Full text: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 12 (N.F.) (XII=48)

EIN SALZBURGER BILDWERK IM PRAGER LANDESMUSEUM. 
VON HERBERT SEIBERL. 
as Prager Landesmuseum besitzt unter den Leihgaben aus dem Städtischen Museum ein Relief, das 
J—/ zweifellos zu den interessantesten Arbeiten der nordischen Renaissanceplastik zu zählen ist (Taf. XIV)} 
Es ist aus einem Lindenblock von ioocm Höhe, 97 cm Breite und 25 5 cm Tiefe geschnitten und war offen 
bar in einen Schrein eingepaßt. Der derzeitige Rahmen einschließlich der Rückwand und der geschnitzten 
Wolken ist späteren Datums. 2 
Dargestellt sind fünf Personen. In der Mitte befindet sich der nur mit einem Lendentuch bekleidete 
Christus, um den die übrigen Figuren in symmetrisch ausgewogener Komposition derart gruppiert sind, daß 
ihre Standflächen die Ecken eines Viereckes bilden, in dessen Mittelpunkt Christus steht. Die eine Diagonale 
dieses Vierecks wird in der Komposition besonders betont: Der hinter Christus stehende Tod hält die ge 
panzerte Faust eines im Vordergrund knienden Ritters gefaßt. Diese strenge, fast rechnerisch erdachte Kom 
positionsweise ist bezeichnend für Werke der nordischen Renaissance. 
Das Relief ist ein Teil eines Epitaphs. Die Sanduhr, die der Tod emporhebt, und der Griff nach der 
Hand des Ritters besagen, daß dieser dem Tode verfallen ist. Sein Schutzpatron, der heilige Andreas, steht 
ihm jedoch bei und empfiehlt ihn dem Heilande. Eine leise, erwartungsvolle Bangnis ist in dem zu Christus 
erhobenen Blick des Ritters. Der Heiland selbst schaut mild zu der Matrone im Vordergrund, zur Fürbitterin 
Maria, und greift nach der Hand des Todes, um diese von der des Ritters zu lösen. Es ist hier also die 
Erlösung vom Tode durch Christus in eigentümlich ergreifender Weise dargestellt. 
Vorbilder für dieses Thema werden wohl kaum in der vorausgehenden Kunst zu finden sein, vielmehr 
ist der Bildgedanke offensichtlich eine echt humanistische Erfindung. Wohl sind die einzelnen Figurentypen 
durchaus nichts Neues, der kniende Ritter z. B. entspricht dem landläufigen Stifterbildnis, dem zumeist auch 
der Schutzheilige in ähnlicher Weise beigegeben ist. Sogar die Handbewegung, mit der der Heilige den 
Schutzbefohlenen gewissermaßen dem Heilande zuführt, ist in der Kunst des frühen 16. Jahrhunderts etwas 
Alltägliches. Die Maria wiederum ist eine Abwandlung der Kreuzigungsmuttergottes. Aber die enge geistige 
Beziehung der Figuren zueinander und die wohldurchdachte Art, mit der alles auf den Grundgedanken des 
Bildes konzentriert wird, sind Elemente, die selbst der reifsten Gotik fremd sind, in der das Ornamentale 
noch immer die Hauptrolle spielt. Die Komposition ist darum nicht mehr ein rein dekoratives Liniengefüge, 
sondern sie ist darauf angelegt, den Mittelpunkt des Bildes hervorzuheben. Tiefe, schattenbildende Hohl 
räume umrahmen überdies diesen Teil des Reliefs und lassen den Oberkörper Christi und die Gruppe der 
Hände hellbeleuchtet aus dem Dunkel hervortreten. 
Die Renaissance offenbart sich auch in der Behandlung der Figuren selbst. Bezeichnend ist vor allem 
die Auffassung des Körperlichen. Bei Andreas und Maria sehen wir, wie sich der schwellende Körper allent 
halben durch die weiten, faltigen Gewänder durchformt. Die Expansion des Körperlichen ist zwar auch der 
barocken Spätgotik eigen, doch ist im Gegensatz zu dieser die alte gotische Körperschwingung beim Prager 
Epitaph kontrapostisch umgedeutet. Gerade darin liegt aber eine weitere Steigerung des körperlichen Elementes, 
denn die Figur verliert durch die Verwendung von Spiel- und Standbein den letzten Rest gotischer Schemen- 
haftigkeit. Des Künstlers Interesse an der Darstellung des menschlichen Körpers spürt man besonders in 
der Figur Christi. Wenn auch die anatomische Durchbildung und die Figurenproportion noch manche Schwächen 
und Unklarheiten zeigen — etwa die nicht ganz richtig geformten Schlüsselbeine oder die unverhältnismäßige 
Länge des Abstandes vom unteren Brustrande bis zum Kinn —, so verfügt der Künstler dennoch schon über 
beträchtliche anatomische Kenntnisse, die er — manchmal fast ein wenig zu viel — auszuwerten sucht. Mit 
großem Fleiß werden die an der Körperoberfläche in Erscheinung tretenden Knochen und die einzelnen 
Muskelpartien hervorgearbeitet. Mit peinlicher Genauigkeit sind bei allen Figuren auch Hände und Füße 
durchgeformt. 
Nicht minder drückt sich die neue Kunstgesinnung in den Köpfen aus. Abgesehen vom Andreas, in 
dem noch die gotische Typenhaftigkeit nachwirkt, ist eine charaktermäßige Verdichtung des Seelischen vor- 
1 Inv.-Nr. Dep. 1140. 
2 Der Verfasser dankt Herrn Dozenten Dr. Kvet für die Beschaffung der Lichtbilder und der Maße. 
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