ZUR ANALYSE DES SPÄTANTIKEN PORTRÄTS
VON GERHART EGGER
Oie Betrachtung des spätantiken Porträts stellt die Frage nach einem Zweig der Kunstäußerung einer
Epoche, der dem Kunstwollen dieser Epoche strenggenommen nicht mehr entspricht. Das Porträt ist
das künstlerische Abbild eines bestimmten lebenden Menschen. Wenn auch das Porträt nicht grundsätzlich
und ausschließlich mit Naturalismus in Verbindung zu bringen ist, so hängt es doch unmittelbar
zusammen mit der Individualisation, der über die „richtige“ Darstellung des menschlichen Gesichtes
hinausgehenden Charakterisierung einer einzelnen menschlichen Person. Die Form und Art dieser
Charakterisierung und Individualisierung trennt das Porträt von der bloßen Imitation eines menschlichen
Gesichtes. Wenn nun der Stilausdruck einer Epoche grundsätzlich individualisationsfeindlich
ist, das Überindividuelle und Allgemeine anstrebt, so wird sich das einzelne Porträt von der speziellen
Charakterisierung entfernen und schließlich zu einer Typisierung übergehen.
Unter der Annahme, daß das Porträt im strengen Sinn für unsere abendländische Kunst im Hellenismus
begann, ist die Ausbildung der reinen Individualität eine römische Angelegenheit mit ihrem Höhepunkt
in der Zeit der späten Republik und der Kaiserzeit der ersten drei Jahrhunderte nach Christi.
Der Stilwandel im 3. und 4. Jahrhundert und das Auftreten einer spätantiken römischen Reichskunst,
die in gewisser Weise als Beginn der großen Epoche des Mittelalters anzusprechen ist, sind von der
Forschung längst festgelegt worden 1 . Das Besondere der Spätantike liegt aber, über die neue Form dieses
Stilwandels hinaus, in der Aufrechterhaltung einer gewissen Kontinuität des Antik-Römischen.
Wenn sich auch alles die religiös-philosophische Situation, die Staatsform mit der Einführung
des Dominates, die wirtschaftliche und soziale Struktur, die volksmäßige Zusammensetzung mit der
starken Barbarisierung und das endgültige Aufnehmen vorderorientalischer Einflüsse und zum wesentlichen
auch der Ausdruck in jedem einzelnen Kunstwerk — am Ende des 3. Jahrhunderts völlig
gewandelt hat, so dürfen wir nicht vergessen, daß sich diese Wandlung innerhalb des römischen
Reiches vollzog und dieses Reich als solches weiterhin bestehen blieb. Die Barbaren, waren sie auch
stark in das römische Reich eingedrungen, lagen in ihren großen Komplexen doch letzten Endes
außerhalb des Reiches. Die Beherrscher des Reiches, waren dies nun selbst auch wirkliche Barbaren
geworden, nannten sich doch römische Kaiser und traten so wiederum gegen die Barbaren auf. Bei
aller Neueinrichtung waren sie doch selbst auch im Persönlichen immer wieder bestrebt, mehr oder
weniger stark die Kontinuität des römischen Reiches, den Zusammenhang mit Cäsar und Augustus,
aufrechtzuerhalten.
Das Porträt im Römischen hatte seine ganz besondere Stellung, über die Individualisierung und
Charakterisierung der einzelnen Person hinaus, noch durch seine Bedeutung im Ahnenkult und schließlich
in den Kulten der Vergöttlichung des Kaisers. Gerade nun im 3. Jahrhundert wird dieser Vergöttlichungskult
immer weiter ausgebaut durch die Vorverlegung der Vergöttlichung des Kaisers in
die Zeit seines tatsächlichen Herrschens. Wenn auch die Vergöttlichung eines einzelnen Menschen
durch das Christentum, das im unmittelbaren Anschluß an diesen großen Stilwandel zur totalen
religiösen und philosophischen Herrschaft gelangt, unmöglich gemacht wird, so wird dadurch der
Absolutismus und die Verehrung der Majestät des Herrschers keineswegs abgesetzt 2 .
Nun war im 3. Jahrhundert das Porträt des Herrschers über die reine Porträtdarstellung hinaus
eben schon zu einem Kultbild und somit zu einem unbedingt notwendigen Requisit der absoluten
Staatsform geworden. Dadurch erhält sich das Kaiserporträt seine besondere Stellung auch in der
Spätantike. Dagegen schwindet die Bedeutung des privaten Porträts immer mehr, was auch mit dem
Verschwinden des römischen Ahnenkultes in stärkster Verbindung steht; ein gewisser Teil der privaten
Porträts erhält sich in einer von dem Herrscherporträt abgeleiteten Art 3 .
q Außer auf die grundlegenden Arbeiten von Delbrueck, Kollwitz, Gerke, Gerkan, L’Orange, Rodenwaldt u. a. sei hier
besonders auf den Beginn und die Grundlage der Forschung über die Spätantike durch Riegl, Spätrömische Kunstindustrie, und
Wickhoff, Die Wiener Genesis, verwiesen.
*) S. Delbrueck, Spätantike Kaiserporträts, 1933, S. 67.
3 ) Delbrueck a. a. O. S. 2: „Schon seit dem Beginn der Kaiserzeit sind die Privatporträts häufig durch die Kaiserbildnisse
beeinflußt.“