ZUR SYMBOLIK VON GIORGIONES „DREI PHILOSOPHEN“
VON FRIDERIKE KLAUNER
Es gibt Kunstwerke, über die zuviel geschrieben wird. Die Gründe hierfür sind zwar meistens durchaus
verständlich: man kann über ihre zeitliche Bestimmung nicht schlüssig werden oder die örtliche Einordnung
wird nicht gefunden oder ihr inhaltliches Programm steht nicht fest. Trotzdem hat manchmal
der Kunsthistoriker das Gefühl der Peinlichkeit vor diesen Werken, an denen immer wieder, ohne
Unterlaß, herumgedeutet wird. Das spontane Erlebnis der Qualität allein genügt nicht, seine Berechtigung
und Gültigkeit will im nachhinein Punkt für Punkt nachgewiesen werden. Dabei kann es
Schwierigkeiten geben; und nie wird es deutlicher als in diesen Momenten, daß ein Kunstwerk, einmal
gelöst von seinem Autor, ein abgeschlossenes, selbständiges, unabhängiges, lebendiges Wesen ist, das
entschiedenen Widerstand leistet gegenüber allen Bemühungen, seine Persönlichkeit durch Klassifizierung
zu brechen. Die ihm entlockten Aussagen gehen seinen Wert so wenig an, daß sie belanglos
erscheinen; unserem gewissermaßen taktlosen Drängen setzt es eine Würde entgegen, die beschämt.
Eines dieser Werke, über die man sich bereits scheut zu schreiben, sind die „Drei Philosophen“ von
Giorgione. Geschieht es hier trotzdem, dann nur in der Hoffnung, wenigstens einen Fragenkomplex
abbauen zu können, der seit langem einer vollen Apperzeption hinderlich im Wege steht und dadurch
die Persönlichkeit des Bildes störend überschattet.
Die Komposition der „Drei Philosophen“ (Abb. 135) erscheint zunächst etwas befremdend. Rechts der
farbige Block der drei Figuren, links die dunkle braune, höhlenartig überhängende Felswand, die zu
den Figuren kein eigentliches Gleichgewicht herstellt, sondern trotz aller Gliederung und Beleuchtungseffekte
merkwürdig leer wirkt. Denkt man daran, daß das Bild ursprünglich um fast 20 cm breiter war
als heute und daß die Verbreiterung im wesentlichen auf der linken Seite lag, so ist das Ganze noch
ungewöhnlicher 1 . Es war also der Sitzende im Originalzustand nicht im Bildzentrum wie jetzt, sondern
nach rechts hinaus verschoben; der Felsen aber war noch breiter und beherrschte zumindestens durch
seine flächenmäßige Ausdehnung das Bild 2 . Am Anfang des 16. Jahrhunderts ist eine solche Komposition
in formaler wie auch in farblicher Hinsicht recht ungewöhnlich.
Nun muß aber der Maler ein Motiv gehabt haben, irgendeinen Grund, die linke Bildseite als Bildfaktor
so bedeutsam und übergewichtig erscheinen zu lassen. Offenbar liegt der Grund nicht in formalen
Überlegungen.
Wie schon berichtet 3 , kamen nach der Abdeckung der Felswand (Abb. 136) zum Vorschein: ein wilder
fruchttragender Feigenbaum 4 , links daneben eine Efeuranke, die den Felsen hinaufwächst. An ihren
Wurzeln fließt ein Quell aus dem Berg. Man hat- sich vorzustellen, daß die Pflanzen im Originalzustand
viel mehr zur Geltung gekommen sind. Übermalung und Firnisse haben die grüne Farbe der Feigenblätter
stellenweise so angegriffen, daß sie braun geworden, in den dunklen Grund versunken und manche
von ihnen, ebenso wie die wenigen Früchte, nur bei sehr starkem Licht zu erkennen sind. Auch der
Efeu, von Anfang an etwas bräunlicher als die Feigen, hebt sich nicht deutlich vom Grund ab.
ln der Originalfassung standen Feige und Efeu fast in der Bildmitte; das läßt annehmen, daß sie
auch gedanklich im Zentrum standen. Überdies schaut der junge sitzende Mann eindringlich auf die
Felswand, nämlich auf die beiden Pflanzen. So ist eine Beziehung zwischen diesen, dem übermächtigen
Felsen auf dem sie wachsen und dem Mann hergestellt, die nicht zufällig sein kann. Es sind nämlich
keineswegs nur malerische Aufgaben, die der Feige und dem Efeu zukommen. Denn beide findet man
nicht'nur auf den „Drei Philosophen“.
Mindestens fünf Themengruppen ist die Feige zugeordnet 5 :
1. Sündenfall: a) Adam und Eva unterm Feigenbaum,
b) Mythologische Liebesszenen.
1) J. Wilde, Röntgenaufnahmen der „Drei Philosophen“ Giorgiones und der „Zigeunermadonna“ Tizians, JbKhS. Wien. NF.
6. Bd„ 1932, S. 142ff. — L. Baldass, Zu Giorgiones „Drei Philosophen“, JbKhS. Wien, 50. Bd., 1953, S. 122.
2 ) Baldass, S. 125, Abb. 141.
3 ) Baldass, 8. 121.
4 ) Caprificus. L. Venturi, Giorgione, 1953, 8. 30, hält ihn irrtümlich für Efeu.
5 ) Es wird nicht nur der wilde Feigenbaum, also caprificus, dargestellt, sondern auch der angebaute Feigenbaum, ficus carica.
Da beide derselben Gattung angehören, der Caprificus nur kleinere Früchte trägt, unterscheiden sie sich nicht in ihrem
Bedeutu i i gsgehal t.
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