Ludwig Baldass
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129. Giorgione, das Seegestade aus der Madonna von Castelfranco
malen und koloristischen auch einen inhaltlichen Zweck verfolgen. Giorgione ist in einem höheren
Grade Maler als der Zeichner Leonardo; er ist zudem viel subjektiver, daher interessiert ihn nur die
Wirkung der Dinge auf die sie betrachtende Individualität. Wie wir noch sehen werden, ist Giorgione
zur Wahl seiner Motive durch graphische Schöpfungen angeregt worden, die ihm aber nur das Motiv
als solches und seine Bedeutung für das Bildganze, nicht aber die Art der malerischen Durchbildung
der empfangenen Anregung vermitteln konnten. Zu dieser Durchbildung mußte er selbst den Weg
finden. Die einzigen Kunstwerke, die ihm dies erleichtern konnten, sind die Schöpfungen Leonardos.
Es ist also damit zu rechnen, daß der junge Venezianer auf seiner zu mutmaßenden Florentiner
Reise das eine oder andere Gemälde Leonardos studiert hat 42 .
3. Giorgione und Dürer
Verschiedene Eigentümlichkeiten der Kunst Giorgiones sind in graphischen Arbeiten Dürers vorbereitet.
Wir haben keinen Anhaltspunkt, daß Dürer während seines zweiten venezianischen Aufenthaltes,
der in die Jahre 1505 bis 1507 fiel, Giorgione persönlich nähergekommen wäre. Dürer hat
Venedig, kurz bevor Giorgione seinen ersten öffentlichen Auftrag für den Dogenpalast erhalten hat,
wieder verlassen. Es darf uns also nicht wundernehmen, daß der Nürnberger in seinen aus Venedig
an Pirkheimer gerichteten Briefen den Namen Giorgiones, der 1506 in Werkstattgemeinschaft mit dem
gleichfalls noch wenig bekannten Vincenzo Catena arbeitete, nicht erwähnt. In keiner Kirche Venedigs
42 ) Giorgiono kann Ölbilder Leonardos schwer wo anders als bei Leonardo selbst gesehen haben. Aus dem Bericht des Antonio de
Beatis vom Besuche des Kardinals Louis d’Aragon bei Leonardo am 10. Oktober 1517 (abgedruckt in dem in Anm. 37 zitierten
Katalog) wissen wir, daß dieser die „Mona Lisa“, die „Anna selbdritt“ und den „Johannesknaben“ nach Frankreich mitgenommen
hat;.