GEDANKEN ZU DÜRERS ALLERHEILIGENBILDERN
Von Frid erike Klattner
Es gibt Kunstwerke, die den Betrachter so stark und unmittelbar ansprechen, daß er, ohne scheinbar
lang überlegen zu müssen, gefühlsmäßig und intuitiv zu ganz überraschenden Beobachtungen
angeregt wird. Solche Beobachtungen müssen natürlich überprüft und wissenschaftlich erhärtet werden,
um als Grundlage für stichhaltige Urteile und Ergebnisse dienen zu können. Dabei kann sich unter
Umständen herausstellen, daß die Intuition durchaus recht behält oder zumindest m die richtige Richtung
weist, in die wissenschaftliche Methoden möglicherweise nicht gefunden hätten. Nun ist aber
Intuition oder — um es anders zu nennen — eine plötzliche gute Idee kein „Wunder“, sondern eine
besondere Leistung der Gestaltwahrnehmung, eine Art von unbewußter Schlußfolgerung, die sich aus einem
Stock von Einzelwissen ergibt, das aber nicht bewußt verfügbar ist 1 . Freilich, auch die Intuition kann
irren, wenn die Prämissen falsch sind. Das kann aber schließlich auch bei induktiver Vorgangsweise
geschehen, womit wir zum Schluß dieser einleitenden Betrachtung kommen: Ein Kunstwerk ist ein
so komplexes Gebilde, daß auch der Künstler selbst nur mangelhaft und stückweise über sein Entstehen
Auskunft geben kann. Nach seiner Vollendung ist das Werk abgelöst von seinem Schöpfer und
zum selbständigen Individuum geworden, das innerhalb bestimmter Grenzen Deutungen erlaubt. Die
Aussagen, die das Werk nach den Absichten von Maler und Besteller machen soll, der Weg und die
Mittel, wodurch diese Absichten zum Ausdruck gebracht werden, und schließlich das fertige Gebilde, das
mehr ist als nur die Addition aller Komponenten, eben eine selbständige Persönlichkeit — eine solche
Persönlichkeit in ihrer Totalität zu erfassen, dazu kann jede Methode nur kleinere oder größere Beiträge
liefern, ein adäquates Endergebnis aber wohl kaum erbringen, denn bei jedem Schritt, den wir diesem
rätselhaften Wesen näherkommen, weicht es wieder ein wenig zurück — aber das macht wohl den
Zauber großer Kunst aus.
Zunächst scheint es, als ob es über Dürers „Allerheiligenaltar“ oder „Die Anbetung der Dreifaltigkeit“
(Abb. 38), wie er auch heißt, -wirklich nichts zu sagen gäbe, was nicht ohnehin schon bekannt
wäre. Auch wirkt dieses Werk schon beim bloßen Anschauen so überzeugend durch die Harmonie der
Komposition, die Schönheit und Brillanz der Farben und des malerischen Vortrags, durch die Kunst
der zeichnerischen Durchführung, kurzum, durch ästhetische Qualitäten, daß Fragen zunächst gar nicht
aufkommen. So soll es aber freilich sein, denn zur Vollkommenheit des Meisterwerks der Renaissance
gehörten Klarheit, Übersichtlichkeit und Harmonie des formalen Aufbaus. Darüber hinaus erscheint
das Allerheiligenbild so überlegt in seiner peniblen Genauigkeit, die nicht gestattet, irgend etwas nicht
zu berücksichtigen — wie es eben die Art Dürers war —, daß es schon deshalb überzeugend und fraglos
wirkt. Daß sich der Maler selbst ins Bild gesetzt hat, verstärkt noch diesen Eindruck. Tief unter den Ereignissen
im Himmel steht er im feierlichen Kleid und blickt dem Betrachter des Bildes bedeutungsvoll
und fast herausfordernd in die Augen, als wollte er zum Ausdruck biingen, daß es über dieses sein
Werk wohl keine Debatten mehr gäbe, daß wohl ohnedies alles klar wäre. Dennoch leitet gerade dieses
Selbstportrait eine Reihe von Fragen ein.
Der Künstler steht, wie gesagt, außerhalb der Versammlung im Himmel, er steht aber auch nicht
auf der Erde, die sich weit unten in Wasser und Land auftut , sondern er befindet sich zwischen beiden,
wie auf dem Plateau eines Berges, außerhalb von Himmel und Erde auf einem dritten Niveau. Damit
ist er wohl im Bild, aber außerhalb der dargestellten Szene. Bekanntlich hat sich der Maler nicht nur
i) Konrad Lorenz, Psychologie und Stammesgeschichte (1954), in: Vom Weltbild des Verhaltensforschers, 9. Aufl. 1976, dtv,
S. 37.