Fortschrittlicher,

*

r.

183.  Guido  Reni,  Madonna  del  Rosario,  Ausschnitt:  Verkündigung. ­
  Bologna.  Basilica  di  N.  Luca

12 )  Studie  eines  Hundekopfes  (schwarze  Kreide  auf  getöntem  Papier)  im  British  Museum.
13 )  Annibale  verwendet  hier  die  beliebte  Diagonalkomposition,  wie  sie  vor  allem  bei  Tintoretto  mehrmals  angetroffen  wird.
Häufig  ist  diese  Art  des  Komponierens  bei  den  Arbeiten  Agostinos  vor  allem  vor  1695  festzustellen  (vgl.  Heinrich  Bodmer,
Die  Entwicklung  der  Stechkunst  des  Agostino  Carracci,  Die  Graphischen  Künste  1939  p.  121  ff.,  1940  p.  41  ff).
14 )  Der  kompositionelle  Aufbau  der  Auferstehung  hat  jedenfalls  seine  Vorstufen  in  der  emilianesischen  Malerei  seit  den  Spätwerken ­
  Correggios,  der  im  Ganymed  die  bedeutendste  Komposition  dieser  Art  geschaffen  hatte.  Das  Abflachen  der  Profile  infolge
Einbindung  in  eine  einzige  Kurve  des  Konturs  ist  bei  Parmeggianino  (Verkündigung  B  2)  bereits  vorhanden.  Es  wäre  allerdings
möglich,  bei  dem  Ausdrucksmittel  des  gekurvten  Lineaments,  das  gerade  in  der  emilianesischen  Malerei  überhaupt  eine  besondere
Rolle  spielt,  an  eine  landschaftliche  Eigenheit  zu  denken,  die  eben  bei  Reni  wie  übrigens  auch  bei  Lodovico  (namentlich  in  den
Frühwerken  wie  dem  Martyrium  der  hl.  Ursula,  Bologna.  Pinakothek)  in  Erscheinung  tritt.  Demnach  müßte  auch  die  Bindung
an  die  früheren  Vertreter  dieser  Richtung  eine  intensive  sein,  da  sie  den  genannten  Meistern  als  ihre  Vorbilder  viel  mehr  als
etwa  Calvart  erscheinen  mußten.
            
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