Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

ZUR  ANALYSE  DES  SPÄTANTIKEN  PORTRÄTS
VON  GERHART  EGGER

Oie  Betrachtung  des  spätantiken  Porträts  stellt  die  Frage  nach  einem  Zweig  der  Kunstäußerung  einer
Epoche,  der  dem  Kunstwollen  dieser  Epoche  strenggenommen  nicht  mehr  entspricht.  Das  Porträt  ist
das  künstlerische  Abbild  eines  bestimmten  lebenden  Menschen.  Wenn  auch  das  Porträt  nicht  grundsätzlich ­
  und  ausschließlich  mit  Naturalismus  in  Verbindung  zu  bringen  ist,  so  hängt  es  doch  unmittelbar
zusammen  mit  der  Individualisation,  der  über  die  „richtige“  Darstellung  des  menschlichen  Gesichtes
hinausgehenden  Charakterisierung  einer  einzelnen  menschlichen  Person.  Die  Form  und  Art  dieser
Charakterisierung  und  Individualisierung  trennt  das  Porträt  von  der  bloßen  Imitation  eines  menschlichen ­
  Gesichtes.  Wenn  nun  der  Stilausdruck  einer  Epoche  grundsätzlich  individualisationsfeindlich
ist,  das  Überindividuelle  und  Allgemeine  anstrebt,  so  wird  sich  das  einzelne  Porträt  von  der  speziellen
Charakterisierung  entfernen  und  schließlich  zu  einer  Typisierung  übergehen.
Unter  der  Annahme,  daß  das  Porträt  im  strengen  Sinn  für  unsere  abendländische  Kunst  im  Hellenismus ­
  begann,  ist  die  Ausbildung  der  reinen  Individualität  eine  römische  Angelegenheit  mit  ihrem  Höhepunkt ­
  in  der  Zeit  der  späten  Republik  und  der  Kaiserzeit  der  ersten  drei  Jahrhunderte  nach  Christi.
Der  Stilwandel  im  3.  und  4.  Jahrhundert  und  das  Auftreten  einer  spätantiken  römischen  Reichskunst,
die  in  gewisser  Weise  als  Beginn  der  großen  Epoche  des  Mittelalters  anzusprechen  ist,  sind  von  der
Forschung  längst  festgelegt  worden 1 .  Das  Besondere  der  Spätantike  liegt  aber,  über  die  neue  Form  dieses
Stilwandels  hinaus,  in  der  Aufrechterhaltung  einer  gewissen  Kontinuität  des  Antik-Römischen.
Wenn  sich  auch  alles  die  religiös-philosophische  Situation,  die  Staatsform  mit  der  Einführung
des  Dominates,  die  wirtschaftliche  und  soziale  Struktur,  die  volksmäßige  Zusammensetzung  mit  der
starken  Barbarisierung  und  das  endgültige  Aufnehmen  vorderorientalischer  Einflüsse  und  zum  wesentlichen ­
  auch  der  Ausdruck  in  jedem  einzelnen  Kunstwerk  —  am  Ende  des  3.  Jahrhunderts  völlig
gewandelt  hat,  so  dürfen  wir  nicht  vergessen,  daß  sich  diese  Wandlung  innerhalb  des  römischen
Reiches  vollzog  und  dieses  Reich  als  solches  weiterhin  bestehen  blieb.  Die  Barbaren,  waren  sie  auch
stark  in  das  römische  Reich  eingedrungen,  lagen  in  ihren  großen  Komplexen  doch  letzten  Endes
außerhalb  des  Reiches.  Die  Beherrscher  des  Reiches,  waren  dies  nun  selbst  auch  wirkliche  Barbaren
geworden,  nannten  sich  doch  römische  Kaiser  und  traten  so  wiederum  gegen  die  Barbaren  auf.  Bei
aller  Neueinrichtung  waren  sie  doch  selbst  auch  im  Persönlichen  immer  wieder  bestrebt,  mehr  oder
weniger  stark  die  Kontinuität  des  römischen  Reiches,  den  Zusammenhang  mit  Cäsar  und  Augustus,
aufrechtzuerhalten.
Das  Porträt  im  Römischen  hatte  seine  ganz  besondere  Stellung,  über  die  Individualisierung  und
Charakterisierung  der  einzelnen  Person  hinaus,  noch  durch  seine  Bedeutung  im  Ahnenkult  und  schließlich ­
  in  den  Kulten  der  Vergöttlichung  des  Kaisers.  Gerade  nun  im  3.  Jahrhundert  wird  dieser  Vergöttlichungskult ­
  immer  weiter  ausgebaut  durch  die  Vorverlegung  der  Vergöttlichung  des  Kaisers  in
die  Zeit  seines  tatsächlichen  Herrschens.  Wenn  auch  die  Vergöttlichung  eines  einzelnen  Menschen
durch  das  Christentum,  das  im  unmittelbaren  Anschluß  an  diesen  großen  Stilwandel  zur  totalen
religiösen  und  philosophischen  Herrschaft  gelangt,  unmöglich  gemacht  wird,  so  wird  dadurch  der
Absolutismus  und  die  Verehrung  der  Majestät  des  Herrschers  keineswegs  abgesetzt 2 .
Nun  war  im  3.  Jahrhundert  das  Porträt  des  Herrschers  über  die  reine  Porträtdarstellung  hinaus
eben  schon  zu  einem  Kultbild  und  somit  zu  einem  unbedingt  notwendigen  Requisit  der  absoluten
Staatsform  geworden.  Dadurch  erhält  sich  das  Kaiserporträt  seine  besondere  Stellung  auch  in  der
Spätantike.  Dagegen  schwindet  die  Bedeutung  des  privaten  Porträts  immer  mehr,  was  auch  mit  dem
Verschwinden  des  römischen  Ahnenkultes  in  stärkster  Verbindung  steht;  ein  gewisser  Teil  der  privaten
Porträts  erhält  sich  in  einer  von  dem  Herrscherporträt  abgeleiteten  Art 3 .
q  Außer  auf  die  grundlegenden  Arbeiten  von  Delbrueck,  Kollwitz,  Gerke,  Gerkan,  L’Orange,  Rodenwaldt  u.  a.  sei  hier
besonders  auf  den  Beginn  und  die  Grundlage  der  Forschung  über  die  Spätantike  durch  Riegl,  Spätrömische  Kunstindustrie,  und
Wickhoff,  Die  Wiener  Genesis,  verwiesen.
*)  S.  Delbrueck,  Spätantike  Kaiserporträts,  1933,  S.  67.
3 )  Delbrueck  a.  a.  O.  S.  2:  „Schon  seit  dem  Beginn  der  Kaiserzeit  sind  die  Privatporträts  häufig  durch  die  Kaiserbildnisse
beeinflußt.“
            
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