Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 39 (N.F.) (XXXIX=75)

GEDANKEN  ZU  DÜRERS  ALLERHEILIGENBILDERN

Von  Frid  erike  Klattner
Es  gibt  Kunstwerke,  die  den  Betrachter  so  stark  und  unmittelbar  ansprechen,  daß  er,  ohne  scheinbar ­
  lang  überlegen  zu  müssen,  gefühlsmäßig  und  intuitiv  zu  ganz  überraschenden  Beobachtungen
angeregt  wird.  Solche  Beobachtungen  müssen  natürlich  überprüft  und  wissenschaftlich  erhärtet  werden,
um  als  Grundlage  für  stichhaltige  Urteile  und  Ergebnisse  dienen  zu  können.  Dabei  kann  sich  unter
Umständen  herausstellen,  daß  die  Intuition  durchaus  recht  behält  oder  zumindest  m  die  richtige  Richtung ­
  weist,  in  die  wissenschaftliche  Methoden  möglicherweise  nicht  gefunden  hätten.  Nun  ist  aber
Intuition  oder  —  um  es  anders  zu  nennen  —  eine  plötzliche  gute  Idee  kein  „Wunder“,  sondern  eine
besondere  Leistung  der  Gestaltwahrnehmung,  eine  Art  von  unbewußter  Schlußfolgerung,  die  sich  aus  einem
Stock  von  Einzelwissen  ergibt,  das  aber  nicht  bewußt  verfügbar  ist 1 .  Freilich,  auch  die  Intuition  kann
irren,  wenn  die  Prämissen  falsch  sind.  Das  kann  aber  schließlich  auch  bei  induktiver  Vorgangsweise
geschehen,  womit  wir  zum  Schluß  dieser  einleitenden  Betrachtung  kommen:  Ein  Kunstwerk  ist  ein
so  komplexes  Gebilde,  daß  auch  der  Künstler  selbst  nur  mangelhaft  und  stückweise  über  sein  Entstehen ­
  Auskunft  geben  kann.  Nach  seiner  Vollendung  ist  das  Werk  abgelöst  von  seinem  Schöpfer  und
zum  selbständigen  Individuum  geworden,  das  innerhalb  bestimmter  Grenzen  Deutungen  erlaubt.  Die
Aussagen,  die  das  Werk  nach  den  Absichten  von  Maler  und  Besteller  machen  soll,  der  Weg  und  die
Mittel,  wodurch  diese  Absichten  zum  Ausdruck  gebracht  werden,  und  schließlich  das  fertige  Gebilde,  das
mehr  ist  als  nur  die  Addition  aller  Komponenten,  eben  eine  selbständige  Persönlichkeit  —  eine  solche
Persönlichkeit  in  ihrer  Totalität  zu  erfassen,  dazu  kann  jede  Methode  nur  kleinere  oder  größere  Beiträge
liefern,  ein  adäquates  Endergebnis  aber  wohl  kaum  erbringen,  denn  bei  jedem  Schritt,  den  wir  diesem
rätselhaften  Wesen  näherkommen,  weicht  es  wieder  ein  wenig  zurück  —  aber  das  macht  wohl  den
Zauber  großer  Kunst  aus.
Zunächst  scheint  es,  als  ob  es  über  Dürers  „Allerheiligenaltar“  oder  „Die  Anbetung  der  Dreifaltigkeit“ ­
  (Abb.  38),  wie  er  auch  heißt,  -wirklich  nichts  zu  sagen  gäbe,  was  nicht  ohnehin  schon  bekannt
wäre.  Auch  wirkt  dieses  Werk  schon  beim  bloßen  Anschauen  so  überzeugend  durch  die  Harmonie  der
Komposition,  die  Schönheit  und  Brillanz  der  Farben  und  des  malerischen  Vortrags,  durch  die  Kunst
der  zeichnerischen  Durchführung,  kurzum,  durch  ästhetische  Qualitäten,  daß  Fragen  zunächst  gar  nicht
aufkommen.  So  soll  es  aber  freilich  sein,  denn  zur  Vollkommenheit  des  Meisterwerks  der  Renaissance
gehörten  Klarheit,  Übersichtlichkeit  und  Harmonie  des  formalen  Aufbaus.  Darüber  hinaus  erscheint
das  Allerheiligenbild  so  überlegt  in  seiner  peniblen  Genauigkeit,  die  nicht  gestattet,  irgend  etwas  nicht
zu  berücksichtigen  —  wie  es  eben  die  Art  Dürers  war  —,  daß  es  schon  deshalb  überzeugend  und  fraglos
wirkt.  Daß  sich  der  Maler  selbst  ins  Bild  gesetzt  hat,  verstärkt  noch  diesen  Eindruck.  Tief  unter  den  Ereignissen ­
  im  Himmel  steht  er  im  feierlichen  Kleid  und  blickt  dem  Betrachter  des  Bildes  bedeutungsvoll ­
  und  fast  herausfordernd  in  die  Augen,  als  wollte  er  zum  Ausdruck  biingen,  daß  es  über  dieses  sein
Werk  wohl  keine  Debatten  mehr  gäbe,  daß  wohl  ohnedies  alles  klar  wäre.  Dennoch  leitet  gerade  dieses
Selbstportrait  eine  Reihe  von  Fragen  ein.
Der  Künstler  steht,  wie  gesagt,  außerhalb  der  Versammlung  im  Himmel,  er  steht  aber  auch  nicht
auf  der  Erde,  die  sich  weit  unten  in  Wasser  und  Land  auftut  ,  sondern  er  befindet  sich  zwischen  beiden,
wie  auf  dem  Plateau  eines  Berges,  außerhalb  von  Himmel  und  Erde  auf  einem  dritten  Niveau.  Damit
ist  er  wohl  im  Bild,  aber  außerhalb  der  dargestellten  Szene.  Bekanntlich  hat  sich  der  Maler  nicht  nur

i)  Konrad  Lorenz,  Psychologie  und  Stammesgeschichte  (1954),  in:  Vom  Weltbild  des  Verhaltensforschers,  9.  Aufl.  1976,  dtv,
S.  37.
            
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