Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 15 (N.F.) (XV=51)

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Ludwig  Baldass

„Tempesta“  das  früher  vollendete  Werk  zu  sein.  Der  Typus  und  die  Formengebung  der  nackten  Frau
stimmen  mit  der  „Laura“  von  1506  weit  überein.  Die  starke  Durchbildung  der  plastischen  Form  in
Gesicht,  Händen  und  Faltenwurf  des  sitzenden  der  „Drei  Philosophen“  (Abb.  112)  nähert  sich  bereits
dem  frühklassischen  Stil  der  Fondaco-Fresken  von  1508.
Das  letzte  der  von  Michiel  erwähnten  Werke  Giorgiones,  die  man  im  neunzehnten  Jahrhundert
identifizieren  zu  können  glaubte,  ist  die  „Schlafende  Venus“  in  Dresden.  Der  Cupido  zu  ihren  Füßen
ist  bekanntlich  im  neunzehnten  Jahrhundert  übermalt  worden,  so  daß  die  Komposition  ihr  Gleichgewicht ­
  verloren  hat  und  nur  mehr  mit  Hilfe  der  Röntgenbilder  rekonstruiert  werden  kann.  Infolge
seines  ungünstigen  Zustandes  eignet  sich  das  Gemälde  schlecht  zu  stilkritischen  Folgerungen.  Das
Bild  zeigt  heute  nur  mehr  wenig  von  Giorgiones,  aber  viel  von  Tizians  Geist,  dem  in  den  letzten  zwanzig
Jahren  verschiedene  Forscher  das  Bild  zur  Gänze  zugeteilt  haben.  Es  läßt  sich  heute  nur  über  die
Konzeption  ein  Urteil  fällen.  Im  Stil  Giorgiones  ist  das  Felsmotiv  am  linken  Rand,  Kopf  und  Akt  der
Venus  und  die  Fernlandschaft  in  der  Mitte  des  Bildes,  das  übrige  ist  von  Tizian  entworfen.  Die  Beschreibung ­
  bei  Michiel  ist  übrigens  so  knapp,  daß  sich  vor  allem  die  Frage  erhebt,  ist  das  Bild  wirklich
dasselbe,  das  1525  Hieronimo  Marcello  besessen  hat?  Gab  es  vielleicht  eine  Venus  von  Giorgione,  bei
der  Tizian  wirklich  nur  den  Cupido  und  die  Landschaft  vollendet,  nicht  aber  wie  hier  auch  das  Tuch
der  Venus  gemalt  und  landschaftliche  Motive  eigener  Erfindung  hinzugefügt  hatte?
B.  Stilkritische  Zuschreibung
An  diese  vier  durch  Michiel  beglaubigten  Werke  schließt  sich  kompositioneil  ein  leider  verlorengegangenes ­
  Landschaftsbild  eng  an.  Es  war  in  der  Sammlung  des  Erzherzogs  Leopold  Wilhelm,  wurde
von  Teniers  in  einem  kleinen  Bildchen  kopiert  und  von  Q.  Boel  als  Giorgione  gestochen  (Abb.  112).
Obwohl  das  Bild  in  keiner  älteren  Quelle  genannt  ist 24 ,  erscheint  mir  kein  Zweifel  möglich,  daß  das
verschollene  Original  von  Giorgione  herrührte.  Die  Figuren,  die  einzelnen  landschaftlichen  Motive  und
das  atmosphärische  Gesamtbild  sind  völlig  in  seinem  Stil.  Die  landschaftliche  Szene  teilt  sich  links  in
eine  nahe  Silhouette  einer  kleinen  Stadt  und  rechts  in  den  Ausblick  auf  ein  weites  Meeresgestade.
Diese  beiden  Hauptmotive  des  Landschaftsaufbaues  wurden  zusammengehalten  von  den  starken  Effekten
des  weiten  und  in  wechselnder  Beleuchtung  wiedergegebenen  Himmels  mit  einem  links  vorn  aufziehenden ­
  Gewitter.  Eine  dramatische  Handlung  ein  Mädchen  wird  von  einem  Krieger,  der  sie  im
Vorbeireiten  beim  Baden  entdeckt  hat,  wie  Lukrezia  von  Tarquinius  mit  dem  Dolche  bedroht  —  ist
in  rein  idyllischer  Weise  vorgetragen.  In  seiner  freien  und  breiten  Entfaltung  der  Szenerie  dürfte  das
Original  nach  der  „Tempesta“  entstanden  sein,  aber  kaum  viel  später.  Der  weibliche  Akt  ist  nämlich
sehr  ähnlich  bewegt  wie  die  badende  hrau,  die  auf  der  durch  Röntgenaufnahmen  zu  rekonstruierenden
ersten  Anlage  der  „Tempesta“ 25  links  im  Vordergrund  zu  sehen  war.
4.  Die  Entwicklung
Unter  den  wohl  beglaubigten  Werken  Giorgiones  befindet  sich  keines,  das  als  eigentliches  Jugend  werk
in  Anspruch  genommen  werden  kann.  Die  stilälteste  Schöpfung  ist  die  „Madonna  von  Castelfranco“,
24 )  Der  Erzherzog  hat  die  größte  Sammlung  von  Werken  Giorgiones  besessen,  von  der  wir  wissen.  Die  „Drei  Philosophen“,  die
„Auffindung  des  Paris“,  dieser  „Überfall“,  die  „Laura“,  die  Porträtskizze  in  Iludapest  waren  in  seinem  Besitz  und  außerdem
eine  Reihe  von  Bildern  aus  der  unmittelbaren  Umgebung  des  Meisters.  Die  bedeutendsten  dieser  Bilder  stammen  nach  den
neuesten  Forschungen  (E.  K.  Waterhouse,  Italian  Studie*  VII.  1952,  S.  I  ff.)  aus  der  Sammlung  Bartolomen  della  Nave,  die  um
1638  aus  Venedig  nach  England  gebracht  worden  war.  Dennoch  kann  die  Erwähnung  eines  Werkes  als  Giorgione  im  Inventar  des
Erzherzogs  von  1659  noch  nicht  als  Beglaubigung  durch  alte  Tradition  gelten,  da  hier  auch  Werke,  die  nicht  einmal  zu  Giorgiones
Kreis  gehören,  wie  Savoldos  „Philosoph.“  als  Original  des  Meisters  angeführt  werden.  Außerdem  wechselt  die  Bestimmung  mehrmals ­
  gegenüber  dem  Inventar  A  der  Sammlung  della  Nave.  Für  das  Inventar  des  Erzherzogs  Leopold  Wilhelm  gilt  dasselbe  wie
für  das  ältere,  von  dem  Waterhouse  mit  Recht  angenommen  hat,  “that  we  have  to  deal  with  scholarly  ingenuity  in  the  della
Nave  catalogue  sometimes  rather  than  with  tradition”.
Der  „Überfall“  (vielleicht  identisch  mit  Nr.  46.  Inventar  A)  war  nach  der  Miniatur  in  „Storffers  Inventarium“  1720  in  der  Wiener
Stallburg.
Die  Komposition  des  gleichfalls  verschollenen  „Raubes  der  Europa“  (die  Kopie  von  Teniers  im  Art  Institut  von  Chicago,  publ.
von  G.  M.  Richter,  Art  in  America,  30.  1942)  scheint  mir,  falls  Teniers  es  nicht  stark  modernisiert  hat,  über  Giorgiones
Möglichkeiten  hinauszugehen.
2ß )  Vgl.  die  Abbildung  bei  A.  Morassi,  Giorgione,  Milano,  o.  .1.  Tav.  1)1,  <)4.
            
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