Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

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Günther  Heinz

Entwicklungsstufen  vom  caravaggesken  Helldunkel  angefangen  bis  zu  dem  neuen  Helldunkelstil,
der  seit  dem  Ende  der  Dreißigerjahre  ausgeprägt  erscheint,  enthalten  sind.
Reni  verließ  1595/98  das  Atelier  Calvarts,  um  in  die  Schule  Lodovico  Carraccis  einzutreten.  Es  ist  daher
verständlich,  einerseits  Calvarts  Stil,  andererseits  den  Lodovicos  in  den  Frühwerken  Renis  zu  erwarten 6 .
Bei  dem  stark  ausgeprägten  Sinn  für  die  zeichnerische  lineare  Gestaltung,  die  in  den  frühesten  Werken  auftritt
  und  die  die  Körperformen  als  dem  Linienspiel  untergeordnet  erscheinen  läßt,  kann  mit  Recht  auf  einen
Rückblick  in  der  Stilbildung  dieser  Arbeiten  geschlossen  werden.  Namentlich  erscheint  dies  so  bei  Berücksichtigung ­
  der  Grundsätze,  die  von  den  Carracci  beziehungsweise  auch  von  Caravaggio  in  den  Achtziger-  und
früheren  Neunzigerjahren  vertreten  worden  waren,  nämlich  die  neue  Auffassung  der  unmittelbaren  Umsetzung ­
  des  Naturvorbildes 7 ,  was  in  beiden  Fällen  das  intensive  Einzelstudium  zur  Folge  hatte.
Calvart,  dessen  Schaffen  von  den  Neuerungen  der  Carracci  keinen  Impuls  empfangen  hat,  zeigt  in
seinen  Werken  nach  dem  römischen  Aufenthalt  eine  Neigung  zur  Verfestigung  der  Körperformen  und
zu  breiterem  Vortrag,  der  nach  einer  Zwischenphase  in  den  Neunziger  jahren 8  schließlich  nach  der
Jahrhundertwende,  archaistische  Strömungen  bei  Versteifung  der  Komposition  und  ihrer  Glieder  erkennen ­
  läßt.  Jene  kurze  Zeit,  in  der  Calvarts  Werke  einen,  wenn  auch  nicht  wesentlichen,  venezianischen
Einfluß  verraten,  hat  in  dem  Fortschritt  der  Malerei  der  Carracci  ebenfalls  eine  besondere  Bedeutung.
Ein  dem  bei  Reni  beobachteten  Rückblick  ähnliches  Aufnehmen  von  Anregungen  aus  der  Malerei  und
Graphik  der  vorhergehenden  Jahrzehnte  des  10.  Jahrhunderts  ist  geradezu  als  eine  Antithese  zu  der
Stilstufe  des  Einzelstudiums  zu  bezeichnen.  Der  Bruch  in  der  Kontinuität  der  Hauptlinie  erfolgte  in
dem  Augenblick,  da  die  Errungenschaften,  die  das  Einzelstudium  der  Wirklichkeit  sowohl  der  Beschaffenheit ­
  der  Dinge  als  auch  der  psychologischen  Reaktionen  der  menschlichen  Modelle  allein  bewirken
konnte,  den  Höhepunkt  erreichten,  darüber  hinaus  aber  die  Durchdringung  dieser  Errungenschaften  mit
denen  der  großen  Kompositionen  der  vorangehenden  Epoche  als  Ziel  angesehen  wurde,  das  heißt,  nicht
nur  durch  die  Einzelheiten,  sondern  durch  die  Komposition  selbst  sollte  die  unmittelbare  Wirkung  des
dargestellten  Themas  als  eines  dem  Betrachter  präsenten  Geschehens  erreicht  werden.  Auf  beiden
Wegen  waren  die  führenden  Köpfe  ungefähr  zu  gleicher  Zeit  bis  zu  diesem  Punkt  vorgedrungen.  Caravaggio ­
  bereicherte  seine  Erfahrung  bei  den  Werken  der  von  ihm  überwundenen  Meister  Mittelitaliens 9 ,
während  Annibale  vor  allem  auf  die  Venezianer  zurückgriff.  Auch  bei  Lodovico  läßt  sich  im  Laufe  der
Neunzigerj  ahre  eine  stärkere  Neigung  zu  venezianischer  Malerei  feststellen,  und  zwar  nicht  zu  der
klassischen  Zeit  Tizians,  sondern  vor  allem  zur  mittleren  Zeit  Tintorettos,  wie  aus  einem  Vergleich  des
„Gastmahles  Petri“  in  San  Michele  in  Bosco  mit  Abendmahldarstellungen  Tintorettos  der  1560er  und
1570er  Jahre  (S.  Trovaso,  S.  Polo)  hervorgeht.  Agostinos  Bindung  an  die  Venezianer 10  ist  weitaus  die
stärkste,  sie  reicht  bis  in  seine  letzten  Jahre,  wobei  in  seiner  römischen  Zeit  eine  gewisse  Verfestigung  der
von  Venedig  übernommenen  Formen 11  festzustellen  ist.
Ebenso  wie  Caravaggio  in  der  Berufung  hatte  Annibale  in  der  Almosenspende,  die  eine  Fundgrube  an
Einzelmotiven  für  die  Zukunft  eben  wegen  der  mit  unerhörter  Schärfe  einzeln  durchstudierten  Modelle
bot,  eine  Manifestation  dieses  Strebens  nach  greifbarer  Gegenwart  des  Bildgeschehens  auf  der  Basis  der
6 )  Für  die  Frühwerke  vgl.  Giongo,  op.  cit.  Vgl.  auch  C.  Voi.ri:.  Guido  Reni  e  un’impresa  degli  „Incamminati“.  Paragone  1954
(57),  p.  3-12.
7 )  Walter  Friedländer,  Der  antimanieristische  Stil  um  1590  und  sein  Verhältnis  zum  Übersinnlichen,  Vorträge  der  Bibliothek
Warburg  1928/29,  p.  214ff.,  Lonohi,  Momenti  della  pittura  bolognese,  L’Archiginnasio  XXX/1935,  p.  111  ff.
8 )  Ein  in  Calvarts  Schaffen  vorher  nicht  nachweisbarer  stärkerer  Zusammenhang  mit  Venedig  macht  sich  z.  B.  in  der  Zeichnung
der  Hochzeit  zu  Kana  (British  Museum,  datiert  1591)  geltend.
9 )  Daß  es  sich  hier  um  ein  Kompositionsproblem  handelt,  beweist  die  Wiederaufnahme  der  Repoussoirfiguren  als  Basis  für  den
Bildaufbau,  wofür  reichlich  Anregungen  in  der  Malerei  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  vorhanden  waren.
*°)  Otto  Kurz,  Gli  amori  de  Carracci,  four  forgotten  paintings  by  Agostino  Carracci,  Journal  of  the  Warburg  and  Courtauld
Institute  XIV/1951.  Agostino  spielt  als  der  früheste  Vertreter  des  Venezianismus  eine  bedeutende  Rolle  gerade  in  diesen  Jahren.
Die  „amori“  bieten  die  besten  Beispiele  des  engsten  Anschlusses  an  die  Venezianer.
n )  Der  Wandel  des  Venezianismus  ist  nach  der  Übersiedlung  nach  Rom  unter  dem  Einfluß  Annibales  stark  zu  spüren.  Immerhin
bleibt  doch  eine  bedeutende  Reminiszenz,  wie  z.  B.  die  Zeichnung  einer  ruhenden  Venus  (Windsor  Nr.  2303,  vgl.  Wittkower,
The  Drawings  of  the  Carracci  in  the  Collection  of  Her  Majesty  the  Queen  at  Windsor  Castle,  London  1952)  beweist.  In  diesem
Zusammenhang  des  unter  dem  Einfluß  Annibales  „römisch“  gewordenen  immer  noch  venezianisch  angehauchten  Stiles  Agostinos
könnte  vielleicht  das  Bild  Venus  und  Amor  der  Gemäldegalerie  des  Kunsthistorischen  Museums  gehören,  das  ursprünglich  unter
dem  Namen  Lodovicos  sicher  irrtümlich  geführt  wurde  (diese  alte  Zuschreibung  bereits  von  Heinrich  Bodmer,  Lodovico  Carracci,
Burg  b.  M.,  1939  zurückgewiesen).
            
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