HARNISCH STUDIEN.
VON BRUNO THOMAS.
III. STILGESCHICHTE DES DEUTSCHEN HARNISCHES VON 1530 BIS 1560. 1
I confess that Germany had far greater plenty and
störe of armour, artillerie and weapon, with cunning
artificers to forge and make the same, then al the rest
of the Occidental parts of Christendome besides.
Sir John Smythe 1595.
ine Stilgeschichte des Harnisches stellt keine glatte Abfolge zeitlich scharf trennbarer Stilperioden fest.
1 ^ Sie ergibt kein ausschließliches Nacheinander wohl gar von 5 zu 5 Jahren. Wer solches erwartet oder
gar fordert, verstößt gegen die Vorstellung von der mehrdimensionalen Dichte des Generationenaufbaus — er
mißachtet und leugnet die eigenschöpferische Kraft im künstlerischen Schaffensvorgang.
Waffe — ebenso wie Kostüm (zuzeiten Begriffe, die sich überschneiden und gar decken) — ist nicht
»selbstverständliches« Beiwerk unter den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten einer Zeit. Sie bildet nicht
bloß ein Hilfsmittel, eine Eselsbrücke für den Kunstforscher, der nach ihren Formen, wie nach festem Rezept,
die Entstehungszeit eines Kunstwerks, eines Gemäldes oder Bildwerks unfehlbar ablesen möchte, an dem
ihr Abbild erscheint. Sie stellt selbst Auswirkung und Ergebnis formschaffender Leistung und künstlerischer
Gestaltbildung dar. Darum steht sie gleichberechtigt neben allen anderen Arten und Gattungen von Kunstäußerungen.
Sie unterwirft sich ebenso allen Strömungen, die Kunst und Kunsthandwerk sonst beherrschen.
Sie wandelt ihre Gestalt und ihren Ausdruckscharakter im Ablauf der Zeit und mit den überragenden
Persönlichkeiten ihrer Meister, die stilbildende Anregungen von außen annehmen oder von sich aus nicht
nur die technische, sondern auch die künstlerische Entwicklung lenken.
Die Zeitspanne von 1530 bis 1560, der zweiten Generation des 16. Jahrhunderts gehörig, sieht auf dem
weiten Raum des deutschen Kulturbodens nicht allein die ungleich alten Geschlechter — die jungen, die
Ausgereiften, die Gealterten - nebeneinander und gemeinsam am Werk. Sie kennt in ihrem Reichtum der
Kräfte eine Aufspaltung in Stämme und Landschaften, Stadtgebiete und an Höfe gebundene Werkstätten.
In ihnen lenken Individualitäten — sie sind auf dem Gebiet der schönen deutschen Waffe durchaus reich
und bedeutend vertreten — Geschmack und Formwillen oder greifen auf, was ihnen »Mode« und unpersönlicher
Zeitstil zutragen.
Gewiß, die wissenschaftliche Waffenkunde ist heute noch nicht entfernt so weit, in jedem Falle mit
Sicherheit regionale Bestimmung und Scheidung nach Künstlerpersönlichkeiten vorzunehmen. Werk und
Stil der einzelnen großen Meister und Werkstätten stehen keineswegs fest. Die Waffenkunde ist darin
heute ungefähr so weit wie die übrige Kunstwissenschaft vor 60 und 70 Jahren etwa war. In demselben
Sinne, wie man damals die Bezeichnung »Kölnische Malerschule« und »Meister Wilhelm« gebrauchte, verwendet
die Waffenforschung heute noch »Augsburg« und »Piccinino« als ungegliederte und verwaschene
Sammelbegriffe.
Unterschiede sind nie geleugnet worden. Sie sind nur zumeist noch nicht gedeutet. Sie sind so groß,
die Vielfalt der Formen und der künstlerischen Lösungen springt so stark in die Augen, daß eine sichtend
ordnende Methode von selbst darauf gedrängt wird, ein dichtes Geflecht durchlaufender und sich verknotender
Fäden zu entwirren. Die Stile oder Richtungen lösen sich nicht ab, im Gegenteil — neben- und ineinander
fließen Strömungen, treten für Jahrzehnte an die Oberfläche, um hernach wieder zu verschwinden, um an
anderem Orte, zu anderen Zeiten, in anderem Mischungsverhältnis wieder emporzukommen und sich auszubreiten.
Dieses Gegenspielen, dieser Kampf und Wettstreit der gestaltenden Kräfte, die aufeinanderprallen und
zum Ausgleich gelangen, die gegeneinander und zusammen wirken: dies ist zu schildern, nicht die reibungslose
Ausschaltung einer Form durch die andere, jeweils »weiter fortgeschrittene« im Sinne einer naiven Fortschrittsund
Entwicklungsvorstellung. Dieser Kampf herrscht vor 1530, er ist nach 1560 keineswegs erloschen. Zum
1 Die nachfolgende Untersuchung schließt unmittelbar an meine Untersuchung »Harnischstudien I: Stilgeschichte des
deutschen Harnisches von 1500 bis 1530«, im Jb. d. kh. Sign, in Wien N. F. XI, 1937,139 —158 an, die sie voraussetzt. Eine
künftige Fortsetzung gleicher Art über 1560 hinaus liegt im Bereich einer abschließenden Planung.