DIE TAT DES G10RG10NE
VON LUDWIG BALDASS
I. DAS PROBLEM
Bei Betrachtung des Werdegangs der abendländischen Malerei können wir iin sechzehnten Jahrhundert
in Venedig ein höchst eigenartiges Phänomen beobachten. Die venezianische Malerschule
geht vom Beginn dieser Zeitspanne an ihren eigenen Weg und setzt sich Sonderziele, die sie alle die
Jahrzehnte hindurch zwar nicht immer mit gleicher Intensität, aber stets in konsequenter Weise verfolgt.
Diese Sonderziele führen die Venezianer weit von dem Wege ab, den die Maler des ganzen übrigen Italien
als des damals in der bildenden Kunst unbedingt führenden Landes beschriften haben und den zu
wandeln nur wenige, wie etwa der reife Correggio oder wie später Baroccio, gelegentlich zögern. Die
Tatsache der Sonderstellung der venezianischen Cinquecentomalerei ist um so wichtiger, als gerade
ihre besondere Zielsetzung im siebzehnten Jahrhundert von den meisten bedeutenden Malern des
Abendlandes übernommen worden ist. Keine Schule des Cinquecento hat also auf die Zukunft einen
gleich starken Einfluß ausgeübt wie die venezianische.
Worin besteht diese neue Zielsetzung? In Venedig wird im sechzehnten Jahrhundert die künstlerische
Gestaltung der sichtbaren Welt vor allem durch farbige Mittel erzielt. Die zur höchsten Leuchtkraft
entwickelte Farbe wird sogar meistens der Verpflichtung enthoben, stofflich zu charakterisieren,
und somit instand gesetzt, ihr Eigenleben frei zu entfalten. Die Vorherrschaft der Farbe über Linie und
Form ermöglicht es den Venezianern, die zeitgenössischen großen Stilrichtungen Italiens, wie die Klassik
der florentinischen Hochrenaissance, den parmensischen Manierismus und die Terribilitä Michelangelos,
so zu verarbeiten, daß höchstens eine kurze Verzögerung in der Verfolgung der eigenen Ziele entsteht.
Die fremden Züge gehen bald im Strome der autochthonen Entwicklung unter.
Das Dominieren der Farbe brachte es ferner mit sich, daß zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts
in Venedig ein neuer Malvorgang einsetzt. Unter dem Terminus „Malvorgang“ ist hier weniger die
Maltechnik und die Verwendung eines bestimmten Bindemittels —es ist zumeist mit Harz vermischtes
Öl , als die Art und Weise gemeint, mit Pinsel und Farbe umzugehen. Die Venezianer brechen endgültig
mit dem kolorierenden Charakter der Malerei, der von großen Florentinern der Hochrenaissance,
von Fra Bartolomeo und stärker noch von Andrea del Sarto, fast überwunden war, sich aber im
italienischen Manierismus aus der Tendenz heraus, scharfe Konturierung und plastische Modellierung
der Form als Hauptfaktoren des Bildaufbaues zu betonen, von neuem durchsetzt. Im venezianischen
Cinquecento bedient man sich daher in viel höherem Maße, als es sonst zu der Zeit üblich war, deckender
Farben. Die Venezianer verschleiern keineswegs die Art des Farbauftrags und machen ihn häufig
auch dort deutlich sichtbar, wo der Pinselstrich nicht einer bestimmten gegenständlichen Form folgt,
sondern lediglich der effektvollen Wirkung dient. Die Farbe wird reicher und komplizierter gemischt
und nuancenreicher abgewandelt als bisher. Die satten I arbtöne werden zudem stärker aufeinander
abgestimmt, Bei fortschreitender Entwicklung werden häufig selbst in reichen Kompositionen nicht
alle Farben des Regenbogens verwendet, der Maler trifft vielmehr auf seiner Palette eine bewußte Auswahl.
So bieten sich vielfach neue malerische Möglichkeiten. Zum erstenmal in der Geschichte der
neuzeitlichen Malerei finden wir in der venezianischen Kunst des sechzehnten Jahrhunderts eine
absolute, nämlich vom Gegenständlichen unabhängige Freude am koloristischen Zusammenklang.
Wie die gesamte Kunst des Cinquecento ist auch die venezianische Malerei idealistisch orientiert,
verliert aber niemals den Zusammenhang mit der Natur und mit der W irklichkeit, da höchstens der
Mensch und mit ihm sein Gewand, kaum aber seine Umwelt einer stärkeren Stilisierung unterworfen
werden. Diese der gesamten venezianischen Malerei anhaftenden Züge bedingen ihre Sonderstellung.
Die Stilmerkmale sind so offenkundig, daß es selbst dem Laien viel leichter wird, ein venezianisches
Gemälde von einem mailändischen, parmensischen, florentinischen oder römischen zu unterscheiden,
als die Erzeugnisse dieser Schulen auseinanderzuhalten. Während also im ganzen übrigen Italien, wie
übrigens auch nördlich der Alpen, die Grenzen der Lokalschulen im sechzehnten Jahrhundert fallen
und die Stilmerkmale der einzelnen Schulen sich verwischen, heben sich die Charakteristika der venezianischen
Malerei nun viel stärker heraus als je zuvor.