Full text: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 12 (N.F.) (XII=48)

Herbert Seiberl 
handen, die über die Ausdrucksgestaltung in 
der Spätgotik hinausgeht. Von wunderbarer 
Feinheit ist der Ausdruck in dem schönen 
breitgeformten Christuskopf mit dem spre 
chenden Mund. Der Künstler versucht in die 
sem Antlitz unendliche göttliche Milde dar 
zustellen. Dabei wird die Idealgestalt des 
Heilandes noch durch die Gegenüberstellung 
des Todes hervorgehoben, durch dessen ge 
borstene Mumienhaut das Skelett sichtbar 
wird und der gleich anderen zeitgenössischen 
Darstellungen als Kennzeichen des Zerfalles 
die Schlange um den Hals und die am Her 
zen nagende Kröte trägt. In anderem Sinne 
kontrastiert zu dem Christushaupt das Antlitz 
der Mutter Maria. Die Spuren eines tiefen 
Leides sind in den herben, kräftig geformten 
Zügen ausgeprägt und geben dem Kopfe 
etwas Heroisches. Und seltsam ergreifend 
ist auch der bereits erwähnte fragende Aus 
druck in dem fast derben Renaissancekopf 
des Ritters, in dem wir möglicherweise ein 
Porträt zu erblicken haben. 
Das Epitaph ist mit großem handwerk 
lichen Können und höchster Sorgfalt ge 
arbeitet. Alles ist bis in die geringfügigsten 
Details aufs feinste durchgebildet und ge 
glättet. Das Relief ist dabei von beträchtlicher 
Tiefe; manche Teile, namentlich der Christus, 
sind fast vollplastisch herausgearbeitet. Auf 
fällig ist das Gefühl für die Behandlung der 
Oberfläche. Der glatte Körper des Christus, 
sein weiches welliges Haar, die rauhe, mit 
dem Stichel gearbeitete Baumrinde des An 
dreaskreuzes oder der Kontrast zwischen der 
verdorrten Haut und den blanken Knochen 
beim Tod zeigen die umfangreiche Skala des Stofflichen, die dem Künstler zu Gebote steht. Dieser Reich 
tum an Details läßt vermuten, daß das Relief, wie dies bei Kleinplastiken der Zeit die Regel ist, von vorne- 
herein nicht für eine Fassung bestimmt war. Doch ist das Bildwerk in seinem ganzen Charakter durchaus 
nicht »kleinmeisterlich«, sondern besitzt inhaltlich und formal eine gewisse monumentale Größe. 
Einen beiläufigen Anhaltspunkt für die Datierung des Reliefs bildet der Harnisch des Ritters. Die Unter 
suchung datierter Harnischdarstellungen in der Grabplastik und in der Graphik, vor allem in den maximiliani- 
schen Holzschnittzyklen, ergibt ziemlich gut datierbare Modeformen, wobei hervorzuheben ist, daß es sich 
in den meisten Fällen nicht um Nachbildungen tatsächlich vorhandener Harnische handelt, sondern um freie 
Schöpfungen des Künstlers, die zumeist dem Zeitgeschmack folgen. Der Harnisch des frühen 16. Jahrhunderts 
betont die Körperform. Im ersten Jahrzehnt ist er glatt belassen. Später erfolgt eine Auflösung der Flächen 
mit linearen Mitteln. Anfänglich erstreckt sich die Riefelung nur auf einzelne Teile des Harnisches. Ganz 
durchgeriefelte Harnische werden erst im dritten Jahrzehnt die Regel. Der Typus des vorliegenden Harnisches 
ist in der Graphik des zweiten Jahrzehntes am verbreitetsten. Die Riefelung geht nur über die Brust, Bauch 
reifen, Beintaschen und Oberbeinzeug. Nicht durchgeführt ist sie über Schultern, Armzeug und Handschuhen. 
Dazu kommt, daß die Ellbogenmuscheln eine ziemlich altertümliche, noch in der Gotik vorkommende Form 
Abb. 168. 
Christus und die Frauen. Relief im Prager Landesmuseum. 
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