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Ludwig Baldass
„Tempesta“ das früher vollendete Werk zu sein. Der Typus und die Formengebung der nackten Frau
stimmen mit der „Laura“ von 1506 weit überein. Die starke Durchbildung der plastischen Form in
Gesicht, Händen und Faltenwurf des sitzenden der „Drei Philosophen“ (Abb. 112) nähert sich bereits
dem frühklassischen Stil der Fondaco-Fresken von 1508.
Das letzte der von Michiel erwähnten Werke Giorgiones, die man im neunzehnten Jahrhundert
identifizieren zu können glaubte, ist die „Schlafende Venus“ in Dresden. Der Cupido zu ihren Füßen
ist bekanntlich im neunzehnten Jahrhundert übermalt worden, so daß die Komposition ihr Gleichgewicht
verloren hat und nur mehr mit Hilfe der Röntgenbilder rekonstruiert werden kann. Infolge
seines ungünstigen Zustandes eignet sich das Gemälde schlecht zu stilkritischen Folgerungen. Das
Bild zeigt heute nur mehr wenig von Giorgiones, aber viel von Tizians Geist, dem in den letzten zwanzig
Jahren verschiedene Forscher das Bild zur Gänze zugeteilt haben. Es läßt sich heute nur über die
Konzeption ein Urteil fällen. Im Stil Giorgiones ist das Felsmotiv am linken Rand, Kopf und Akt der
Venus und die Fernlandschaft in der Mitte des Bildes, das übrige ist von Tizian entworfen. Die Beschreibung
bei Michiel ist übrigens so knapp, daß sich vor allem die Frage erhebt, ist das Bild wirklich
dasselbe, das 1525 Hieronimo Marcello besessen hat? Gab es vielleicht eine Venus von Giorgione, bei
der Tizian wirklich nur den Cupido und die Landschaft vollendet, nicht aber wie hier auch das Tuch
der Venus gemalt und landschaftliche Motive eigener Erfindung hinzugefügt hatte?
B. Stilkritische Zuschreibung
An diese vier durch Michiel beglaubigten Werke schließt sich kompositioneil ein leider verlorengegangenes
Landschaftsbild eng an. Es war in der Sammlung des Erzherzogs Leopold Wilhelm, wurde
von Teniers in einem kleinen Bildchen kopiert und von Q. Boel als Giorgione gestochen (Abb. 112).
Obwohl das Bild in keiner älteren Quelle genannt ist 24 , erscheint mir kein Zweifel möglich, daß das
verschollene Original von Giorgione herrührte. Die Figuren, die einzelnen landschaftlichen Motive und
das atmosphärische Gesamtbild sind völlig in seinem Stil. Die landschaftliche Szene teilt sich links in
eine nahe Silhouette einer kleinen Stadt und rechts in den Ausblick auf ein weites Meeresgestade.
Diese beiden Hauptmotive des Landschaftsaufbaues wurden zusammengehalten von den starken Effekten
des weiten und in wechselnder Beleuchtung wiedergegebenen Himmels mit einem links vorn aufziehenden
Gewitter. Eine dramatische Handlung ein Mädchen wird von einem Krieger, der sie im
Vorbeireiten beim Baden entdeckt hat, wie Lukrezia von Tarquinius mit dem Dolche bedroht — ist
in rein idyllischer Weise vorgetragen. In seiner freien und breiten Entfaltung der Szenerie dürfte das
Original nach der „Tempesta“ entstanden sein, aber kaum viel später. Der weibliche Akt ist nämlich
sehr ähnlich bewegt wie die badende hrau, die auf der durch Röntgenaufnahmen zu rekonstruierenden
ersten Anlage der „Tempesta“ 25 links im Vordergrund zu sehen war.
4. Die Entwicklung
Unter den wohl beglaubigten Werken Giorgiones befindet sich keines, das als eigentliches Jugend werk
in Anspruch genommen werden kann. Die stilälteste Schöpfung ist die „Madonna von Castelfranco“,
24 ) Der Erzherzog hat die größte Sammlung von Werken Giorgiones besessen, von der wir wissen. Die „Drei Philosophen“, die
„Auffindung des Paris“, dieser „Überfall“, die „Laura“, die Porträtskizze in Iludapest waren in seinem Besitz und außerdem
eine Reihe von Bildern aus der unmittelbaren Umgebung des Meisters. Die bedeutendsten dieser Bilder stammen nach den
neuesten Forschungen (E. K. Waterhouse, Italian Studie* VII. 1952, S. I ff.) aus der Sammlung Bartolomen della Nave, die um
1638 aus Venedig nach England gebracht worden war. Dennoch kann die Erwähnung eines Werkes als Giorgione im Inventar des
Erzherzogs von 1659 noch nicht als Beglaubigung durch alte Tradition gelten, da hier auch Werke, die nicht einmal zu Giorgiones
Kreis gehören, wie Savoldos „Philosoph.“ als Original des Meisters angeführt werden. Außerdem wechselt die Bestimmung mehrmals
gegenüber dem Inventar A der Sammlung della Nave. Für das Inventar des Erzherzogs Leopold Wilhelm gilt dasselbe wie
für das ältere, von dem Waterhouse mit Recht angenommen hat, “that we have to deal with scholarly ingenuity in the della
Nave catalogue sometimes rather than with tradition”.
Der „Überfall“ (vielleicht identisch mit Nr. 46. Inventar A) war nach der Miniatur in „Storffers Inventarium“ 1720 in der Wiener
Stallburg.
Die Komposition des gleichfalls verschollenen „Raubes der Europa“ (die Kopie von Teniers im Art Institut von Chicago, publ.
von G. M. Richter, Art in America, 30. 1942) scheint mir, falls Teniers es nicht stark modernisiert hat, über Giorgiones
Möglichkeiten hinauszugehen.
2ß ) Vgl. die Abbildung bei A. Morassi, Giorgione, Milano, o. .1. Tav. 1)1, <)4.