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H. von Hurt io uo
selben befinden sich in den Sammlungen des Kasseler Landesmuseums, wo sie sich zwar schon früher
wegen ihrer eigenartigen Mechanismen hoher Wertschätzung erfreut hatten, aber wegen des Raffinements
der Konstruktion und der Exaktheit der Werkmannsarbeit einer etwas späteren Epoche zugeschrieben
worden waren (vgl. Abb. 164 und 174). Ohne die Belegkraft der Wiener Bergkristalluhr wäre es
tatsächlich vermessen gewesen, diese Uhren dem ausklingenden 16. Jahrhundert zuzuschreiben. Übereinstimmung
in wesentlichen konstruktiven Einzelheiten hebt aber jeden Zweifel an Burgis Autorschaft
auf, speziell da Kassel der Ort ist, wo Burgi so lange gearbeitet hat und von wo auch die Nachrichten
und Urkunden stammen, daß ihm mit einem neuartigen Verfahren die Angabe von Sekunden gelungen
sei. Die Mechanismen der Kasseler Uhren stellen eine überzeugende Entwicklungsreihe von der primitiven
Löffelunruhe mit Borstenbegrenzung zu den Raffinements der Wiener Bergkristalluhr dar; sie
lassen die Gedanken Burgis rekonstruieren, die zum Kreuzschlag geführt haben.
Die dritte der neu zutage gekommenen Burgi-Uhren wurde jüngst auf Grund der vorbeschriebenen
Entdeckungen in der Reservesammlung des Wiener Kunsthistorischen Museums aufgefunden. Dr.
Reicher, der die Agnoszierung durchgeführt hat, hat sich eine eingehende Beschreibung des künstlerisch
und kulturhistorisch der Bergkristalluhr wohl ebenbürtigen Fundes Vorbehalten; er hat jedoch im
Interesse der Vollständigkeit dieses zusammenfassenden Berichtes einer Aufnahme seiner Entdeckung
zugestimmt. Die vierte, bisher unbekannte, Burgi zuzuschreibende Uhr aber wurde im Herbst 1954 vom
Direktor des Dresdner mathematisch-physikalischen Salons am Pariser Chronometerkongreß im Bilde
vorgeführt. Diese Uhr ist ihrer äußeren Ausführung nach eher als bescheiden zu beschreiben; technisch
aber erscheint sie am ausgereiftesten und wird aus diesem Gründe hier als letztes Spätlingswerk angeführt.
Burgi hat aber nicht nur technisch konstruktiv die Erfassung des Zeitablaufes verbessert und damit
die Zeitmeßkunst außerordentlich bereichert, sondern er hat auch künstlerisch architektonisch den Bau
der Uhrengehäuse im stärksten Maße befruchtet. Dieser Seite von Burgis vielseitigen Begabungen ist
die vorliegende Arbeit gewidmet.
Burgi hat zu Beginn seines Wirkens bereits einen reichentwickelten Uhr-Formschatz vorgefunden.
Die horizontalen Dosen- und fürmchenuhren des 16. Jahrhunderts sind jedem Museumbesucher vertraut.
Daneben finden sich auch - allerdings wesentlich seltener —- Globus- und Monstranzuhren.
Die letzteren dürften einem 1 yp entsprechen, der in Kaiser Karls V. Nachlaßinventar 7 als Spiegeluhr
bezeichnet wird, während die ebendort angeführte Portaluhrtype uns in keiner angenähert zeitgenössischen
Ausführung erhalten ist.
Die anspruchsvollen Uhren dieser Periode waren tragbare, d. h. nicht ortsgebundene, mit einem
Federtrieb versehene Uhren. Das Aufkommen des Federtriebes etwas vor 1500 geht vielleicht auf eine
Anregung Leonardo da Vincis zurück 8 . Peter Henlein aus Nürnberg erscheint als der erste Hersteller
von kleinen, tragbaren Dosenührchen, die sich als Mode um 1500 stark einführten. Das 16. Jahrhundert
bringt eine Verfeinerung und Bereicherung des Schmuckes aller dieser kleinen und größeren „Federzugsuhren
. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts werden alle Möglichkeiten herangezogen, welche die
Bronzebearbeitung bietet, um die Kostbarkeit der einzelnen Stücke zu erhöhen; gleichzeitig wird die
handwerkliche Kunstfertigkeit durch Einbeziehung zahlreicher astronomischer Indikationen zu unheimlicher
Überspitzung gesteigert. Man ist geneigt anzuzweifeln, ob die Mehrzahl der ursprünglichen
Besitzer die astronomische Bedeutung der Astrolabien oder des Drachenzeigers wirklich verstanden
haben. Eher erscheint es, daß der Überschwang an komplizierter Mechanik dem Wunsch der Besitzer
nachgekommen ist, damit den wenigen besonderen Förderern der Astronomie und Zeitmeßkunst es
äußerlich gleichzutun, deren wissenschaftliche Interessen die erstmalige Herstellung von astronomischen
Modellen veranlaßt hatten, um an Hand derselben den Bau des Kosmos und den Ablauf der Zeit
im Kosmos zu veranschaulichen. Die wirklichen Bahnbrecher in dieser Richtung im 16. Jahrhundert
waren Karl V., Landgraf Wilhelm IV. von Hessen, Friedrich II. von Dänemark, Erzherzog Ferdinand von
1 irol und Kaiser Rudolf II. am Hradschin. Dementsprechend haben wir bei der Beurteilung einer Uhr
dieser Epoche auch zu unterscheiden zwischen einer kleinen Anzahl wissenschaftlich bedeutender und
unter Umständen sogar bahnbrechender Objekte, die dem Entwicklungsgang der Wissenschaft angehören,
und den vielen anderen, äußerlich meist gleich erscheinenden, aber kommerziell hergestellten
Luxusprodukten. Dieses Uhren-Kunstgewerbe blühte in Süddeutschland und hatte seinen Höhepunkt
in Augsburg. Das damalige handwerkliche Niveau der Metallarbeiten Augsburgs allerdings kann wohl
kaum, mehr überboten werden. Mechanisch aber und auch in der Art der Indikationen folgen diese Uhren