Herbert Seiberl
handen, die über die Ausdrucksgestaltung in
der Spätgotik hinausgeht. Von wunderbarer
Feinheit ist der Ausdruck in dem schönen
breitgeformten Christuskopf mit dem spre
chenden Mund. Der Künstler versucht in die
sem Antlitz unendliche göttliche Milde dar
zustellen. Dabei wird die Idealgestalt des
Heilandes noch durch die Gegenüberstellung
des Todes hervorgehoben, durch dessen ge
borstene Mumienhaut das Skelett sichtbar
wird und der gleich anderen zeitgenössischen
Darstellungen als Kennzeichen des Zerfalles
die Schlange um den Hals und die am Her
zen nagende Kröte trägt. In anderem Sinne
kontrastiert zu dem Christushaupt das Antlitz
der Mutter Maria. Die Spuren eines tiefen
Leides sind in den herben, kräftig geformten
Zügen ausgeprägt und geben dem Kopfe
etwas Heroisches. Und seltsam ergreifend
ist auch der bereits erwähnte fragende Aus
druck in dem fast derben Renaissancekopf
des Ritters, in dem wir möglicherweise ein
Porträt zu erblicken haben.
Das Epitaph ist mit großem handwerk
lichen Können und höchster Sorgfalt ge
arbeitet. Alles ist bis in die geringfügigsten
Details aufs feinste durchgebildet und ge
glättet. Das Relief ist dabei von beträchtlicher
Tiefe; manche Teile, namentlich der Christus,
sind fast vollplastisch herausgearbeitet. Auf
fällig ist das Gefühl für die Behandlung der
Oberfläche. Der glatte Körper des Christus,
sein weiches welliges Haar, die rauhe, mit
dem Stichel gearbeitete Baumrinde des An
dreaskreuzes oder der Kontrast zwischen der
verdorrten Haut und den blanken Knochen
beim Tod zeigen die umfangreiche Skala des Stofflichen, die dem Künstler zu Gebote steht. Dieser Reich
tum an Details läßt vermuten, daß das Relief, wie dies bei Kleinplastiken der Zeit die Regel ist, von vorne-
herein nicht für eine Fassung bestimmt war. Doch ist das Bildwerk in seinem ganzen Charakter durchaus
nicht »kleinmeisterlich«, sondern besitzt inhaltlich und formal eine gewisse monumentale Größe.
Einen beiläufigen Anhaltspunkt für die Datierung des Reliefs bildet der Harnisch des Ritters. Die Unter
suchung datierter Harnischdarstellungen in der Grabplastik und in der Graphik, vor allem in den maximiliani-
schen Holzschnittzyklen, ergibt ziemlich gut datierbare Modeformen, wobei hervorzuheben ist, daß es sich
in den meisten Fällen nicht um Nachbildungen tatsächlich vorhandener Harnische handelt, sondern um freie
Schöpfungen des Künstlers, die zumeist dem Zeitgeschmack folgen. Der Harnisch des frühen 16. Jahrhunderts
betont die Körperform. Im ersten Jahrzehnt ist er glatt belassen. Später erfolgt eine Auflösung der Flächen
mit linearen Mitteln. Anfänglich erstreckt sich die Riefelung nur auf einzelne Teile des Harnisches. Ganz
durchgeriefelte Harnische werden erst im dritten Jahrzehnt die Regel. Der Typus des vorliegenden Harnisches
ist in der Graphik des zweiten Jahrzehntes am verbreitetsten. Die Riefelung geht nur über die Brust, Bauch
reifen, Beintaschen und Oberbeinzeug. Nicht durchgeführt ist sie über Schultern, Armzeug und Handschuhen.
Dazu kommt, daß die Ellbogenmuscheln eine ziemlich altertümliche, noch in der Gotik vorkommende Form
Abb. 168.
Christus und die Frauen. Relief im Prager Landesmuseum.
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