Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

Ludwig  Baldass

136

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129.  Giorgione,  das  Seegestade  aus  der  Madonna  von  Castelfranco
malen  und  koloristischen  auch  einen  inhaltlichen  Zweck  verfolgen.  Giorgione  ist  in  einem  höheren
Grade  Maler  als  der  Zeichner  Leonardo;  er  ist  zudem  viel  subjektiver,  daher  interessiert  ihn  nur  die
Wirkung  der  Dinge  auf  die  sie  betrachtende  Individualität.  Wie  wir  noch  sehen  werden,  ist  Giorgione
zur  Wahl  seiner  Motive  durch  graphische  Schöpfungen  angeregt  worden,  die  ihm  aber  nur  das  Motiv
als  solches  und  seine  Bedeutung  für  das  Bildganze,  nicht  aber  die  Art  der  malerischen  Durchbildung
der  empfangenen  Anregung  vermitteln  konnten.  Zu  dieser  Durchbildung  mußte  er  selbst  den  Weg
finden.  Die  einzigen  Kunstwerke,  die  ihm  dies  erleichtern  konnten,  sind  die  Schöpfungen  Leonardos.
Es  ist  also  damit  zu  rechnen,  daß  der  junge  Venezianer  auf  seiner  zu  mutmaßenden  Florentiner
Reise  das  eine  oder  andere  Gemälde  Leonardos  studiert  hat 42 .
3.  Giorgione  und  Dürer
Verschiedene  Eigentümlichkeiten  der  Kunst  Giorgiones  sind  in  graphischen  Arbeiten  Dürers  vorbereitet. ­
  Wir  haben  keinen  Anhaltspunkt,  daß  Dürer  während  seines  zweiten  venezianischen  Aufenthaltes, ­
  der  in  die  Jahre  1505  bis  1507  fiel,  Giorgione  persönlich  nähergekommen  wäre.  Dürer  hat
Venedig,  kurz  bevor  Giorgione  seinen  ersten  öffentlichen  Auftrag  für  den  Dogenpalast  erhalten  hat,
wieder  verlassen.  Es  darf  uns  also  nicht  wundernehmen,  daß  der  Nürnberger  in  seinen  aus  Venedig
an  Pirkheimer  gerichteten  Briefen  den  Namen  Giorgiones,  der  1506  in  Werkstattgemeinschaft  mit  dem
gleichfalls  noch  wenig  bekannten  Vincenzo  Catena  arbeitete,  nicht  erwähnt.  In  keiner  Kirche  Venedigs
42 )  Giorgiono  kann  Ölbilder  Leonardos  schwer  wo  anders  als  bei  Leonardo  selbst  gesehen  haben.  Aus  dem  Bericht  des  Antonio  de
Beatis  vom  Besuche  des  Kardinals  Louis  d’Aragon  bei  Leonardo  am  10.  Oktober  1517  (abgedruckt  in  dem  in  Anm.  37  zitierten
Katalog)  wissen  wir,  daß  dieser  die  „Mona  Lisa“,  die  „Anna  selbdritt“  und  den  „Johannesknaben“  nach  Frankreich  mitgenommen
  hat;.
            
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