Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

Die  Tat  des  Giobgione

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121.  Lorenzo  Lotto,  hl.  Hieronymus,  Paris

122.  Leonardo,  Detail  aus  der  Anbetung.  Florenz

Lottos  liegt  in  der  Tatsache,  daß  der  Maler  seinen  eigenen  Stil  bereits  vor  dem  Eindringen  der  Hochrenaissance ­
  in  Venedig  ausgebildet  hatte.  Als  einziger  Italiener  von  Rang  ist  er  niemals  dem  klassischen
Stil  verfallen,  sondern  hat  direkt  seinen  Weg  zur  Kunst  der  Zukunft,  zum  Manierismus,  gefunden,  der
sich  schon  1516  in  seinen  Werken  zu  offenbaren  beginnt.  Aber  bereits  mit  seinen  frühen,  um  die  Mitte
des  ersten  Jahrzehnts  entstandenen  Staffelei-  und  Altarbildern  gehört  er  ganz  der  neuen  Kunst  des
sechzehnten  Jahrhunderts  an,  die  nach  Konzentration  der  Wirkung  strebt  und  den  additiven  Bildaufbau ­
  des  Quattrocento  abgestreift  hat.
Wir  erleben  also  das  Schauspiel,  daß  im  künstlerischen  Bannkreis  einer  Stadt  zwei  junge  Künstler
gleichzeitig,  aber  unabhängig  voneinander  mit  der  Tradition  brechen  und  nach  neuen  Zielen  streben.
Der  lebendigere  der  beiden,  Lorenzo  Lotto,  ist  so  sehr  von  dem  Drang,  immer  wieder  Neues  zu  gestalten,
erfüllt,  daß  er  die  Konsequenzen  seiner  Errungenschaften  nicht  zu  ziehen  vermag.  Nur  dem  ruhigeren,
aber  genialeren  Giorgione  gelingen  Werke,  mit  denen  eine  neue  Ära  in  der  Geschichte  der  Malerei
beginnt.
2.  Verwandte  Züge  in  der  Kunst  Leonardos
Drei  Eigentümlichkeiten  der  Kunst  Giorgiones  haben  ihre  Vorstufen  in  den  Gemäl  den  des  großen  Leonardo
da  Vinci,  nämlich  die  Art  der  Bildanlage,  das  Sfumato  der  Köpfe  und  die  Landschaftsgestaltung.
Da  ist  vor  allem  die  Bildanlage.  Giovanni  Bellini  hat  seine  Bilder  stets  aufs  gründlichste  durchgezeichnet. ­
  In  der  „Beweinung  Christi“  in  den  Uffizien  zu  Florenz  besitzen  wir  ein  Tafelbild  seiner  Hand,
das  nicht  über  die  Vorzeichnung  hinaus  gediehen  ist,  nur  an  den  Lippen  ist  eine  leichte  rote  Färbung
zu  bemerken.  Nach  gründlicher  Vorbereitung  des  Bildgedankens  durch  Detailzeichnungen,  von  denen
eine  erhalten  ist,  hat  Bellini  mit  schwarzen  Pinselstrichen  die  Komposition  bis  auf  jede  Locke  und  jede
Falte  auf  den  Kreidegrund  fixiert.  Er  ging  mit  ähnlicher  Sorgfalt  ins  Detail  wie  Jan  van  Eyck  auf
seinem  angefangenen  Bilde  der  „Heiligen  Barbara“  von  1437.
Auch  von  Leonardo  besitzen  wir  zwei  nur  begonnene  Tafelbilder 34 ,  aber  seine  Methode  ist  anders
als  die  van  Eycks  und  Bellinis.  Bei  dem  „Heiligen  Hieronymus“  des  Vatikans  zeichnete  der  Florentiner
nur  die  Konturen  mit  dem  Pinsel,  die  Innenzeichnung  aber  nicht  mehr  graphisch  durch  Linien,  sondern
34 )  Vgl.  Baldass,  Zu  den  Gemälden  der  ersten  Periode  des  Leonardo  da  Vinci,  Zeitschrift  f.  Kunstwissenschaft  VII.  Berlin  1953,
S.  165  ff.

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