Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

Zur  Symbolik  von  Giokgiones  „Drei  Philosophen“

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Phase  entstanden  die  völlig  ungiorgionesken  und  recht  groben  braunen  Gras-  und  Blattbüschel,  die
allenthalben  die  Konturen  der  Baum-  und  Felsensilhouetten  säumen  und  auflösen,  außerdem  auch  noch
ein  paar  besonders  starke  Blauflecken  im  Himmel  —  also  die  braunen  hängenden  Gräser  links  an  der
Felskante,  die  schmutziggrünen  Blattbüschel  über  dem  Kopf  des  Turbanträgers,  die  ein  Stück  eines
nicht  durchgeführten  Baumstammes  überdecken  sowie  den  Abschluß  des  schon  oben  erwähnten  Baumstammes ­
  umwuchern,  die  breiten  spitzen  Blätter,  die  den  Durchblick  durch  das  Gebüsch  rechts,  über
dem  Kopf  des  Alten,  säumen.  Ebenso  könnte  die  Sonne  aus  derselben  Periode  stammen.  An  der  Stelle,
an  der  sie  sitzt,  ist  sie  völlig  unverständlich.  Sowohl  der  Felsen  vorne  wie  die  Häuser  im  Tal  sind  von
einer  der  Sonne  entgegengesetzten,  außerhalb  des  Bildes  befindlichen  Lichtquelle  beleuchtet.  Der
gröberen  Manier  der  vierten  Phase  entspräche  auch  ein  gröberer  Effekt.  Es  wäre  höchst  unwahrscheinlich, ­
  daß  Giorgione  seine  zwar  zarten,  aber  bestimmten  und  überlegten  Lichteffekte  selbst  zerstört
haben  sollte.  Die  ,,raggi  solari“  des  Michiel,  die  der  Sitzende  betrachtet,  beziehen  sich  nicht  auf  Strahlen,
die  von  der  sichtbaren  Sonne  ausgehen,  sondern  auf  die  Sonnenflecken  am  Felsen,  die  von  der  unsichtbaren ­
  Sonne  verursacht  werden.
Etwas  vereinfacht  kann  der  Malvorgang  oder,  besser  gesagt,  der  Ablauf  der  Bildvorstellungen  bis  zur
endgültigen  Fassung  in  der  beschriebenen  Art  angenommen  werden.  Man  hat  sich  dabei  natürlich  nicht
vorzustellen,  daß  zwischen  den  einzelnen  Phasen  beträchtliche  zeitliche  Intervalle  lagen.  Sie  dauerten
wohl  nur  so  lange,  bis  die  Farbe  zur  Weiterarbeit  trocken  war,  und  gerade  so  lange,  daß  man  das
Bildkonzept  gedanklich  umändern  konnte  was  unter  Umständen  sehr  schnell  geschehen  ist.
Außerdem  waren  die  einzelnen  Phasen  wohl  ineinander  verzahnt,  sie  griffen  vielleicht  an  manchen
Stellen  ineinander  über.  Das  größte  Intervall  scheint  zwischen  der  dritten  und  vierten  Phase  gewesen
zu  sein;  Farbmaterial  und  Malweise  dieser  Phase  sind  so  verschieden  von  der  vorhergehenden,  daß  man
fast  einen  größeren  zeitlichen  Abstand  annehmen  möchte.
Aus  alledem  geht  eines  deutlich  hervor:  daß  nur  eine  einzige  Partie  des  Bildes  tatsächlich  im  Originalzustand, ­
  in  der  Erstfassung,  ohne  jede  Übermalung  erhalten  ist,  nämlich  der  Felsen  links  mit  Feigenbaum, ­
  Efeu  und  Quelle.  Aber  gerade  diese  Partie  ist  der  Schlüssel  zum  Verständnis  des  Bildes.  Wenn
gerade  die  von  Anfang  an  das  Thema  festlegende  Bildzone  immer  vorhanden  war  und  sich  gleichgeblieben
ist,  dann  können  die  Veränderungen  der  anderen  Bildhälfte  nur  von  sekundärer,  den  Inhalt  nicht  direkt
betreffender  Bedeutung  gewesen  sein.  Sowohl  in  der  ersten  wie  in  der  letzten  Fassung  sind  Feige  und  Efeu
durch  ihren  Hinweis  auf  den  Erlöser  Träger  der  Bildidee  gewesen.  Die  andere  Kleidung,  die  andersartige ­
  Kopfbedeckung  des  Alten,  seine  veränderte  Haltung  etc.  waren  möglicherweise  eine  Bereicherung
des  Inhaltlichen  oder  eine  leichte  Abwandlung  desselben  Inhaltes.  Die  Idee  ist  die  gleiche  geblieben,
höchstens  kann  die  Veränderung,  wie  schon  Wilde  bemerkt  hatte,  eine  Verbesserung  im  künstlerischen
Sinn  bedeutet  haben 87 .
87 )  Mit  Recht  wurde  daraufhingewiesen,  daß  das  Gewand  des  Alten,  aber  auch  des  Turbanträgers  steif  und  schlecht  gemalt  sei,
im  Vergleich  zu  dem  des  Jungen,  und  daß  eben  hier  vielleicht  die  Hand  des  Sebastiano  zu  erkennen  sei  (Baldass).  Dabei  ist  jedoch
merkwürdig:  die  Übermalung  des  Kopfes  des  Alten  stammt  eindeutig  von  Giorgione.  Änderung  und  Übermalung  von  Kopf  und
Gewand  müssen  aber  gleichzeitig  gewesen  sein,  weil  der  in  der  letzten  Fassung  längere  Bart  des  Alten  schon  über  dem  neugestalteten ­
  und  andersfarbigen  Kragen  liegt,  der  von  derselben  Hand  wie  das  übrige  Gewand  stammt.  Ebenso  liegen  die  eindeutig
von  Giorgione  gemalten  Hände  des  Alten  auf  dem  Mantel,  der  so  ungiorgionesk  in  der  Faktur  wirkt.  Das  alles  hieße  aber,  daß
die  gesamte  Übermalung  und  Andersfassung  der  beiden  Figuren  doch  von  Giorgione  stammen.  Man  fragt  sich,  ob  die  Pappigkeit
und  das  Blecherne  der  Gewandfalten  nicht  von  der  Notwendigkeit  herrühren  könnte,  die  Farbe  möglichst  deckend  —  schließlich
mußte  eine  Menge  verdeckt  werden  —  anzuwenden.  Eine  stark  mit  Deckweiß  gemischte  Farbe  wirkt  aber  leicht  speckig  und
unstofflich.  Am  Turbanträger  ist  die  Übermalung  schon  lange  nicht  so  unangenehm;  sie  muß  weniger  decken,  ist  daher  leichter
und  durchsichtiger.  Das  Gewand  des  jungen  Mannes,  über  dem  nur  als  Lasur  der  grüne  Mantel  liegt,  ist  malerisch  am  allerbesten
gelungen.  Er  wurde  niemals  verändert  und  zeigt  großes  malerisches  und  zeichnerisches  Können.  Sein  Kopf  ist  in  der  Malweise
genau  wie  die  anderen  Köpfe.  J.  Wilde,  Ein  unbeachtetes  Werk  Giorgiones,  Jahrbuch  der  preußischen  Kunstsammlungen,
Bd.  52,  Berlin  1931,  S.  98ff.,  glaubt,  daß  der  Sitzende  von  Sebastiano  stammt.
Es  ist  also  keineswegs  erwiesen,  daß  die  Übermalung  der  beiden  Stehenden  nicht  doch  von  Giorgione  stammt;  sicher  aber  haben
die  in  der  vierten  Phase  erwähnten  Blätter  und  Gräser  einen  anderen  Autor.  Dieses  Blattwerk  erfüllt  einen  bestimmten  Zweck.
Es  mildert  die  als  zu  scharf  empfundenen  Konturen  des  Felsens  und  es  verwischt  Unklarheiten,  die  tatsächlich  vorhanden  sind,
z.  B.  rechts  bei  den  Bäumen.  Da  ist  nicht  alles  gelöst,  es  scheint  noch  unfertig.  Übrigens  kommt  das  Unfertige  woanders  noch
deutlicher  hervor:  der  untere  Abhang  des  Felsens,  dessen  obere  Kontur  hinter  dem  Knie  des  Sitzenden  verschwindet,  ist  in  einer
ungleich  breiten,  2  bis  3  cm  messenden  Zone  völlig  leer  und  ungegliedert,  ohne  die  geringste  Binnenbewegung,  einfach  die  braune,
vielleicht  etwas  getönte  Untermalung.  Es  fällt  nicht  weiter  auf.  weil  das  leere  Braun  unmerklich  übergeht  in  das  anschließende
erst  allmählich  sich  aufhellende  und  Gestalt  annehmende  Braun  der  Felsenhöhle.
            
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