Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

Die  Tat  des  Giorgione

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114.  Carpaccio,  Tubabläser  a.  d.  Taufbild  d.hl.  Georg.  \  enedig

115.  Giorgione,  die  zwei  stehenden  Philosophen,  Wien

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IV.  DIE  STILABLEITUNG
1.  Die  venezianische  Tradition
Der  in  Giorgiones  Altarbild  von  Castelfranco  offensichtliche  Zusammenhang  des  Figurenstils  mit
der  Kunst  des  Giovanni  Bellini  ist  gelegentlich  auch  später  erkennbar.  So  wird  die  kontrapostorische
Haltung  des  greisen  Philosophen  auf  dem  berühmten  Bilde  in  Wien  von  Gewandfiguren  der  „Sacra
Conversazione“  von  1505  in  San  Zaccaria  vorbereitet.
In  der  Figurenbehandlung  der  mittleren  Periode  Giorgiones  sehen  wir  aber  neben  vorklassischen
Attitüden  auch  naturalistische  Züge,  die  in  der  Verbindung  lebensvoller  Gestaltung  mit  selbstverständlicher ­
  Eleganz  an  die  Schöpfungen  Carpaccios  anklingen.  Wir  können  diese  Stilverwandtschaft  schon
des  Paris“  einem  Staffeleibild,  das  in  der  Figurengestaltung  den  „Drei  Philosophen“  näher  steht  als  die  Geburt  in  Washington,
nichts  von’den  genannten  Wesenszügen  dieser  Schöpfung  beobachten  können.  So  erhebt  sich  also  die  noch  zu  lösende  Frage,  ob
wir  in  dieser  Anbetung  der  Hirten“  ein  Frühwerk  Giorgiones  vor  uns  haben,  der  hier  spätere  Wirkungen  überraschenderweise
vorwegnimmt,  um  sie  dann  zunächst  nicht  weiter  zu  verfolgen,  oder  ob  das  Werk  die  Arbeit  eines  Schülers  ist,  der  sich  noch  an
die  alte  Tradition  gebunden  fühlt  und  daher  den  Anregungen  des  Meisters  nur  zögernd  folgt.
Es  ist  zu  hoffen  daß  die  für  1955  geplante  Giorgione-Ausstellung  in  Venedig  die  Möglichkeit  gibt,  die  „Anbetung  der  Hirten“  in
Washington  neben  den  gutbeglaubigten  Bildern  zu  sehen  und  so  einen  Vergleich  von  Farbauftrag  und  Pinselstrich  durchzuführen
  Bei  einem  so  eminenten  malerischen  Talent,  wie  Giorgione  es  besaß,  kann  nur  die  malerische  Handschrift  den  letzten
Ausschlag  geben.  Erst  nach  minuziösem  Vergleich  wird  sich  erweisen,  ob  die  Entwicklung  des  Entwerfers  konsequent  oder
sprunghaft  vor  sich  gegangen  ist,  was  beides  im  Bereich  der  Möglichkeit  steht.
Die  Anbetung  der  Hirten“  der  Wiener  Galerie,  die  auf  der  Ausstellung  zu  sehen  war.  ist  eine  im  Format  und  in  vielen
landschaftlichen  Einzelheiten  veränderte  Wiederholung  des  Bildes  in  Washington.  Tch  erblicke  in  dem  Wiener  Bild,  wie  ich
demnächst  ausführlich  darlegen  werde.  Berenson  folgend,  die  Hand  des  jungen  Tizian.
            
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