Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 12 (N.F.) (XII=48)

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Abb.  43.  Gewandstück  aus  dem  Sarkophag  Roger  I.  in  Palermo.  Nach  dem  Stich  von  F.  Daniele.

EIN  GOLDSTOFF  DES  LYONER  TEXTILMUSEUMS

UND  SEINE  BEZIEHUNG  ZU  DEN  WIRKBORTEN  DES  DEUTSCHEN  KAISERMANTELS.
VON  HANNA  KRONBERGER-FRENTZEN.

N achdem  im  Jahre  1924  A.  Weixlgärtner  die  bis  dahin  nur  teilweise  aufgedeckten  gold-seidenen  Saumstreifen ­
  an  der  Innenseite  des  Kaisermantels  freilegen,  näher  untersuchen  und  ausführlich  beschreiben
konnte, 1  ergaben  sich  viele  neue  Gesichtspunkte,  die  diesen  kund  zum  wichtigsten  Zeugnis  fih  eine  dei  Stickkunst
ebenbürtige  Entwicklung  der  Bildwirkerei  des  arabo-normannischen  Kulturkreises  machten.  Der  eindrucksvollste ­
  Beweis  für  die  hochentwickelte  Textilkunst  jener  Zeit  war  zuvor  die  herrliche  Goldstickerei,  mit
der  die  purpurne  Außenseite  des  Krönungsmantels  geschmückt  ist.  Wie  die  kufische  Umschrift  am  Rande
meldet,  wurde  dieses  fürstliche  Prunkgewand  »im  528.  Jahre  der  Hedschra  (um  1133')  in  den  königlichen
Werkstätten  der  Hauptstadt  Siziliens«  —  das  heißt  zu  Palermo  unter  der  Regierung  Rogers  II.  —  geschaffen.
Das  wenige,  was  uns  vor  Weixlgärtners  überraschendem  Ergebnis  an  Geweben  der  gleichen  Zeit
bekannt  war,  konnte  den  Vergleich  mit  diesem  Meisterwerk  der  Nadelarbeit  nicht  aufnehmen,  denn  es  handelte ­
  sich  im  wesentlichen  nur  um  kleine  Fragmente  von  Borten  und  Stoffen  in  der  eigentümlichen  Viiktechnik,
  die  Kumsch 2  als  »Flechtgewebe«  bezeichnet  hat.
Die  drei  verschiedenen  Besatzstoffe  des  Kaisermantels  haben  sich  als  handwerklich  hervorragende
Leistungen  der  Webekunst  erwiesen,  zugleich  aber  bieten  sie  als  besonderes  Merkmal  noch  reiche  figüiliche
Darstellungen,  die  in  Verbindung  mit  einem  stets  wiederkehrenden  Band-  und  Schlangenoinament  manches
Rätsel  aufgeben.  Die  einzige  textile  Parallele  zu  den  Formen  dieser  Bildwirkereien  fand  A.  Weixlgärtner
in  der  Borte  eines  Gewandstückes,  das  im  Jahre  1784  bei  der  Öffnung  der  Kaisergräber  des  Domes  zu
Palermo  im  Porphyrsarkophag  Rogers  I.  zum  Vorschein  gekommen  war.  Aber  dieses  Gewebe  ist  verschollen
und  lediglich  als  Kupferstich  in  dem  Werke  von  F.  Daniele 3  überliefert,  das  die  sämtlichen  Grabbeigaben  darstellt
(Abb.  Der  Stecher  des  18.  Jahrhunderts  hat  jedoch,  obwohl  er  sich  genau  an  jede  Einzelheit  des  Musters

1  A.  Weixlgärtner:  Die  weltliche  Schatzkammer  zu  Wien.  (Neue  Bunde  und  Forschungen.)  Jb.  d.  kh.  Sign,  in  Wien
1926,  N.  F.,  Bd.  1,  S.  63  fr.
2  E.  Kumsch:  Mittelalterliche  Flechtgewebe.  Zeitschr.  f.  bild.  Kunst,  Leipzig  1903,  S.  308ff.
3  F.  Daniele:  I.  regali  sepolcri  del  Duomo  di  Palermo  riconoscuti  e  illustrati.  Napoli  1784,  Tat.  C.
            
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