Ludwig Baldass
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in den zwischen 1495 und 1505 entstandenen graphischen Arbeiten des Nürnbergers leicht auffinden.
Man betrachte die Kupferstiche Dodgson 6, 8, 16, 27, 41, 46 oder die Holzschnitte B. 121, B. 127. Es
ist also anzunehmen, daß sowohl Giorgione (Abb. 129) als Lotto zu dem Meeresufermotiv unabhängig
voneinander durch Dürersche Graphik angeregt worden sind. Während es sich aber bei Lotto nur um
eine vorübergehende Anregung handelt, ist Giorgione von der Landschaftsgestaltung der graphischen
Blätter des jungen Dürers stärker beeinflußt worden. In seinen „Staffeleibildern“ zeigen sich weitere
Berührungspunkte. So stehen die Baumkulissen der „Tempesta“ der Baumgruppe von Dürers
Herkulesstich (Dodgson 29) näher als den Baumgruppen Bellinis und seiner Schüler und dem Gehölz
Leonardos. Giorgione hat das Motiv bloß der gotisch-nordischen Fassung entkleidet, die das Vorbild
aufwies. Schließlich ist die detailreiche Durchbildung des Felsens auf dem Bilde der „Drei Philosophen“
[Abb. 126) in Dürers Kupferstichen des „Heiligen Hieronymus“ (Dodgson 11) und der „Buße des
heiligen Chrysostomus“ (Dodgson 12, Abb. 131) vorweggenommen. Das beiden Werken gemeinsame
Motiv der von der Felsensilhouette herabhängenden Grasbüschel hebt den Zusammenhang über alles
Zufällige hinaus. Die größere Nahsichtigkeit des Motivs Giorgiones und seine vollendete malerische
Durchbildung verursachen die Modernität der Wirkung.
Noch wichtiger ist es, daß wir das für Giorgiones Kunst so bezeichnende intime Verhältnis des dargestellten
Menschen zu der ihn umgebenden Natur schon zu einem früheren Zeitpunkt in graphischen
Blättern Dürers vorfinden. I'her die neue Auffassung des Inhaltlichen, wie es sich zuerst bei Dürer,
dann abgewandelt hei Giorgione offenbart, wird noch bei Besprechung der Bildthemen Giorgiones im
nächsten Kapitel die Rede sein. Stimmungen wie sie sich durch den Zusammenklang von Mensch und
Landschaft vor den Bildern der „Auffindung des Paris“, der „Tempesta“ und der „Drei Philosophen“
dem Beschauer mitteilen, gehen bereits ähnlich von Werken Dürers, etwa den Kupferstichen des
„Verlorenen Sohnes“ (Dodgson 10), des „Meerwunders“ (Dodgson 30) oder den Holzschnitten des
„Ritters mit dem Landsknecht“ (B. 131), des „Simson“ (B. 2) und der „Apokalypse“ (B. 63, 70, 75)
aus. Namentlich in der großartigen Komposition des buchverschlingenden „Johannes“ (B. 70) bilden
Figuren und Landschaft eine untrennbare Einheit. In der Betonung der Großartigkeit einer dem
Menschen engverbundenen Schöpfung, die einerseits in diesem Holzschnitt, andererseits in der
„Tempesta“ zu erkennen ist und so verschieden ist von der kosmischen Gestaltung einer dem Menschen
fernen Natur, wie wir sie in Zeichnungen des alten Leonardo vorfinden, stehen Dürer und Giorgione
im weiten Umkreis der europäischen Kunst von 1495 bis 1510 allein. Die Graphik Dürers muß also
als die wichtigste Quelle der neuen Landschaftskunst Giorgiones angesehen werden.
V. GIORGIONES VERHÄLTNIS ZUM GEGENSTAND
Von allen Werken Giorgiones sind es seine Staffeleibilder weltlichen Gegenstandes, die uns das Wesen
seiner Kunst am reinsten offenbaren und uns daher auch über seine Einstellung zum Bildthema am
besten unterrichten. Betrachten wir zuerst die „Auffindung des Paris“ (vgl. S. 165, Abb. 160) u , so muß
auch einem des Gegenstandes unkundigen Beschauer sofort klar werden, daß hier am Gipfel eines
Hügels eine Handlung wiedergegeben ist, in deren Zentrum das Kind steht, dem der alte Mann auf
der Blockflöte vorspielt, nach dem die ruhende Nymphe sich umsieht und auf das der eine der Hirten
den andern aufmerksam macht.
Während hier das Thema der Auffindung eines ausgesetzten Knaben höchst anschaulich erzählt
ist, hat der Gegenstand bei den beiden im Original erhaltenen Kabinettbildern Giorgiones zahlreiche
Deutungen erfahren, von denen sich aber bisher keine als überzeugend erwiesen hat. Es taucht die
Frage auf, ob sich hier nicht ein neues Verhältnis des Künstlers zum Gegenstand bemerkbar macht,
das man am besten als negativ bezeichnen möchte.
44 ) E. K. Waterhouse, Italian Studies VII. Cambridge 1952, S. 10, identifiziert das Bild mit Nr. 43 eines von ihm publizierten
höchst aufschlußreichen Inventars von Gemälden, die wahrscheinlich die Sammlung Bartolomeo della Nave gebildet hatten und
nach dem Mai 1638 nach England verbracht worden sind. Diese Nr. 43 wird im genannten Inventar „the history of the Amazones
with 5 figures in the full and other figures in a landscape“ benannt. Das verschollene Bild der Sammlung des Erzherzogs Leopold
Wilhelm, das nach Watkrhou.su die Aussetzung eines männlichen Amazonenkindes darstellt (im Inventar von 1659 wird es bloß
beschrieben, der Gegenstand aber nicht gedeutet), war aber nicht „of the same greatness“ wie die „Drei Philosophen“. Das
letztgenannte Bild (Nr. 128) maß (mit Rahmen) 7 span zu 8 span 8 jünger, das erste aber (Nr. 132) (ebenfalls mit Rahmen)
7 span 1 y 2 finger zu 9 span 7 % finger, war also nur um weniges höher, aber um etwa 20 cm breiter.